Fünf Fragen an Ludivine Large-Bessette

Interview: Im Gespräch mit der französischen Filmemacherin und Künstlerin Ludivine Large-Bessette erzählt sie uns mehr über ihren experimentellen Kurzfilm „Drop Out Bodies“, gesehen im Tanz-Block auf der 25. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg, wie sie das Projekt angegangen und was dahinter steckt.  

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Drop Out Bodies“ ist nicht narrativ, aber schafft es trotzdem, eine enorme Spannung zu erzeugen. Erzähl mir mehr von der zugrundeliegenden Idee. Der Zuschauer wird mit Deinem Film vor ein Rätsel gestellt. Möchtest Du eine Interpretationshilfe liefern?

Es handelt sich um eine Neuinterpretation des mittelalterlichen Totentanz, das waren Gemälde oder Skulpturen, in denen Menschen mit allen sozialen Hintergründen zusammen tanzend im Tod dargestellt wurden. Aber auch ein Werk über das Fallen. Ich wollte über das Gefühl des „Loslassens“ arbeiten und für mich war das Fallen der bessere Weg, es zu ergründen. Es ist eine unglaubliche Verschmelzung zwischen Kontraktion und totaler Dekontraktion, der Akzeptanz es zu verlieren. Und das Fallen ist auch mit dem Tod verbunden, der ultimativen Art des „Loslassens“, und wie er uns individuell und kollektiv betrifft.

Erzähl mir von der Tänzern und wie sie das Projekt aufgenommen haben und angegangen sind.

Dieser Film wurde mit 42 Darstellern gedreht. Die meisten von ihnen sind zeitgenössische Tänzer, einige von ihnen Schauspieler, und ein sehr kleiner Teil sind Amateure mit viel Übung in körperlicher Aktivität (hauptsächlich die Kinder). Ich habe zuerst eine Zeit der Recherche über das Fallen mit einer Crew von sechs Tänzern und Mathieu Calmelet, der die Choreographie mit mir gemeinsam choreografiert hat, durchgeführt. Mit dieser Recherche schrieb ich dann die gesamte Choreographie am Schreibtisch. Und dann arbeitete er daran, es im Studio an die Tänzer zu übertragen, aber in kleinen Gruppen von vier bis sechs Tänzern. Auf diese Weise war es möglich, es an ihre Körper anzupassen und einen Weg nach vorne zu suchen. Dann stellte ich am Set alle kleinen Gruppen nebeneinander, wobei jeder seine Rolle bereits kannte. Am Set, um jeden Darsteller zu managen, wurde ich wunderbar von Mathieu Calmelet und Marion Truchaud unterstützt. Es war wirklich ein unglaubliches Shooting mit all diesen Darstellern und meiner sehr kleinen technischen Crew. Alle waren wirklich begeistert und engagiert, weil jeder wusste, dass wir, wenn einer aus dem Team einen Fehler macht, die Aufnahme von vorne beginnen müssen, weil es sich um eine Sequenz handelt und die jedes Mal die Dauer des Films hat: 17 Minuten! Und für die Tänzer, die für die Leinwand arbeiten, ist es immer sehr aufregend, weil sie oft eigentlich nur Live Performances kennen (und im Film kann man sehr subtile Gesten machen, man muss sehr vorsichtig mit den Gesichtsausdrücken sein, etc.).

Der Film würde auch als Performance gut funktionieren. Hast Du schon einmal überlegt den filmischen Raum zu verlassen?

Ich arbeite immer an einem Stück zusammen mit dem Medium selbst, so dass für mich dieses Stück keine Performance sein kann. Das Auge der Kamera, wie ein Roboter (deshalb habe ich mich entschieden, es mit einer Steady Cam zu filmen), stand im Gegensatz zur Menschlichkeit der Tänzer. Und es war mir sehr wichtig, die Tänzer einen nach dem anderen zu entdecken, nur einen Teil ihres Körpers zu filmen, wie ein Porträt, und nicht alle wie in einer Live-Show von Kopf bis Fuß zu sehen. Aber ich interessiere mich definitiv für Performance, und in diesem Sommer werde ich mit einem Tänzer und einem anderen Künstler eine machen. 

Kannst Du mir zum Schluss etwas mehr über Dich erzählen? Wird es weitere Kurzfilmprojekte geben?

Ich schicke dir meine Biografie, es wird auf diese Weise einfacher sein:

Ludivine Large-Bessette ist eine französische bildende Künstlerin. In ihrer multidisziplinären Arbeit, die sowohl Fotografie, Video, digitale Kunst als auch zeitgenössischen Tanz verwendet, wird der dargestellte Körper zu einem Spiegel, der in der Lage ist, das Publikum zu verunsichern, zu hinterfragen und zu bewegen. Sie befragt und konfrontiert den Betrachter mit der Rolle des Körpers in unseren sozialen Interaktionen und in unserer heutigen Umgebung. 

Ihre Filme wurden bei zahlreichen Festivals ausgewählt und mehrfach ausgezeichnet (Filmwinter Festival for Expended Media Stuttgart, Instants Video Marseille, FIPA Biarritz, International TanzFilmPlattform Berlin, etc.). Ihre Werke wurden unter anderem in der Cité Internationale des Arts in Paris, im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg, im Salon de Montrouge, in der Friche Belle de Mai in Marseille, im EYE Filmmuseum in Amsterdam und beim Aesthetica Art Prize in York ausgestellt, wo sie mit einem Special Aesthetica Commendation Award ausgezeichnet wurde. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Drop Out Bodies


Interview: In our interview with French filmmaker and artist Ludivine Large-Bessette, she tells us more about her experimental short film „Drop Out Bodies„, seen in the dance program at the 25th International Short Film Week Regensburg, how she approached the project and what is behind it.

Your short film „Drop Out Bodies“ doesn’t tell a narrative, but nevertheless manages to create enormous tension. Tell me more about the underlying idea. The viewer is confronted with a riddle in your film. Would you like to provide an interpretation aid?

It is a reinterpretation of the Middle Age „dance macabre“, which were paintings or sculptures where people of all social backgrounds where represented dancing all together in the death. But also a work about falling. I wanted to work about the sensation of „letting go“ and for me falling was the better way to interrogate it. It is an incredible melting between contraction and total decontraction, accepting of losing it. And falling is also connected with death, the ultimate way of „letting go“, and how if affects us individually and collectively.

Tell me about the dancers and how they took up the project and approached it?

This movie was shot with 42 performers. Most of them are contemporary dancers, some of them actors, and a very small part are amateurs with a lot of practice in physical activity (mainly the children). I have done at first, a time of research about falling with a crew of 6 dancers and Mathieu Calmelet who co-choreagraphed the choreography with me. With this research I then wrote all of the choreography at the desk. And then worked to transmit it in studio to the dancers but in little groups of 4-6 dancers. It was in this way possible to adapt it to their body and search a way forward. Then on the set I put all the little groups next to each other with everybody already knowing their part. On the set to manage every performer I was wonderfully well assisted by Mathieu Calmelet and Marion Truchaud. It was really an incredible shoot with all these performers and my very small technical crew. Everybody was really excited and committed because everyone knew that if one of the team made a mistake we have to start the take all over again, because it is a sequence shot and that take every time takes the duration of the movie: 17 minutes ! And for the dancers working for the screen is always quite exciting because they really came from a live show (you can do very little gesture, you have to be really careful about the expressions, etc).

The film would also work well as a performance. Have you ever considered leaving the cinematic space?

I always work a piece with the medium itself, so for this piece for me it can’t be performance. The eye of the camera, like a robot (that’s why I chose to film it with a steady cam), was in opposition with the humanity of the dancers. And it was very important to me to discover the dancer one by one, film only some part of their body, like a portrait and not to have everyone head to toe like in a live show. But I’m definitely interested in performance, and this summer I will do one with one dancer and another artist. 

Can you tell me more about yourself at the end? Will there be more short film projects?

I send you my bio it will be easier this way ;)

Ludivine Large-Bessette is a French Visual Artist. In her multidisciplinary work, which uses both photography, video, digital art, and contemporary dance, the represented body becomes a mirror that is able to unsettle, to question and to move the audience. She interrogates and confronts the viewer with the role of the body in our social interactions and in our contemporary environment. 

Her films have been selected in numerous festivals and have been awarded several times (Filmwinter Festival for Expended Media Stuttgart, Instants Video Marseille, FIPA Biarritz, International TanzFilmPlattform Berlin, etc.). Her works have been exhibited among others at the Cité Internationale des Arts in Paris, the Museum of Modern and Contemporary Art in Strasbourg, the Salon de Montrouge, the Friche Belle de Mai in Marseille, the EYE Filmuseum of Amsterdam and at the Aesthetica Art Prize in York where she get a Special Aesthetica Commendation Award. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Drop Out Bodies“ 

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Ludivine Large-Bessette

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