Sieben Fragen an Jamie Meltzer und Chris Filippone

© Chela Shanti Richheimer und Heinrich Voelkel

Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemachern Jamie Meltzer und Chris Filippone konnten wir mehr über ihren Dokumentar-Kurzfilm „Huntsville Station“ erfahren, der im ‚Berlinale Shorts‘-Programm auf der 70. Berlinale 2020 seine Weltpremiere feierte, wie es zu dem Projekt kam und warum sie sich klar für eine emotionale Erzählart entschieden haben.

The original english language interview is also available.

Wie seid ihr auf die Idee für euren neuesten Dokumentarfilm „Huntsville Station“ gekommen?

Jamie: Ich war tatsächlich für einen Produktionstag mit einem früheren Dokumentarfilm „True Conviction“ (2018) am Busbahnhof gewesen. Ich hatte also eine Ahnung davon, wie ungewöhnlich und surreal dieser Ort war – wie aufgeladen dieser Moment war – an dem die auf Bewährung Entlassenen gerade aus dem Gefängnis kommen, mit ihren wenigen Habseligkeiten in einem orangefarbenen Netzbeutel herausgehen und alle möglichen komplizierten Emotionen empfinden und mit der Außenwelt in einer Weise umgehen, die ihre Aufregung über die endgültige Freilassung, aber auch ihre Beklemmung darüber, was noch kommen wird, zeigt. Chris hatte auch unabhängig von mir von der Haltestelle gehört, und wir fanden heraus, dass sie für uns beide eine fixe Idee als mögliches Projekt war, und so begannen wir darüber zu sprechen, wie wir den Raum filmisch erkunden und dem Zuschauer eine eindringliche Erfahrung dieses ungewöhnlichen Raumes ermöglichen könnten, aber auch eine Möglichkeit, sich mit dem Strafrechtssystem auseinanderzusetzen, sich in es hineinzufühlen und sogar tief darüber nachzudenken.

Chris: Ja, und für uns war es insofern ein Risiko, als wir nicht wussten, was sich entwickeln würde, wie empfänglich die auf Bewährung Entlassenen für eine Teilnahme sein könnten usw.. Wir beschlossen, nicht allzu viel darüber nachzudenken und einfach nach Huntsville zu fahren und das Risiko einzugehen, den Film zu drehen.

Wie seid ihr danach das Projekt angegangen – habt ihr vorher mit den Beteiligten geredet?

Chris: Ein Teil der Herausforderung bei der Realisierung dieses Films bestand darin herauszufinden, ob die Menschen dafür empfänglich wären oder nicht, gefilmt zu werden, aber wir stellten fest, dass der Moment für sie in den meisten Fällen so viel größer war als wir, die Kamera und die Tonausrüstung. Ich glaube, wir waren für diese Männer ein viel kleinerer Teil des Moments.

Jamie: Ja, die große Herausforderung bestand darin, den Film über mehrere Tage hinweg zu drehen, wobei jeder Tag eine andere Gruppe von Menschen mit sich brachte, wir mussten schnell Beziehungen und Vertrauen aufbauen – manchmal hatten wir nur 30 bis 60 Minuten Zeit, bevor die Busse abfuhren (das ist der Endpunkt des Films). Es war also eine wirklich seltsame und intensive Produktionserfahrung – wie dieser Sturm der Aktivität, auf den man wartet, dann überrollt er einen schnell auf diese überwältigende Weise, und dann bleibt man in fast völliger Leere und Stille zurück. Die Erfahrung, dort zu sein, war so beeindruckend, dass wir den Film schließlich so strukturiert haben, dass der Zuschauer die gleichen Emotionen und Erlebnisse durchlebt wie wir.

Chris: Abgesehen davon, dass wir in der heißen Sonne von Texas drehten, war es für mich die Feinabstimmung des Schnitts und das Herausschneiden einiger Momente, die wir als stark empfanden, die aber letztendlich im Film nicht funktionieren konnten. Auf diese Weise ist der Schnitt für mich immer eine Herausforderung, denn es ist eher ein Prozess des Loslassens von dem, was der Film sein soll, und des Einlassens in das, was das Material ist, und letztlich in die Richtung, in die es sich bewegen will.

Jamie: Es ging wirklich darum, die ‚Geschichte‘ und Momente zu finden, die bedeutsam sind – was in dem Moment zu verfolgen ist, wenn bis zu hundert Menschen um einen herum etwas Interessantes tun – am Telefon reden, miteinander reden, ihre Habseligkeiten durchgehen – es war eine Herausforderung, schnell zu entscheiden, worauf und auf wen man sich konzentrieren will. 

Was war euch wichtig bei der Dokumentation? Und was wolltet ihr vermeiden?

Jamie: Mit diesem Film wollten wir wirklich eine eindringliche Erfahrung für den Zuschauer schaffen, so viele Dokumentarfilme bieten zu viele Kontextinformationen und lassen dem Zuschauer keinen Raum, sich auf eigene Faust in den Film einzulassen. Diese Art von offenerem Ansatz ist das, was wir hier untersuchen wollten. 

Chris: Wir wollen vermeiden, dass die Zuschauer mit Informationen gefüttert werden, es war wichtig, den Menschen ein ‚Erlebnis‘ zu vermitteln – eine Emotion oder ein Gefühl, das über den Bildschirm übersetzt wird.

Jamie: Damit die Zuschauer das Gefühl haben, etwas durchgemacht zu haben, und sich in die Männer im Film auf einer Ebene einfühlen können, die sie überrascht – selbst wenn sie am Ende nicht alle Informationen haben (wir sagen zum Beispiel nie, warum sie eingesperrt wurden) -, fühlen sie sich dennoch auf einer tieferen Ebene mit ihnen verbunden. 

Was lag euch visuell am Herzen?

Wir kamen auf sehr natürliche Weise zum visuellen Stil für den Film – jede Nacht überprüften wir das Filmmaterial (wir drehten über sieben Tage) und wir sahen und entwickelten unsere visuelle Herangehensweise am Film im Laufe der Zeit. Eine Sache, auf die wir uns schon sehr früh konzentrierten, war der Versuch, so vertraut und nah wie möglich an die auf Bewährung Entlassenen heranzukommen. Wir wollten wirklich, dass der Zuschauer bei ihnen sitzt, sie anschaut und eine gewisse Nähe und sogar Vertrautheit mit ihnen empfindet. Das haben wir erreicht, indem wir mit einem ‚normalen‘ Objektiv – meist einem 35mm-Prime-Objektiv – ein paar Meter von ihnen entfernt gefilmt haben. Der Film gipfelt in diesen engen, ausgedehnten Aufnahmen. Zu Beginn des Films, vielleicht in der ersten Hälfte, sind die Schnitte viel schneller und der Stil viel weniger kontemplativ, da haben wir versucht, die Neuheit und die überwältigende Natur der Welt für diese kürzlich auf Bewährung entlassenen Personen widerzuspiegeln, und diese Aufnahmen wurden größtenteils mit einem 24mm-Prime-Objektiv aufgenommen. Im Laufe der kurzen Zeit entwickelt sich der Film in seinem Stil ein wenig weiter, er endet viel ruhiger und nachdenklicher, um wiederum die Erfahrung dieser Männer zu reflektieren.

Wie haben die Portraitierten auf euren Film reagiert?

Wir haben es noch keinem von ihnen zeigen können! Die meisten der Gefilmten trafen wir nur während eines sehr kleinen Zeitfensters, manchmal nur wenige Minuten und höchstens bis zu einer Stunde oder so. Als der Bus kam, um sie abzuholen und an ihr Ziel zu bringen, haben wir sie nie wieder gesehen. Wir hoffen, dass wir, wenn der Film herauskommt, mit einigen von ihnen in Verbindung treten können, und wir hoffen, dass sie durch die Art und Weise, wie wir dieses kleine Fenster in der Zeit eingefangen haben, geehrt werden. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen von euch erzählen?

Chris: Ich arbeite seit meiner Schulzeit mit Video und Fotografie, daher hatte ich schon immer einen Hang zum Filmemachen. Ich kann nicht sagen, dass ich das Filmemachen immer liebe, weil es finanziell und emotional so kostspielig sein kann, aber ich habe sicherlich keine Lust, etwas anderes zu tun, als Filme zu machen. Ich schätze, das ist Leidenschaft!

Jamie: Seit ich ein Teenager war, hat mich das Dokumentarfilmen als Kunstform fasziniert, sowohl durch Sachbücher, Fotografie als auch durch das Kino – die frühen Kinofilme der Maysles und von DA Pennebaker waren der Schlüssel für mich: Ich glaube, „Don’t Look Back“ war der erste Film, der meine Auffassung davon, was Dokumentarfilm sein könnte, völlig in Frage stellte. Ich sah ihn als ich sehr jung war, mit 13 Jahren, und er inspirierte mich zu dem Versuch, neugierig auf die Welt zu schauen und die Poesie in den alltäglichen Momenten zu sehen, die man in einem Dokumentarfilm festhalten und steigern kann.

Sind bereits weitere Projekte geplant?

Wir arbeiten beide unabhängig voneinander an der Entwicklung von Spielfilmprojekten. Wir hatten es in den letzten Monaten so schwer wie jeder andere Filmemacher, denn unmittelbar nach der Premiere von „Huntsville Station“ bei der Berlinale hat COVID im Grunde alles in unserer Welt verändert und viele Filmprojekte unmöglich gemacht. Aber wir hoffen, dass dies eine Zeit des Nachdenkens und der Vorbereitung sein wird, um wieder in das Filmemachen einzutauchen, entweder mit den derzeitigen Einschränkungen oder wenn sie aufgehoben werden.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Huntsville Station


Interview: In conversation with the two filmmakers Jamie Meltzer and Chris Filippone we could learn more about their documentary short film „Huntsville Station„, which celebrated its world premiere in the ‚Berlinale Shorts‘ programme at the 70th Berlinale 2020, how the project came about and why they decided to use a more emotional narrative style.

How did you get the idea for your latest documentary „Huntsville Station„?

Jamie: I had actually been down to the bus station for one production day with a previous documentary film True Conviction (2018). So I had a sense of how unusual and surreal this place was – how charged this moment was — where parolees are just getting out of prison, walking out with the few belongings they have in an orange mesh bag, and feeling all sorts of complicated emotions and dealing with the outside world in a way that shows their excitement about finally being released but also trepidation about what’s to come. Chris had also heard about the station independently of me, and we found out it was an obsession for both of us as a potential project, so we started talking about how we might explore the space cinematically and allow the viewer to both have a visceral experience of this unusual space, but also a way to engage, empathize and even reflect deeply on the criminal justice system.

Chris: Yeah, and for us, it was a risk in that we did not know what would unfold, how receptive parolees might be to participating, etc. We decided to not think too much about it and just go to Huntsville and take the risk in trying to make the film.

How did you approach the project after that – did you talk to the people involved beforehand?

Chris: Part of the challenge of making this film was if people would be receptive or not to being filmed, but we found that more often than not that the moment for them was so much bigger than us, the camera, and sound equipment. I think we were a much smaller part of the moment for these men.

Jamie: Yes, the big challenge was shooting the film over several days, with each day bringing a different set of people being released, we had to quickly build relationships and trust — sometimes we only had 30- 60 minutes before the buses departed (which is the ending point of the film). So it was a really strange and intense production experience – like this storm of activity that you wait for, then it quickly rolls over you in this overwhelming way, and then you’re left in almost total emptiness and silence. That experience of being there was so impactful, we actually ended up structuring the film that way, taking the viewer through the same set of emotions and experiences we went through.

Chris: Other than shooting in the hot Texas sun, for me it was fine tuning the edit and having to cut out some moments that we felt were strong, but couldn’t ultimately work in the film. Editing for me is always a challenge in this way as it’s more a process of letting go of what you want the film to be and submitting yourself to what your material is and ultimately the direction it wants to move in.

Jamie: It really was finding the “story” and moments that were meaningful –  what to follow in the moment when there are up to hundred people around you all doing something interesting- talking on the phone, talking with one another, going through their belongings-  it was a challenge to quickly decide what and who to focus on. 

What was important for your documentary? And what did you want to avoid?

Jamie: With this film we really wanted to create an immersive experience for the viewer, so many documentaries provide too much contextual information, not allowing room for the viewer to enter into the film on their own terms. That kind of more open approach is what we were interested in exploring here. 

Chris: We want to avoid spoon-feeding information to the viewers, it was important to give people an ‘experience’ -an emotion or feeling translated across the screen.

Jamie: For the viewer to feel like they’ve gone through something and empathize with the men in the film on a level that surprises them — even if at that end they don’t have all the information (we never, for instance, reveal why they were imprisoned) – they still feel like they connected with them on a deeper level. 

What was important to you visually?

We arrived at the visual style for the film in a very natural way – each night we reviewed the footage (we shot over seven days) and we reviewed and developed our visual approach to the film as time passed. One thing we focused on very early, was trying to get as intimate and close to the parolees as possible, we really wanted the viewer to sit with them, to look at them and to feel a certain closeness and even proximity to them. We achieved this by shooting a few feet away from them, with a “normal” lens — mostly a 35mm prime lens, we shot these kinds of portraits with them with a very long single take. The film culminates with these close, extended takes. At the start of the film, for maybe the first half, the cuts are much quicker and the style much less contemplative, there we were trying to reflect the newness and overwhelming nature of the world to these recently released parolees, and these shots were largely captured with a prime 24mm lens. Over its short time frame the film kind of evolves a bit in its style, it ends in a much more quiet and thoughtful way, again to reflect the experience of these men.

How did the people you portrayed react to your film?

We haven’t been able to show to any of them yet! With most of our subjects, we only knew them for a very small window of time, sometimes only a few minutes and at most up to an hour or so. Once the bus came to get them and take them to their destination, we never saw them again. We’re hoping when the film gets released we can connect with some of them, and we hope that they will be honored by the way in which we captured this small window in time. 

Can you tell me a little bit about yourself at the end?

Chris: I have been working with video and photography since I was in high school, so I’ve always been inclined towards filmmaking. I can’t say that I always love filmmaking because it can be so costly financially and emotionally, but I certainly have no desire to do anything else, but make films. I guess that’s passion!

Jamie: Since I was a teenager I’ve had a fascination with documentary as an art form, both through nonfiction books, photography, and cinema — the early direct cinema films of the Maysles and DA Pennebaker were key for me: I think „Don’t Look Back“ was the first film that totally challenged my view of what documentary could be. I saw it young, at 13, and it inspired an excitement in trying to look at the world with curiosity and see the poetry in the everyday moments one can capture and elevate in a documentary.

Are there already further projects planned?

We are both working independently on developing feature films projects. We’ve had as hard a time as any filmmaker these past few months since immediately following „Huntsville Station“ premiere at Berlinale COVID basically changed everything about our world, including making many film projects impossible to get off the ground. But, we hope it will be a time for reflection and preparing to dive back into making films either with current limitations or when they lift.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Huntsville Station

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