Acht Fragen an Loïc Hobi

Interview: Im Gespräch mit dem französischen Regisseur Loïc Hobi konnten wir mehr über seinen experimentellen Kurzfilm „New Gods“, der auf dem 33. Filmfest Dresden mit dem Goldenen Reiter der Jugendjury im Internationalen Wettbewerb ausgezeichnet wurde, erfahren, warum er sich so der Incel-Bewegung nähert und wie wichtig ihm eine erzählerische und visuelle Mischform war.

The original english language interview is also available.

Erzähl mir etwas zum Ausgangspunkt für Deinen Kurzfilm?

Alles geht auf eine Schießerei zurück, die von einem Incel verübt wurde, als ich ein Teenager war. Aus irgendeinem Grund war ich als 16-jähriger Junge besessen von den Youtube-Videos, die der Mörder vor seiner Tat hochgeladen hatte. Ich identifizierte mich weder mit dem Verbrecher, noch hatte ich Mitgefühl mit ihm, aber ich war fasziniert davon, wie er plötzlich im Internet berühmt geworden war. Als ich erwachsen wurde, begann ich diese Geschichte zu vergessen, aber als ich 22 Jahre alt wurde, also in dem Alter, in dem der Mörder war, als er Menschen ermordete, sah ich mir seine Videos wieder an und fragte mich, warum ich nicht so geworden war wie er.

Wie lange hast Du recherchiert und Dich mit Thema Incels auseinandergesetzt?

Als Internetkind, das als Kind viel zu viel Zeit am Computer verbracht hat, habe ich mein ganzes Leben lang beobachtet, wie sich manche Gruppen online radikalisieren. Incels sind eine interessante Gemeinschaft, weil man sie nur in Foren oder auf Websites wirklich erreichen kann. Ich kann nicht sagen, dass ich für dieses Projekt besonders viel Zeit mit der Recherche zu diesem Thema verbracht habe, aber ich kann sagen, dass man beim Aufwachsen im Internet allen möglichen Leuten begegnet und es eigentlich ziemlich einfach ist, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Du entscheidest Dich dafür, seine Geschichte nicht als reine Dokumentation zu erzählen, sondern verwendest eine Art Mischform – erzähl mir mehr davon?

Ich wollte nicht, dass die Zuschauer die Videos ohne Kontext oder Perspektive sehen, sonst würden sie einfach auf YouTube gehen. Ich habe viel darüber nachgedacht, dass ich die Beweggründe dieses Verbrechers nur durch das Internet kennengelernt habe und dass es sich dabei letztlich nur um irgendwelche Daten handelt. Wie der Verbrecher selbst seine Geschichte fiktionalisiert hat, damit wir uns in ihn hineinversetzen können. Beim Drehen des Films war es mir wichtig, eine sehr pragmatische Sichtweise einzunehmen. Durch den Einsatz einer KI, welche die Frage stellt, warum diese Videos online sind und ob sie verboten werden sollten, konnte ich sie auf eine neue Art und Weise untersuchen.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Da die Figur versucht, durch die Vlogs verstanden zu werden, wollte ich alle Daten, auf die ich über eine Person zugreifen kann, erforschen und sie miteinander vermischen. 

Was weiß das Internet über dich? Sehr viel mehr als du selbst über dich. 

Wie hast Du Deinen Darsteller gefunden und wie war es für ihn an diesem Projekt mitzuarbeiten?

Ich beschloss, diesen Film mit einem Schauspieler zu drehen, und zwar aus ethischen Gründen und weil ich die gleiche Erfahrung beim Drehen dieser Videos machen wollte wie die echte Person. Ich gab ihm viele Monologe vor – viel zu viele, um sie auswendig zu lernen -, damit er sie auf eine sehr lässige Art und Weise interpretieren konnte. Schließlich war der echte Verbrecher auch eine Art Schauspieler, als er seine Videos drehte. Ich habe das Gefühl, dass er genau wusste, wie er sich verhalten musste. Dies war der zweite Film, den ich mit diesem Schauspieler gedreht habe, und ich mag wirklich, was er beim Spielen verbirgt.

Was möchtest Du mit Deinen Film gern vermitteln? Kannst Du Dir auch eine didaktische Verwendung vorstellen?

New Gods“ ist für mich ein sehr wichtiger Film, nicht um die Beweggründe eines Mörders zu verstehen, sondern weil die Incels der Inbegriff dafür sind, wie Männer unter der patriarchalischen, hypersexualisierten Gesellschaft leiden, in der wir leben. Ich habe das Gefühl, dass wir den Platz im Internet vergeuden, wenn wir so viel diskutieren, aber das Internet ist wirklich das perfekte Instrument, um zu versuchen, einander zu verstehen. Wir müssen wirklich einen Schritt zurücktreten und über all die Bilder nachdenken, die wir uns jeden Tag im Internet ansehen.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen?

Ursprünglich wollte ich als Filmemacher nur narrative Filme machen, aber ich habe festgestellt, dass bestimmte Themen wie dieses mehr Mischformen erfordern, und ich freue mich auf meine nächsten Obsessionen und Experimente. Dieser Film hat einige der Ressentiments geheilt, die ich noch aus meiner Teenagerzeit hatte. Ich habe endlich verstanden, warum ich von diesen Videos besessen war und wie wichtig es ist, über sie zu sprechen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe gerade die Dreharbeiten zu „Alexx196 & The Pink Sand Beach“ abgeschlossen, meinem neuen narrativen Kurzfilm, der sich in seiner Form stark an meine experimentellen Arbeiten anlehnt. Er erzählt die Geschichte von zwei besten Online-Freunden, die sich zum ersten Mal im echten Leben treffen wollen, wenn ihr Spiel geschlossen wird. Die Darstellung von Online-Beziehungen ist mir wirklich wichtig, denn. Sie haben mich in so vielerlei Hinsicht gerettet, als ich noch ein Teenager war. Online-Identitäten und das reale Leben, das von Online-Ereignissen beeinflusst wird, ist definitiv auch ein wiederkehrendes Thema in meinem ersten Spielfilmprojekt! 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „New Gods


Interview: In our conversation with French director Loïc Hobi, we were able to learn more about his experimental short film “New Gods“, which won the Golden Rider of the Youth Jury in the International Competition at the 33rd Filmfest Dresden, why he approaches the Incel movement in this way, and how important a narrative and visual hybrid was to him.

Please tell me something about the starting point for your short film.

It all goes back to a shooting perpetrated by an Incel that happened when I was a teenager. For some reason as a 16 years old boy, I became obsessed with the youtube videos that the killer had uploaded before committing his crime. I did not identify with the criminal, nor had empathy towards him, but I was fascinated by how he had suddenly become famous on the internet. As I grew up I started forgetting about this story but when I turned 22, the age the criminal was when he murdered people, I went back to his videos and wondered why I hadn’t become like him.

How long did you spend researching and dealing with the subject of Incels?

As an internet kid, who spent way too much time on the computer growing up, I have been observing my whole life how some groups become radicalized online. Incels are an interesting community because you can only really reach them on forums or websites. I cannot say I spent any specific time researching about this topic for this project but just that growing up online you encounter all types of people and it’s actually pretty easy to connect to them.

You decided not to tell his story as a pure documentary, but use a kind of mixed form – can you tell me more about that decision?

I did not want the audience to face the videos without context or perspective, otherwise they would just go to YouTube.  I thought a lot about how I only got to know this criminal’s motivations just because of the internet and how it’s ultimately just some data. How the criminal himself fictionalized his story so we could empathize. While making the film, it was important for me to take a point of view that could be very pragmatic. Using an AI that questions why these videos are online and whether they should be banned allowed me to explore them in a new way.

What was visually important to you?

With the character trying to be understood through the vlogs, I wanted to explore all the data I could access about a person and mix it up. 

What does the internet know about you? A lot more than you do about yourself. 

How did you find your subject and what was it like for him to work on this project? 

I decided to shoot this film with an actor for ethical reasons and because I wanted to have the same experience of shooting these videos as the real person did. I gave him a lot of monologues – far too many to learn by heart – so that he could interpret them in a very nonchalant way. In the end, the real criminal was also a kind of actor when he shot his videos. I feel like he knew exactly how to act. This was the second film I did with this actor, I really like what he hides when he plays.

What would you like to convey with your film? Can you also imagine a didactic use?

New Gods” is a very important film to me, not in terms of trying to understand the motivations of a killer, but because the Incels are the epitome of how men suffer from the patriarchal, hypersexualized society we live in. I feel like we’re wasting internet space by having so much discourse, but the internet is really the perfect tool to try to understand each other. We really need to take a step back and think about all the images we look at online every day.

Can you tell me a bit more about yourself at the end?

I started out as a filmmaker wanting to make only narrative films, but I’ve found that certain subjects like this require more hybrid forms, and I look forward to my next obsessions and experiments. This film healed some of the resentments I still had from when I was a teen. I finally understood why I got obsessed with these videos and how vital it is to talk about them.

Are there already new projects planned?

I just wrapped shooting “Alexx196 & The Pink Sand Beach”, my new narrative short, which actually takes a lot in its form to my experimental work. It tells the story of two online best friends who want to meet in real life for the first time when their game closes. Portraying online relationships is really important to me because. They saved me in so many ways when I was just a teenager. Online identities and real life influenced by online events is definitely a recurring theme on my first feature project as well! 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “New Gods

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