Acht Fragen an Anna-Maria Dutoit

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Anna-Maria Dutoit konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Aus den Augen aus dem Sinn“, der auf dem 42. Filmfestival Max Ophüls Preis seine Deutschlandpremiere, erfahren, wie sie selbst auf das Thema aufmerksam wurde, wie sie den Film im Rahmen ihres Studiums an der HFF München umsetzte und warum ihr Dokumentarfilme am Herzen liegen. 

Wie bist Du zu dem Thema Deines Erstlingswerkes „Aus den Augen aus dem Sinn“  gekommen?

Ich nähe sehr gerne und wollte irgendwann die ganzen kleinen Stoffreste entsorgen, die sich über die Zeit angesammelt hatten. Ich dachte, dass aus diesen sicherlich neue Fäden gesponnen werden könnten. In meiner Recherche bin ich aber darauf gestoßen, dass das kaum gemacht wird. Nur etwa 1% der Textilien weltweit können recycelt werden. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. In den Textilien stecken ja unglaublich viele Ressourcen, wie zum Beispiel Wasser, aber auch Arbeit, die meistens unter sehr schlechten Bedingungen stattfindet. Dass ein Teil der Stoffe direkt im Müll landet und noch dazu gar nicht wiederverwertet werden könnte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als dann unser Erstjahresfilm vor der Tür stand, wollte ich etwas zu dem Thema machen.

Nach der ersten Idee, wie ging es dann weiter?

Ich erzählte meiner Producerin Mareike Mössner und meinem Kameramann Jîyan Alkan von der Idee und sie waren begeistert! Auch sie interessierten sich schon davor für Nachhaltigkeit in der Bekleidungsindustrie. Gemeinsam recherchierten wir zu dem Thema. Anfangs ging es ganz allgemein um Textilien und ihren Wert in unserer heutigen Konsumgesellschaft. Wir dachten an die verschiedensten Berufe, darunter zum Beispiel auch Schneider:innen oder Textilrestaurator:innen. Trotzdem kehrten wir immer wieder zurück zu dem Thema Recycling und Textilabfälle. Die gesammelten Textilien können teilweise wiederverwertet werden, zum Beispiel in Kleiderkammern oder im Secondhand-Markt. Häufig jedoch reichen sie dafür qualitativ nicht mehr aus. Dann werden die Stoffe zerrissen und zum Beispiel zu Putzlappen weiterverarbeitet. Sind die Textilien dafür qualitativ zu minderwertig (das gilt oft für Polyesterstoffe) reichen sie nur noch für die thermische Verwertung. Das bedeutet, dass sie verbrannt werden. Als wir die Orte, an denen all das stattfindet, zum ersten Mal besuchten, war klar, dass es darum im Film gehen sollte. 

Über welchen Zeitraum hast Du vor Ort gedreht – wie viele Drehtage hattest Du? Wie groß war euer Team vor Ort?

Insgesamt waren es drei Drehtage – also ein Drehtag pro Ort. Das war auch eine Vorgabe von unserer Uni für den Erstjahresfilm. Davor hatten wir die Orte besucht und mit den verschiedenen Mitarbeiter:innen gesprochen. Jîyan hatte Fotos gemacht, von denen aus wir das visuelle Konzept des Films entwickelten. Wir sprachen viel über die Orte und überlegten, wie man sie rein visuell erzählen könnte. Viele Bilder standen dadurch bereits vor dem Dreh fest, andere fanden wir vor Ort. Beim Dreh waren wir immer zu viert: Jîyan an der Kamera, unser Kameraassistent Nikita Gibalenko und unsere Producerin Mareike, die sich zusätzlich um den Ton kümmerte. Gerade weil es so ein kleines Team war, sehe ich in den Bildern, was jede:r in den Dreh und in die Vorproduktion reingesteckt hat. Es war wirklich eine schöne Erfahrung, an die ich gerne zurückdenke.

Du hast den Film während der Corona-Pandemie realisiert, oder? Kannst Du mir mehr zu den Drehbedingungen erzählen und welche Schwierigkeiten dadurch möglicherweise auftraten?

Wir hatten Glück, denn unser Dreh fand etwa zwei oder drei Wochen vor dem ersten Lockdown statt! Deshalb waren wir durch die Pandemie nicht wirklich beeinträchtigt. Die Postproduktion fand dann allerdings online statt. Die Abnahmen wurden über Zoom abgehalten und wir waren zum Beispiel nicht beim Color-Grading dabei. Trotzdem konnten wir im Sommer eine kleine Premiere veranstalten – das war schön! 

Dein Film ist in schwarz-weiß gehalten, was, wie ich weiß, von der Uni für den ersten Film vorgegeben ist, richtig? Doch welche anderen visuellen Punkten waren Dir wichtig?

Genau! Neben der räumlichen Einschränkung der Drehorte und der zeitlichen Begrenzung auf zehn Minuten, gab es die Vorgabe in schwarz-weiß zu drehen. Trotzdem fanden wir danach alle, dass es sehr gut zu dem Film passt. Die Orte lassen sich dadurch einfacher verbinden und geben dem Ganzen das Gefühl einer großen, zusammenhängenden Industrie. Dazu gehören auch die statischen Einstellungen, die den maschinellen Charakter der Laufbänder und der wiederholenden Arbeitsschritte betonen. In dem Film gibt es nur ganz wenige Einstellungen, in denen geschwenkt wird. Ein weiterer Punkt war, dass der Fokus auf den Händen der Mitarbeiter:innen der verschiedenen Drehorte liegt. Das hatte zum einen den Grund, dass manche bereits im Voraus meinten, es wäre ihnen lieber, nicht mit dem Gesicht vor der Kamera zu sein. Zum anderen sollte auch hier der industrielle Charakter der Arbeit und damit die Massen an gesammelter Kleidung betont werden, die durch die Hände der Arbeiter:innen gehen. Man kennt diese Orte aus Reportagen, aber wir wollten visuell etwas anderes versuchen. Jîyan hat einen wahnsinnig emotionalen Zugang zu Bildern, den man, wie ich finde, spürt. Es sind oft unkommentierte Bilder, die den Zuschauer:innen Platz zum Nachdenken lassen und sie gleichzeitig an die Orte mitnehmen, an die sonst nur unsere weggeschmissene Kleidung geht.

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich würde sagen, dass ich sehr gerne lerne – deswegen gefällt mir der Dokumentarfilm auch so gut. Mich interessieren sehr verschiedene Themenfelder, von politischen zu naturwissenschaftlichen Fragen und mir gefällt es immer, mehr über verschiedene Bereiche der Welt zu erfahren. Das können große Themen sein wie Nachhaltigkeit, aber auch menschliche Erfahrungen und Biographien, die im Persönlichen stattfinden. Ich glaube ich denke visuell, zumindest habe ich Bilder im Kopf, bevor es Worte werden. Ich fotografiere seit vielen Jahren und es fühlt sich für mich sehr natürlich an, die Welt mit der Kamera kennenzulernen. Ich hatte schon seit ich klein war eine Leidenschaft für Film, auch wenn der Gedanke, selber Filme zu realisieren, sehr spät kam. Irgendwie haben sich diese verschiedenen Punkte über die letzten Jahre zusammengefügt und so bin ich glücklicherweise zum Dokumentarfilm gekommen.

Wirst Du dem Dokumentarfilm treu bleiben? Sind bereits neue Projekte geplant?

Ganz bestimmt! Ich würde mich eines Tages auch sehr gerne an kurzen Spielfilmen versuchen, aber ich denke, dass das Dokumentarische immer ein Teil davonbleiben wird. Gerade arbeite ich gemeinsam mit meinem Kommilitonen Raaed Al Kour an unserem Zweitjahresfilm. Ko-Regie ist eine tolle Erfahrung, weil man viel von der anderen Person lernen kann. Außerdem muss man alle Entscheidungen plötzlich gegenüber einer anderen Regieperson rechtfertigen, daraus lernt man auch viel. Ich fühle mich sehr dankbar dafür, dass man durch Dokumentarfilme Orte erkunden und Menschen kennenlernen darf, auf die man sonst niemals treffen würde. Ich finde die Arbeit wahnsinnig bereichernd und kann mir nur schwer vorstellen, das aufzugeben.

Noch etwas Persönliches: Hat sich Deine Einstellung bezüglich Kleidung dadurch geändert?

Ich hatte mich bereits vor dem Film sehr für die Nachhaltigkeit in der Bekleidungsindustrie interessiert und mich viel damit beschäftigt. Das kam vor allem durch das Nähen und die Auseinandersetzung mit Fragen wie etwa, wer unsere Kleidung unter welchen Bedingungen herstellt. Trotzdem war es sehr prägend, die Textilsammlungen in der Realität zu sehen. Es ist einfach was anderes, wenn man davon liest, dass 20-25 Tonnen am Tag gesammelt werden, und wenn eine Lastwagenladung nach der anderen vor einem ausgekippt wird. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Aus den Augen aus dem Sinn

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