Elf Fragen an Yoichiro Okutani

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Interview: Im Gespräch mit dem japanischen Filmemacher Yoichiro Okutani konnten wir mehr über seinen Dokumentarfilm „Odoriko“ erfahren, der auf dem 64. DOK Leipzig in einem Sonderprogramm gezeigt wurde, wie er zu dem Thema seines Films kam, über welchen Zeitraum hinweg er die Strip-Tänzerinnen begleitet hat und wie er die zweite Fassung seines Films – „Nude at Heart“ – findet.

The original english language interview is also available.

Wie bist Du auf die Odorikos aufmerksam geworden? Warum hast Du Dich entschieden einen Film über sie zu drehen?

Damals war ich Mitte dreißig und hatte keine Hobbys, die mein Leben bereichern würden. Das war ein Grund, warum ich zufällig ein Strip-Theater besuchte, und danach habe ich viele Strip-Theater regelmäßig besucht. In der Zwischenzeit war ich auf der Suche nach jemandem aus unserer Generation, der mit dem Einsatz seines Körpers, also mit körperlicher Arbeit, Geld verdiente. Ich war zutiefst beeindruckt, als ich die Odoriko-Bühne sah, denn sie sahen für mich wie Sportlerinnen aus. Deshalb beschloss ich, einen Film über Odoriko zu machen.

Über welchen Zeitraum hast Du Material aufgenommen – an wie vielen Orten warst Du?

Ich begann im März 2013, Strip-Theater zu besuchen, und beendete die Dreharbeiten im Februar 2017. Es dauerte etwa vier Jahre. Zu dieser Zeit gab es etwa 20 Strip-Theater im ganzen Land, und ich habe fast alle Theater besucht. Ich habe etwa zehn Theater in meinem Film gefilmt.

War es schwer zum einen den Zugang zu den Orten und hinter die Kulissen zu bekommen und zum anderen das Vertrauen der Portraitierten zu gewinnen?

Als ich anfing, Strip-Theater zu besuchen, habe ich zunächst nichts davon gesagt, dass ich einen Film über Odoriko drehen wollte. Ich war einfach nur ein Zuschauer für sie. Einige Monate später schrieb und schickte ich Briefe an jedes Odoriko, dass ich einen Film über sie drehen wollte, und einige von ihnen akzeptierten dann mein Angebot. Sie stellten mich auch den Managern der Theater vor und erlaubten mir zu fragen, ob ich sie in den Theatern, insbesondere in den Umkleidekabinen, filmen dürfe. Ich glaube, die Odoriko waren an meinem Filmprojekt interessiert, weil sie damals oft nur von Boulevardzeitungen und pornografischen Büchern interviewt wurden.

Mit welchem Equipment hast Du gearbeitet? Warst Du Ein-Mann-Team? 

Dieser Film wurde auf Mini-DV-Kassetten aufgenommen. Ich habe eine DVX100-B von Panasonic verwendet. Ich habe immer zwei Arten von Stativen dabei. Das eine ist ein höheres und das andere ein niedrigeres, damit ich die Höhe und den Winkel der Kamera wählen konnte. Wir waren höchstens drei Leute, ich und der Regieassistent und der Tontechniker. In einigen Fällen habe ich auch allein gedreht.

Wie viel Material ist entstanden? Worauf hast Du im Schnitt Deinen Fokus gelegt?

Wir haben in vier Jahren über 220 Stunden gedreht. Beim Schnitt habe ich darauf geachtet, dass ich die Welt von Odoriko so wiedergebe, wie sie ist.

Mit dem gleichen Material ist auch ein zweiter Film entstanden – „Nude at Heart“ – was sagst Du zu dieser Fassung?

Zunächst einmal danke ich Mary Stephen, die „Nude at Heart“ bearbeitet hat, aufrichtig. Sie hat versucht, den Film erzählerisch aufzubauen. Ich denke, dass die Zuschauer, die nicht in Japan in Strip-Kinos waren, sich die Welt von Odoriko und ihr Leben leichter vorstellen können. 

Haben die Portraitierten den Film gesehen? Wie fanden sie ihn?

Beide Filme, „Odoriko“ und „Nude at Heart“, sind in Japan noch nicht veröffentlicht worden. Aber wir haben mehrmals Vorpremieren für Odoriko und Ex-Odoriko veranstaltet, um ihnen unsere Filme zu zeigen. Einige von ihnen waren beeindruckt, ihre Welt durch unsere Filme zu sehen, aber gleichzeitig weigerten sich die anderen, in den Filmen selbst gezeigt zu werden.

Wie geht es ihnen und der Branche im Allgemeinen in den Corona-Zeiten?

Ich habe schon lange keine Strip-Theater mehr besucht, seit ich die Dreharbeiten zu Odoriko beendet habe, daher bin ich mir nicht sicher, wie es ihnen in der heutigen Zeit in Corona geht. Aber nachdem die Pandemie in Japan überstanden ist, haben die Strip-Theater wieder geöffnet und die Odoriko stehen immer noch auf der Bühne, um das Publikum zu unterhalten. Ich habe auch begonnen, nach der Fertigstellung meiner Filme wieder Theater zu besuchen.

Wo wird man die Gelegenheit haben Deinen Film zu sehen?

Ehrlich gesagt, bin ich mir da nicht sicher. Jetzt möchte ich, dass unsere Filme mehr auf Filmfestivals gezeigt werden, um das Publikum zu treffen. Wenn nicht jetzt, aber irgendwann in der Zukunft möchte ich meine Filme dem Publikum vorführen, dann werden sie erkennen, dass die Frauen namens Odoriko durchaus im Strip-Theatern in Japan existieren.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen, wie Du zum Film gekommen bist und ob Du dem Dokumentarfilm treu bleiben wirst?

Ich möchte die Menschen, die in unserer Gesellschaft leben, unsere Nachbarn und die Menschen auf der Straße, die versuchen, in unserer Gemeinschaft zu überleben, im Film beschreiben. Meiner Meinung nach ist die ‚Realität‘ am wichtigsten, und ich werde dem Dokumentarfilm treu bleiben.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe einige Ideen, aber noch kein ‚neues Projekt‘ daraus gemacht.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Odoriko


Interview: In our interview with Japanese filmmaker Yoichiro Okutani, we were able to learn more about his documentary “Odoriko“, which was shown at the 64th DOK Leipzig in a special program, how he came to the subject of his film, over what period of time he accompanied the strip dancers and what he thinks of the second version of his film – “Nude at Heart”.

How did you find out about Odoriko? Why did you decide to make a film about them?

I was in my middle thirties at that time, and I didn’t have any hobbies that would enrich my life. That was a reason why I accidentally visited a strip theater and after that, I have been visiting many strip theaters frequently. Meanwhile, I was looking for someone belonging to our generation who was earning money by using one’s body, like physical work, for one’s living. I was deeply impressed when I watched the Odoriko stage, because they looked like the athletes to me. That’s why I decided to make a film about Odoriko.

Over what period of time did you record material – how many places were you in?

I started to visit strip theaters from March 2013, and I finished filming in February 2017. It took about 4 years. There were about 20 strip theaters all over the country at that time, and I visited almost all theaters. I have shot about 10 theaters in my film.

Was it difficult to get access to the locations and behind the scenes and to gain the trust of the portrayed people?

At first, I didn’t say anything about shooting a film about Odoriko when I started to visit strip theaters. I was simply an audience for them. Several months later, I wrote and sent letters to each odoriko that I had wanted to shoot them, and then some of them accepted my offer. Also, they introduced me to the managers of the theaters, and allowed me to ask that I could shoot them in the theaters, especially in the dressing rooms. I think odoriko were interested in my film project because they often interviewed only by tabloid newspapers and pornographic books at that time.

What equipment did you use? Were you always alone? 

This film was shot on mini DV tapes. I used a DVX100-B by Panasonic. I always bring two types of tripods by myself. One is a higher one and the other is a lower one so that I could choose the height and the angle of the camera. We were 3 crews at most, me and the assistant director and the boom operator(sound engineer). I’ve shot alone in some cases.

How much material did you create? What did you focus on in the editing?

We have shot over 220 hours during 4 years. In the editing process, I kept in mind that I should portray the world of Odoriko faithfully as it stands.

With the same material you also made a second film – “Nude at Heart” – what do you think about this version?

First, I sincerely thank Mary Stephen who has edited “Nude at Heart”. She tried and build up the film more narratively. I think the audience who haven’t been to strip theaters in Japan can imagine the world of Odoriko and their lives more easily. 

Have the people portrayed seen the film? What did they think of it?

Both films, “Odoriko” and “Nude at Heart”, haven’t been released in Japan, yet. But we have held preview screenings for odoriko and ex-odoriko several times to show them our films. Some of them were impressed to watch their world through our films, but at the same time, the others refused to be shown themselves in the films.

How are they and the profession in general doing in the Corona times?

I haven’t visited strip theaters for a long time since I finished shooting “Odoriko“, so I’m not sure about their situations in this Corona times.

But, after getting out of the pandemic in Japan, strip theaters have reopened and odoriko are still standing on the stage to entertain the audience. I have also started to visit theaters again after completing my films.

Where will people have the opportunity to see your film?

Honestly, I’m not sure. Now, I want our films to be shown more at the film festival to meet the audience. Unless not now, but ultimately, I want to deliver my films to the audience in the future, then they will recognize that the women called Odoriko certainly existed in the strip theater in Japan.

In the end, can you tell me a bit more about yourself, how you got into film and if you will stay true to documentary film?

I want to describe people who are living in our society, our neighbors and the people on the street trying to survive in our community, in the film.  In my point of view, the “reality” is most important and I’ll stay true to making documentary films.

Are there already new projects planned?

I have some ideas, but not build up as a “new project”, yet.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the film “Odoriko

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