Sieben Fragen an Mathieu Grimard

Interview: Im Gespräch mit dem kanadischen Regisseur und Drehbuchautor Mathieu Grimard konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Goodbye Golovin“, der auf der 70. Berlinale im Programm ‚Generation 14plus‘ seine Internationale Premiere feierte, wie er die Idee zu seinem Film entwickelte hatte und wie es war, sein Projekt in kürzester Zeit in der Ukraine umzusetzen.

The original english language interview is also available.

Erzähl mir mehr zum Ursprung Deines Films? Wie kommt es, dass Deine Geschichte in der Ukraine spielt?

Im Herbst 2017 stach mir eine Dokumentation im I-D-Magazin ins Auge. Auf ihrem YouTube-Kanal hatte I-D einen Beitrag über Jugendliche in der Ukraine auf der Suche nach Freiheit nach der ‚Maidan‘-Revolution von 2014. Aus diesen Revolten wurde eine Generation geboren, die sich danach sehnt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dies war der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Charakters von Ian Golovin, einem jungen Osteuropäer ohne Zugehörigkeitsgefühl. In einer Zeit seines Lebens, in der er sich besonders hilflos fühlt, fragt er sich, welche Handlung mutiger wäre: weggehen oder bleiben? 

Also kaufte ich als erstes die Flugtickets in die Ukraine und schrieb das Drehbuch, bevor wir (Produzent, Kameramann und ich) abreisten. Ich wollte ein Thema, das irgendwie persönlich ist, in ein Universum bringen, das nicht das meine ist.

Ich mag Deinen halb künstlichen, halb realistischen Stil. Kannst Du mir mehr zur visuellen Ausgestaltung erzählen?

Oleksandr Rudinskiy

Da ich noch nie einen Fuß in die Ukraine gesetzt hatte, wollte ich vermeiden, eine allzu präzise Ästhetik zu schaffen – ohne die genaue Beschaffenheit der Stadt zu kennen, in der sich die Geschichte abspielt. Ich beschloss, einen dokumentarischen Ansatz zu wählen. Es ist definitiv eine Ästhetik, die ich versuchen werde, für zukünftige Projekte zu reproduzieren – wo auch immer ich sie drehe. Ich spiele auch gerne mit der Grenze zwischen Fiktion und Realismus – das bedeutet, dass ich irgendwann einmal eine Szene oder eine Aufnahme improvisieren werde. Abgesehen davon war meine einzige visuelle Absicht für „Goodbye Golovin“, mit Farben zu arbeiten. Die Kleidung und die Orte haben viele Farben. Die dramatische Prämisse des Films musste mit hellen und farbenfrohen Bildern ausbalanciert werden. Abgesehen davon gingen wir hyperrealistisch vor.  

Wo und wie lange habt ihr gedreht?

Wir blieben 8 Tage lang in Kiew. Die ersten 4 Tage wurden genutzt, um unsere Drehorte zu besuchen, die Ausrüstung zu testen und uns mit den Schauspielern zu treffen. Dann drehten wir alles in 3 Tagen. Das Innere der Wohnung des Protagonisten wurde in unserer Airbnb in der Innenstadt von Kiew gefilmt, wir drehten auch in einer der Kiewer Universitäten und im sehr abgefahrenen Stadtteil Troieshchyna.

Wie hast Du Deinen Hauptdarsteller Oleksandr Rudinskiy gefunden? Er ist die perfekte Besetzung für die Rolle – er strahlt einfach die richtige Ambivalenz aus.

Oleksandr Rudinskiy

Es war Sasha Moni, Schauspielerin, Stylistin, aber auch unsere Casting-Direktorin, die Oleksandr für die Rolle vorschlug. Bevor das Drehbuch vollständig russisch- und ukrainisch-sprachig wurde, wollten wir einen Schauspieler, der Englisch sprechen konnte, was Oleksandr nicht konnte. Wir zögerten zwischen zwei Schauspielern, die Rolle des Ian Golovin zu spielen, und am Ende halte ich die Entscheidung, die wir getroffen haben, für die beste. Trotz der Sprachbarriere haben Oleksandr und ich es geschafft, uns so gut zu verstehen. Bis heute ist Oleksandr einer der besten Schauspieler, mit denen ich zusammengearbeitet habe.

Wie geht es in den Corona-Zeiten weiter – wird man Deinen Film noch auf anderen Festivals (vielleicht auch in Deutschland) sehen können? Zudem gibt es ja auch eine ARTE-Auswertung, richtig?

Goodbye Golovins“ internationale Premiere fand auf der diesjährigen Berlinale statt, gefolgt von einer Übertragung auf ARTE. Die Berlinale war mein erstes Filmfestival überhaupt. Wie magisch ist das! Mehrere Festivals auf der ganzen Welt hatten die Auswahl von „Goodbye Golovin“ bestätigt, kurz bevor die ganze Welt schloss. Bis jetzt haben einige Festivals abgesagt, andere wurden verschoben und wieder andere sind online gegangen. Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich davon aus, dass unsere Online-Premiere noch in diesem Jahr erwartet wird. Diese ganze Situation ist beispiellos, also wer weiß, was passieren wird. 

Kannst Du zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen? Wie bist Du zum Film gekommen?

Maria Stopnyk, Oleksandr Rudinskiy, Dasha Plahti

Ich bin ein Montrealer, geboren und aufgewachsen. Als ich noch ein Teenager war, habe ich mit meinen Freunden Skateboard-Videos gedreht und dann Musikvideos gerappt. Ein paar Jahre später studierte ich Kunstgeschichte, bevor ich an die Universität ging und einen Kurs im Drehbuchschreiben belegte. In den letzten 10 Jahren führte ich Regie bei über 40 Musikvideos sowie bei Werbekampagnen für Marken wie Lancôme, Toyota, P&G und andere. Im Jahr 2015 wollte ich wieder Filme machen. Mit „Fleurs: Between Us Two“ hat für mich alles angefangen. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

 Ich nutzte den Lockdown, um mit dem Schreiben eines neuen Kurzfilms zu beginnen. In diesem Projekt wird es um Sekten gehen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Goodbye Golovin


Interview: In conversation with the Canadian director and screenwriter Mathieu Grimard we were able to learn more about his short film „Goodbye Golovin„, which celebrated its international premiere at the 70th Berlinale in the ‚Generation 14plus‘ programme, how he developed the idea for his film and what it was like to realize his project in Ukraine in the shortest possible time.

Tell me more about the origin of your film? How come your story is set in Ukraine?

In the fall of 2017, a documentary in I-D magazine caught my eye. On their YouTube channel, I-D had a piece
on youths in the Ukraine in search of freedom after the ‘Maïdan’ revolution of 2014. From these revolts, a generation yearning to control their own fates
was born. This was the starting point in developing the character of Ian Golovin, a young Eastern European lacking a sense of belonging. In a
time of his life where he is feeling particularly helpless, he wonders which act would be more brave: to leave or stay? 

So the first thing I did was buy the plane tickets to Ukraine and write the screenplay before we (producer, cinematographer and I) left. I wanted to bring a subject that is somehow personal into a universe that is not mine.

I like your half artificial, half realistic style. Can you tell me about the visual design?

Having never set foot in Ukraine, I wanted to avoid creating an overly precise aesthetic – not knowing the precise nature of the city where the story takes place. I decided I should get a documentary approach. It’s definitely an aesthetic that I will try to reproduce for future projects – wherever I shoot it. I also like to play on the line between fiction and realism – This implies that, at some point ,I will improvise a scene or a shot. That said, my only visual intention for „Goodbye Golovin“ was to work with colors. The clothes and locations have a lot of colors. The dramatic premise of the movie needed to be balanced with bright and colorful visuals. Other than that, we went hyper-realistic.  

Where and how long did you shoot?

We stayed in Kiev for 8 days. The first 4 days were used to visit our locations, to test the equipment and meet with the actors. We then shot everything in 3 days. The interior of the protagonist’s apartment was filmed in our Airbnb downtown Kiev, we also filmed in one of Kiev’s University and in the very badass Troieshchyna district.

How did you find your main actor Oleksandr Rudinskiy – he is the perfect cast for the role – he just radiates the right ambivalence?

It was Sasha Moni, actress, stylist but also our casting director who suggested Oleksandr’s profile for the role. Before the script became completely Russian and Ukrainian speaking, we wanted an actor who could speak English, which Oleksandr could not do. We hesitated between two actors to play the role of Ian Golovin and in the end I think the decision we made is the best. Even with the language barrier, Oleksandr and I have managed to understand each other so well. To this date, Oleksandr is one of the best actors I have worked with.

How does it go on in the Corona times – will your film be seen at other festivals (maybe in Germany)? Besides it’s also shown on Arte, right?

Goodbye Golovins“ international premiere was at this year’s Berlinale followed by a broadcast on ARTE. The Berlinale experience was my first film festival ever. How magic is that! Several festivals around the world had confirmed „Goodbye Golovins“ selection just before the whole world got confined. To this day, some festivals canceled, others have postponed and others moved online. At this point I’m assuming our online premiere will be anticipated this year. This whole situation is unprecedented, so who knows what will happen. 

Can you tell a little bit more about yourself at the end? How did you come to the film?

I’m a Montrealer, born and raised. Back when I was a teenager, I used to shoot skateboarding videos with my friends and then rap music videos. Couple years later I studied art history before entering university and taking a course in screenwriting. For the last 10 years I directed over 40 music videos plus advertising campaigns for brands such as Lancôme, Toyota, P&G and more. It’s back In 2015 that I wanted to make films. That is when I made „Fleurs: Between Us Two“ that it all really started for me. 

Are there already new projects planned?  

I took advantage of the confinement to start writing a new short film. This project will talk about cults.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Goodbye Golovin

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.