Neun Fragen an Cristóbal León

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Sebastian Utreras

Interview: Im Gespräch mit dem chilenischen Regisseur Cristóbal León konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „The Bones“ (OT: „Los huesos“), den er zusammen mit Joaquín Cociña realisiert hat, erfahren, der auf dem 64. DOK Leipzig seine Deutsche Premiere feierte. Er erzählt von der anfänglichen Idee, die chilenische Filmgeschichte etwas umzuschreiben, wie wichtig die Landesgeschichte für das Verständnis des Films ist und wie sie Ari Aster als prominenten Produzenten gewinnen konnten.

The original english language interview is also available.

Euer Stop-Motion-Film ist so gestaltet, als ob es der erste seiner Art ist – wie kam es zu der Idee? Wo liegt der Ursprung der Geschichte?

Seit langem machen wir Kunst mit der Grundidee, Rollenspiele zu spielen. Es ist einfacher und unterhaltsamer für uns, uns vorzustellen, dass wir andere Menschen sind, wenn wir Kunst machen. Als wir zum Beispiel unseren ersten Spielfilm „La Casa Lobo“ drehten, stellten wir uns vor, dass der Film von einer Sekte von Deutschen im Süden Chiles gedreht wurde, inspiriert durch den Fall Colonia Dignidad.

In diesem Fall ließen wir uns von den Filmen von Ladislas Starewitch, dem Vater der Stop-Motion-Animation, inspirieren. Starewitch erzählte eine niedliche und seltsame Geschichte darüber, wie er anfing, Animationen zu machen: Er war Direktor eines Naturkundemuseums und wollte Filme über Kakerlaken machen, aber diese starben oder entkamen durch die kräftigen Glühbirnen, die damals verwendet werden mussten. Daraufhin beschloss er, die Beine der Kakerlaken durch Drähte zu ersetzen. Und so wurde mit der Animation von Leichen diese Technik geboren. Eine Technik, die immer etwas Beunruhigendes hat. Dies ist der Frankenstein-Ursprung der Stop-Motion-Technik. Wir wollten Starewitch Tribut zollen, aber wir haben die Idee der Leichen überspitzt, in diesem Fall waren es keine Insektenleichen, sondern menschliche Leichen. Wir haben keine echten Leichen verwendet. Oder vielleicht doch, man wird es nie erfahren. 

Es macht uns auch Spaß, die Tradition des chilenischen Animationsfilms fortzusetzen. Chile hat eine großartige Gegenwart in der Animation, aber eine nicht sehr starke Vergangenheit, so dass die Idee, die Geschichte zu ändern und unsere künstlerischen Vorfahren zu schaffen, uns Spaß gemacht hat.

Was muss man von der chilenischen Geschichte wissen, um den Film besser begreifen zu können?

Das ist eine wichtige Frage. Wir denken immer, dass unsere Werke vielschichtig sind und auf verschiedenen Ebenen genossen werden können. Obwohl der Film viel Inhalt über die chilenische Politik und Geschichte hat, haben wir versucht, ihn so abstrakt zu gestalten, dass er von jedem angesehen werden kann, ohne die Details unserer lokalen Geschichte zu verstehen. Das ist eine Bemühung, die wir bei vielen unserer Arbeiten machen, die Bemühung, zutiefst lokal und zutiefst universell zu sein. Ich glaube, dass viele der großen Kunstwerke diese Qualität haben.

Der Film entstand im Zusammenhang mit dem so genannten Estallido Social (Sozialer Ausbruch) von 2019, einer Reihe von Demonstrationen, die zu einem politischen Prozess führten, der in Chile zur Einberufung eines Verfassungskonvents führte, um die aktuelle Verfassung zu ersetzen, die während der Pinochet-Diktatur eingeführt wurde. Joaquín und ich sind während dieser Diktatur aufgewachsen, und tatsächlich wurde unsere Verfassung 1980 verabschiedet, dem Jahr, in dem wir beide geboren wurden. Die Proteste 2019 hatten viele Dimensionen, aber ein Großteil der Forderungen bezog sich auf die Verringerung der großen Ungleichheit in unserer Gesellschaft. In Chile sind Macht und Reichtum auf eine sehr kleine Schicht konzentriert. Das ist besonders dramatisch, weil wir seit Jahrzehnten vom großen wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes und Chile als Beispiel für Lateinamerika hören. Doch dieser Erfolg hat nicht zu einer chancenreicheren Gesellschaft geführt, sondern eher zur Bereicherung einiger weniger. Kurzum, Chile hat es in den 200 Jahren seiner Unabhängigkeit nicht geschafft, seine koloniale Struktur zu überwinden. Wir stellen uns den Film – halb im Ernst, halb im Scherz – als ein Ritual oder einen Zauberspruch vor, um Chile von der Oligarchie und dieser feudalen Ordnung zu befreien. Die beiden Figuren, die auftreten, sind die beiden großen Verteidiger der Interessen der Aristokratie: Diego Portales im 19. Jahrhundert und Jaime Guzmán im 20. Jahrhundert, der auch der Ideologe der Verfassung von 1980 ist. Oh Gott, ich habe diese Antwort zu ausführlich formuliert, aber nun ja, es war ja auch viel zu erklären.

Kannst Du mir mehr zu dem Rahmen erzählen – u.a. habt ihr sehr prominente Produzenten gewinnen können – in dem er euer Film entstanden ist?

Wir haben den Film während der Pandemie gedreht. Wir haben ihn zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln finanziert, die andere Hälfte stammte aus einer privaten chilenischen Kunstsammlung: der Sammlung des künftigen NUMU-Museums [New Museum in Santiago]. Ari Aster [Anm. d. Red.: „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018), „Midsommar“ (2019)] kam als ausführender Produzent hinzu, um beim Vertrieb des Films zu helfen. Er ist ein Fan unserer Arbeit, so wie wir Fans seiner Arbeit sind. Wir arbeiten auch an einem Film von ihm mit.

Wie lange hattet ihr Zeit, um den Film zu realisieren und wie groß war euer Team?

Ich würde sagen, wir haben etwa ein Jahr gebraucht, von der Idee bis zum Export des endgültigen Masters. Vielleicht fünf Monate für die eigentliche Animation. Das Team ist klein, wie immer bei unseren Produktionen: etwa zehn Leute im Hauptteam. Für die Animation waren wir normalerweise zu zweit plus ein Assistent. Ich mag es, dass das Team klein gehalten wird, die Intimität am Set ist von Vorteil. Ich glaube nicht, dass größer werden an sich eine gute Sache ist.

Worauf referenziert ihr in eurem Film auf visueller Ebene? Wo lag euer Schwerpunkt bei der Ausgestaltung?

Für diesen Film dachten wir an die fotografischen Studien aus den Anfängen der Fotografie, die ersten fotografischen Tricks, die Filme von Ladislas Starewitch, dem Fotografen Joel-Peter Witkin, die Filme von Melies. Wir denken immer an David Lynch. An Jan Svankmajer denken wir nie, aber irgendwie ist er immer präsent, wie ein Geist.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Komponisten Tim Fain? Habt ihr für die Musik im Vorfeld Wünsche geäußert?

Der Koproduzent Adam Butterfield kennt Tim gut. Die Verbindung, die wir von Anfang an mit Tim hatten, war außergewöhnlich. Er hat das, was wir für den Film wollten, perfekt interpretiert und es auf eine Ebene gebracht, die wir uns nicht vorstellen konnten. Bei unserem ersten Treffen brachte Tim ein paar erste Skizzen mit, die er selbst komponiert hatte, und die waren schon brillant.

Bevor wir mit Tim zusammen arbeiteten, recherchierten wir ein wenig über die Musik, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Chile gemacht wurde, und stellten fest, dass sie stark von Chopin beeinflusst war. Die Kunst in Chile folgte zu dieser Zeit immer den Spuren Europas, allerdings mit einer Verzögerung von mehreren Jahrzehnten. Wir stellen uns vor, dass, wenn der Film eine Beschwörung der Geister war, der Soundtrack es auch sein musste, wir stellen uns den Klang als eine Abstimmung einer Frequenz aus einer anderen Dimension vor. Wie ein kaputtes Radio, das beginnt, Frequenzen aus dem Jenseits aufzufangen. Der wichtigste Hinweis, den wir Tim gaben, war: Wir wollen einen Chopin aus der Hölle.

Kannst Du mir mehr zur Zusammenarbeit mit Joaquín Cociña erzählen und wie ihr die Aufgabengebiete möglicherweise aufgeteilt habt?

Wir arbeiten seit 2007 zusammen. Das sind fast fünfzehn Jahre. Wir sind bildende Künstler und Filmemacher. Wir machen Ausstellungen und Filme. Wir teilen die Verantwortung nicht auf. Entweder haben wir nicht gelernt, es zu tun, oder wir fühlen uns wohl dabei, es nicht zu tun. Wir beide schreiben, filmen, zeichnen, malen, formen, animieren und beschäftigen uns mit allen oder fast allen Aspekten der Produktion.

Wie bist Du zum Film gekommen?

Ich habe die Animation entdeckt, als ich mein Studium abgeschlossen habe. Ich habe Design und Kunst in Chile studiert. Ich habe nicht im Bereich Film studiert. Um den Abschluss in Design zu erhalten, habe ich ein Animationsprojekt gemacht. Ich habe es komplett autodidaktisch gemacht und mich in das Medium verliebt. Es war ein Raum, in dem ich meine Interessen an Zeichnung, Sound, Musik, Literatur und Grafikdesign kombinieren konnte.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, natürlich. Wir arbeiten an einem Film mit dem vorläufigen oder endgültigen Titel „Los Angeles“. Es ist unser erster Film, der Animation und die Arbeit mit Schauspielern kombiniert. Wir schreiben am Drehbuch, seit wir unseren ersten Spielfilm „La Casa Lobo“ uraufgeführt haben, oder vielleicht kurz danach. Jetzt haben wir endlich ein Drehbuch gefunden, das uns wirklich gefällt. Wir sind sehr aufgeregt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Bones


Interview: In our interview with Chilean director Cristóbal León, we were able to learn more about his short film “The Bones” (OT: “Los huesos”), which he realized together with Joaquín Cociña and which had its German premiere at the 64th DOK Leipzig. He talks about the initial idea to rewrite Chilean film history a bit, how important the country’s history is for understanding the film and how they were able to win Ari Aster as a prominent producer.

Your stop-motion film is made to look like it’s the first of its kind – how did the idea come about? Where is the origin of the story?

For a long time we have been making art with the idea of playing role-playing games. It is easier and more entertaining for us to imagine that we are other people when we make art. For example, when we made our first feature film La Casa Lobo, we imagined that the film was directed by a sect of Germans in southern Chile, inspired by the case of Colonia Dignidad.

In this case, we were inspired by the films of Ladislas Starewitch, the father of stop-motion animation. Starewitch told a cute and strange story about how he started making animations: He was the director of a natural history museum and wanted to make movies about cockroaches, but they died or escaped with the powerful light bulbs that had to be used at that time. He then decided to replace the roaches’ legs with wires. And so, with the animation of corpses, this technique was born. A technique that always has something a little disturbing. This is the Frankenstein origin of stop-motion. We wanted to pay tribute to Starewitch but exaggerating the idea of corpses, in this case they would not be corpses of insects but human corpses. We didn’t use real corpses. Or maybe yes, it will never be known. 

It also entertains us to create the tradition of Chilean animation. Chile has a great present in animation but a not very robust past, so the idea of correcting history and creating our artistic ancestors seems fun to us.

What do you need to know about Chilean history to better understand the film?

This is an important question. We like to think that our works have many layers and can be enjoyed on different levels. Although the film has a lot of content about Chilean politics and history, we tried to make it an abstract enough for anyone to enjoy without understanding the details of our local history. It is an effort that we make in many of our jobs, the effort to be deeply local and deeply universal. I believe that many of the great works of art have that quality.

Having said this, the film was conceived in the context of the so-called Estallido Social (Social Outbreak) of 2019, a series of demonstrations that resulted in a political process that led Chile to the establishment of a constitutional convention, in order to replace the current constitution that it was imposed during the Pinochet dictatorship. Joaquín and I grew up during this dictatorship and in fact, our constitution was established in 1980, which is the year in which we were both born. The 2019 protests had many dimensions, but much of the demands were related to reducing the great inequality in our society. In Chile, power and wealth is concentrated in a very small class. This is especially dramatic, because we have been hearing for decades about the great economic success of our country and Chile as an example for Latin America. But the point is that this success has not translated into a society with more opportunities, but rather the enrichment of a few. In short, Chile has not been able to overcome its colonial structure in its 200 years as an independent republic. We imagine the film – half seriously half jokingly – as a ritual or a spell to free Chile from the oligarchy, to free it from this feudal order. The two figures that appear are the two great defenders of the interests of the aristocracy: Diego Portales in the 19th century and Jaime Guzmán in the 20th century, who is also the ideologist of the 1980 constitution. Oh God, I did this answer too long, but well, it was long to explain.

Can you tell me more about the context in which your film was made? Among other things, you were able to attract very prominent producers.

We made the movie during the pandemic. We financed it half with public funds, and the other half came from a private Chilean art collection: the collection of the future NUMU museum. Ari Aster joined as executive producer to help with the film’s distribution. He is a fan of our work, just as we are fans of his work. We are also collaborating on a movie of his.

How long did you have to realize the film and how big was your team?

I would say it took us about a year from when we started with the idea until we exported the final master. Maybe about five months of proper animation. the team is small, as always in our productions: about ten people in the main team. For the animation it was usually the two of us plus an assistant. I like that the team is kept small, intimacy on set is beneficial. I don’t think growing up is a good thing by itself.

What does your film visually reference? Where was your focus in the design?

For this film we were thinking about the photographic studies of the early days of photography, the first photographic tricks, the films of Ladislas Starewitch, the photographer Joel-Peter Witkin, the  films of Melies. We always think of David Lynch. We never think of Jan Svankmajer, but somehow he is always present, like a ghost.

How did you come to work with composer Tim Fain? Did you make any requests for the music ahead of time?

Co-producer Adam Butterfield knows Tim well. The connection we had with Tim from the beginning was exceptional. He interpreted what we wanted for the film very perfectly and took it to a level that we did not imagine. At the first meeting we had, Tim came up with some first sketches composed by him, and they were already brilliant.

Before working with Tim, we did a little research on the music that was made in Chile at the beginning of the 20th century, we discovered that it was very influenced by Chopin. Art in Chile at that time always followed the trace of Europe, but with a delay of several decades. We imagine that if the movie was an invocation of spirits, the soundtrack had to be too, we imagine the sound as a tuning of a frequency from another dimension. Like a broken radio that begins to pick up frequencies from beyond. The main indication we gave Tim was: we want a Chopin from hell.

Can you tell me more about your collaboration with Joaquín Cociña and how you divided the responsibilities?

We have been collaborating since 2007. It has been almost fifteen years. We are visual artists and filmmakers. We do exhibitions and films. We do not divide responsibilities. Either we have not learned to do it or we are comfortable not doing it. We both write, film, draw, paint, sculpt, animate, and engage with all or nearly all aspects of production.

How did you both get involved in film?

I discovered animation when I was finishing university. I studied Design and Art in Chile. I have no study in film. To obtain the degree in Design, I did an animation project. I did it completely self-taught and fell in love with the medium. It was a space where I could combine my interests in drawing, sound, music, literature, and graphic design.

Are there any new projects already planned?

Of course. We are working on a movie called temporarily or finally “Los Angeles”. It is our first film that will combine animation and work with actors. We have been writing the script since we premiered  our first feature film La Casa Lobo, or maybe shortly after that. We are finally coming up with a script that we really like. We are super excited.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “The Bones

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