Sieben Fragen an Marcus Siebler und Annika Ziegltrum

Marcus Siebler, Sarah Schönacher, Annika Ziegltrum und Peter Eggert

Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Marcus Siebler und der Schauspielerin Annika Ziegltrum, welche bereits seit sechs Jahren zusammenarbeiten, erzählten sie uns mehr ihren Kurzfilm „Wildschaden“, der mit viel Begeisterung auf der 25. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg angenommen wurde, warum sie sich für einen One-Taker entschieden haben, welchen Einfluss Tennessee Williams hatte und welchen Herausforderungen sie sich beim Dreh stellen mussten.  

Wie kam es zu der Idee für den Film? Hatte einer von euch schon einmal einen Unfall mit Wildschaden?

Andreas Birkeneder und Annika Ziegltrum

Marcus: Wer auf dem bayerischen Land lebt, hat zwangsläufig früher oder später einmal Erfahrung mit Wildunfällen. Mir geschah es vor einigen Jahren, als das von mir angefahrenes Reh tatsächlich vor dem Auto verletzt sitzen blieb und immer wieder versuchte, aufzustehen. Dieses Erlebnis diente sozusagen als Blaupause für den Film, wenngleich ich mich jetzt nicht unbedingt exakt so verhalten haben dürfte wie Stephanie Zella-Mehlis in der Geschichte. Auch im Echt-Fall kam ein Jäger und das Reh hat, anders als im Film, überlebt, denn just bei seinem Eintreffen scheint es sich soweit erholt zu haben, dass es in den Wald lief und verschwand. Er hat es jedenfalls nicht mehr gefunden.

Welche Rolle spielt das Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ für eure Geschichte? Annika, hast Du selbst auch Theatererfahrungen?

Peter Eggert, Marcus Siebler und Andreas Birkeneder

Marcus: Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“ entstammt dem alten, untergegangenen Südstaaten-Adel. Sie kommt aus einer beschützten und sich selbst romantisierenden Welt. Sie lebt in einer Blase, die sie nicht verlässt, abgeschnitten von so ziemlich allem, was mit unangenehmen Realitäten eines Lebens zu tun hat. Sie sagt „I don’t want realism. I want magic!“ und ist entsprechend naiv. Trotz Überforderung und ihrer extremen emotionalen Schwankungen lässt sie uns aber keineswegs kalt. Wer Stephanie Zella-Mehlis im Film aufmerksam beobachtet, kann einige dieser Eigenschaften sicherlich auch bei ihr finden. Zu viel Wohlstand vernebelt unsere Sinne, das wusste Tennessee Williams und das sehen wir auch heutzutage.

Annika: Theatererfahrung habe ich wenig, mir fehlt im Moment leider die Zeit dafür. Die Figur der Blanche DuBois war eine große Hilfe für mich um meine Stephanie Zella-Mehlis zu finden, zu formen und um zu verstehen, was Marcus meinte, wenn er sagte „mehr“.

Warum habt ihr dafür entschieden einen One-Shot zu drehen? Und welche Schwierigkeiten taten sich dabei auf?

Marcus Siebler, Sarah Schönacher und Peter Eggert

Marcus: Ein Film in einer Einstellung zwingt sein Publikum regelrecht dazu, dranzubleiben. Es erlebt eine Situation in Echtzeit und das hat seinen ganz eigenen Reiz, den ich immer schon einmal ausprobieren wollte. Technisch gab es eine Menge an Herausforderungen, die neu für uns waren. Das reicht von Licht und Mikros über das Verschwindenlassen von Kabeln im Auto bis hin zum Anbringen von Kamera und verschiedenster Technik auf der Motorhaube. Ich selbst saß während des eigentlichen Drehs in einem VW-Bus etwa hundert Meter entfernt vor einem Monitor. Bild und Ton mussten sozusagen live via Funk übertragen werden und Sarah pegelte den Ton auf dem Rücksitz des Autos im Liegen. Ein One-Take von zwölf Minuten benötigt möglichst viel emotionale Dynamik, um das Publikum bei der Stange zu halten. Da tasteten wir uns mit den verschiedenen Durchläufen nach und nach vor. Man hat beim Filmemachen in der Postproduktion im Normalfall eine Menge an Einfluss, da hier aber die Montage sozusagen in den Moment der Aufnahme verlegt ist, muss man sich auf sein Gefühl verlassen, wenn es darum geht, ob der Take als kompletter Kurzfilm funktionieren kann oder nicht.

Annika: Eine technische Schwierigkeit war z. B., dass sich die Kamera, obwohl sie nicht wie andere technische Geräte über den Zigarettenanzünder mit Strom versorgt wurde, immer dann abgeschaltet hat, wenn ich das Fenster zugemacht habe oder mir das Auto abgestorben ist. Dies wäre in der Story völlig in Ordnung gewesen, so aber war das Bild weg und der Take unbrauchbar.

Annika, wie war es für Dich als Schauspielerin, einen One-Taker zu machen?

Annika Ziegltrum

Annika: Klar haben wir den One-Shot im Vorfeld öfter komplett geprobt. Ich musste mich insgesamt länger vorbereiten. So wurde es zur Routine bei jeder Autofahrt, die ich alleine unterwegs war, Stephanie Zella-Mehlis „dabei“ zu haben. Sogar nach Drehschluss spulte ich automatisch den Text wieder ab, bis ich merkte: Moment, diese Person darf ich jetzt auch wieder abgeben. Ein Vorteil einer Einstellung ist allerdings tatsächlich, dass die Emotion chronologisch in einem durchläuft.

Die Frage, welche auf einigen Sichtungen aufkam, war, warum ihr euch dafür entschieden habt, wirklich mit dem Auto ein Stück zu fahren. Rein theoretisch hätte man auch nur so tun können.

Sarah Schönacher

Marcus: Ich bin der Meinung, dass man zusätzliche Technik nur dann einsetzen sollte, wenn es unumgänglich für einen Film ist. Bei zu vielen technischen Spielereien verliert man schnell die notwendige Aufmerksamkeit für seine Geschichte. Da man heute auch mit sehr niedrigen Budgets technisch vieles umsetzen kann, kommt die für einen Film so wichtige Frage, wie man eine Sache auch alternativ lösen kann, fast vollständig zum Erliegen. Eine große Bandbreite an Möglichkeiten schadet der Kreativität, da bin ich mir sicher. Natürlich hätten wir Annika und das Auto vor den Green-Screen stellen können. Solche Szenen wirken jedoch auf mich selbst bei großen Produktionen manchmal immer noch künstlich. Der Film wirkt nur deshalb so echt, weil eben alles echt ist. Annika stand nicht in einem Studio im Warmen, sondern in einer kalten Winternacht auf einer echten, wenn auch gesperrten Straße, mitten in der Prärie.

Ihr arbeitet schon länger zusammen. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

Marcus: Wir kennen uns seit gut sechs Jahren. Aufmerksam aufeinander wurden wir während unseres Kurzfilmfestivals in Schrobenhausen, das von unserer Filmgruppe ins Leben gerufen und jährlich dort veranstaltet wird. Der Vorteil eines festen, wenn auch sich immer wieder verändernden Teams besteht u. a. darin, sich nicht die passenden Darstellerinnen und Darsteller für seine Geschichte erst suchen zu müssen, sonders es andersherum zu machen. Ich schreibe sozusagen unseren Leuten die Rollen auf den Leib. Auch gehen wir nur an, was für uns und unser Budget realistisch auch umsetzbar ist. Das kann vieles vereinfachen.

 Annika: Marcus anzusprechen war ein großes Glück für mich. Er hat ein gutes Gespür für Geschichten. Mir gefallen seine ruhige, perfektionistische Arbeitsweise und sein gutes Auge. Es ist einfach ein Geschenk mit einer Gruppe von Gleichgesinnten dieselbe Leidenschaft teilen zu können.

 Wie geht es bei euch beiden (einzeln oder zusammen) weiter? Welche nachfolgenden Projekte stehen an?

Annika Ziegltrum und Marcus Siebler

Marcus: Filmemachen ist mein Leben, unsere Gruppe existiert weiter und folglich wird es auch neue Projekte geben. Noch bin ich mir nicht sicher, was es in diesem Jahr sein wird. Immerhin produzieren wir Filme nur „nebenbei“, was zeitlich sehr anspruchsvoll sein kann, uns aber auch die nötigen Freiheiten gibt, ausschließlich das zu machen, was wir wollen.

Annika: Ich brenne fürs Drehen. Am Set fühle ich mich „angekommen“. Die Höhen und Tiefen unterschiedlicher Charaktere zu fühlen ist absolut lebenswert. Dieses Jahr habe ich bis jetzt in fünf verschiedenen kleinen Produktionen mitgewirkt. Ich freue mich sehr auf meine nächste Rolle: englischsprachig, ein bisschen á la „Pulp Fiction“. Und dann hoffentlich wieder ein gemeinsamer Film mit Marcus. Es darf gerne ein bisschen mehr sein. Ich bin da unersättlich.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Wildschaden

2 Gedanken zu “Sieben Fragen an Marcus Siebler und Annika Ziegltrum

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