Acht Fragen an Romain Dumont

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Interview: Im Gespräch mit dem kanadischen Regisseur Romain Dumont konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „See you Garbage!“ (OT: „Au plaisir les ordures!“), der auf dem 28. Slamdance Film Festival lief, erfahren, wie die Geschichte durch ein Reportage inspiriert wurde, wie der Look auch die Protagonist:innen charakterisiert und wie sein Umzug nach Paris ihn neu belebte. 

The original english language interview is also available.

Wie entstand die Idee zu Deinem Kurzfilm? Gibt es eine wahre Anekdote, die dahinter steckt?

Der Film entstand ein Jahr vor den Dreharbeiten, genau gesagt im Morgengrauen des 26. Dezember, dem Tag nach Weihnachten, als ich im Haus meiner Mutter nach etwas zu lesen suchte. Sie hat eine große Sammlung von Paris Match, einer bekannten französischen Boulevardzeitung, und zufällig stieß ich auf eine Ausgabe, die dem ehemaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing gewidmet war. Ein Artikel war all seinen Besuchen bei den ‚echten Franzosen‘ gewidmet, und vor allem einem Foto der drei Müllmänner vom 24. Dezember 1974, die einer seiner politischen Attachés angesprochen hatte, um sie in den Elysée-Saal einzuladen. Allein die Betrachtung dieses Fotos, die Art und Weise, wie diese Müllmänner vor sich hin kauern, hat mich davon überzeugt, dass es hier eine dramatische Geschichte zu erzählen gibt. Ich beschloss dann, mit den Vorurteilen des Publikums zu spielen.

Was lag Dir bei der Figurenzeichnung am Herzen?

Bei so typischen Figuren wie den Müllmännern, dem Premierminister und so weiter kann man leicht in eine vulgäre Karikatur verfallen. Ich wollte, dass die Figuren ihren Beruf und ihre soziale Schicht repräsentieren, aber auch durch ihre Eigenheiten unterscheidbar sind: Eli ist ein Student der Politikwissenschaften, der davon träumt, etwas anderes zu machen, Belz versucht am Ende des Films, die First Lady davon zu überzeugen, seine Frau einzustellen, die Innenarchitektin ist, und selbst der Premierminister hat eine gewisse Vorliebe für Spiel und Spaß, wie man bei seinem Besuch sehen kann: Es gibt einen Billardtisch, aber auch eine beeindruckende Miniatureisenbahn.

Gelungen finde ich es wie es von einer awkward-esken Komödien in die Sozialkritik übergeht. War dieser Spagat beabsichtigt?

Ja, und der Wendepunkt tritt nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ein, sondern im Laufe des Abends. Erst im Laufe der Zeit versteht man die ganze Verachtung und Manipulation, die von dieser Idee des Abendessens ausgeht. Aber wenn ich einen Moment nennen müsste, in dem die Gesellschaftskritik zum Tragen kommt, dann ist es der Moment, in dem die First Lady gesteht, dass sie sich einen Spaß daraus macht, sie mit dem Namen zu bezeichnen, mit dem man in Harry Potter Menschen ohne Macht bezeichnet, die Muggel, und bevor sie das Wort sagen kann, wird sie von ihrem Mann unterbrochen.

Die Wohnung des Premierministers spielt als Spiegel zum Charakter der Gastgeber eine wichtige Rolle. Kannst Du mir mehr zum Setdesign erzählen?

Dank meiner großartigen Freunde Gilles und Denise hatten wir das große Glück, diese Location zu bekommen! Die meisten Räume sind in der Realität fast unverändert geblieben. Im Speisesaal musste die großartige Art-Direktorin Catherine K. Pelletier zaubern. Sie hat es wirklich geschafft, eine sehr aristokratische, warme, barry-lindoneske Atmosphäre zu schaffen, die mit vielen Kerzen beleuchtet wurde, obwohl der Raum ursprünglich sehr kalt war.

Was war Dir visuell wichtig?

So viele Dinge. Ich wollte, dass wir visuell Risiken eingehen, vor allem beim Schnitt, auch wenn es den Zuschauer schockiert: Ich denke da an die Szenen mit extremen Nahaufnahmen während des Essens oder an die Art und Weise, wie die Aufnahme der Fotos gefilmt wird. Und schließlich wollten wir mit meinem langjährigen Mitarbeiter, dem großartigen Kameramann Antoin Ryan, die Straße und die schmutzige Seite erhalten. 

Der Cast ist herausragend – wie hast Du Deine Besetzung zusammengestellt?

Als ich Hamidou Savadogo zum ersten Mal traf, wollte er nichts über meinen ‚Scheißfilm‘ hören, sondern mir von seinen Kindergeschichten mit Thomas Sankara erzählen. Ich wusste bereits ein wenig über die Geschichte des ‚Che Guevara africain‘, also faszinierte mich jede seiner neuen Anekdoten. Nicht ein einziges Mal haben wir über den Film gesprochen oder seine Teilnahme am Projekt bestätigt, es war, als hätten wir uns stillschweigend über die Hinweise des anderen hinweggesetzt. Ich traf Hamza in Belleville, seiner Wahlheimat, mit seiner Freundesclique, zu der auch Ghetto-Star Rabah Naït Oufellah gehörte. Glücklicherweise hatte ich gerade Thierry De Peretti und seinen Film „Apaches“ [OT: „Les Apaches“, 2013] entdeckt, in dem Hamza wie immer wunderbar spielt. Als er mir erzählte, dass er oft nach Korsika zurückkehrte, um beim Schlachtfest der Familie zu helfen, wusste ich, dass ich nicht nur eine schauspielerische, sondern auch eine menschliche Bestie vor mir hatte. Ich schickte ihm das Drehbuch, sobald ich nach Montreal zurückgekehrt war. Guillaume Laurin war weniger eine Entdeckung als eine Eroberung. Wenn man Müllmänner eine Zeit lang verfolgt, ist eines offensichtlich: Es ist ein Beruf, der Authentizität fördert. Meiner Meinung nach ist Guillaume ein großartiger Schauspieler, weil er so authentisch ist, dass man seine Absichten nie spürt. Er ist sie losgeworden – oder hat sie genug verinnerlicht – und da ich ein vielbeschäftigter Schauspieler bin, musste ich ihn überzeugen, an dem Projekt teilzunehmen. Unser erstes Treffen fand bei einem Kaffee der dritten Welle statt, und ich glaube bis heute, dass er mich auf diese Weise in meiner letzten Bastion testen wollte. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich bin eigentlich ein professioneller Drehbuchautor, der gezwungen war, Filme zu machen, weil ich in Quebec nicht genügend RegisseurInnen gefunden habe, mit denen ich zusammenarbeiten konnte. Ich bin froh zu sehen, wohin mich meine Projekte führen, aber in gewisser Weise und in der heutigen Zeit würde ich lieber einfach meine Geschichten schreiben und sie an talentierte RegisseurInnen schicken, die die Drecksarbeit machen. Für mich ist Glück eine Mischung aus Freiheit und Diskretion. Ich habe mir ein Haus in Kalabrien gekauft, ich möchte mich dort verstecken und abseits der Weltlichkeit schreiben. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich bin gerade nach Paris gezogen und produziere zwei neue Kurzfilme mit der Produktionsfirma Ad-Vitam und denke wahrscheinlich auch daran, einen in London zu drehen. Vor allem würde ich gerne mit Regisseuren an Spielfilmprojekten arbeiten. Mein Pariser Abenteuer lässt mich ein zweites Mal aufleben, ich bin sehr glücklich in dieser Stadt. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „See you Garbage!


Interview: In our interview 4with Canadian director Romain Dumont, we were able to learn more about his short film “See you Garbage!”  (OT: „Au plaisir les ordures!“) that screened at the 28th Slamdance Film Festival, how the story was inspired by a reportage, how the look also characterizes the protagonist:s and how his move to Paris reinvigorated him. 

How did the idea for your short film come about? Is there a true anecdote behind it?

The film was born a year before the shooting, at dawn on December 26 precisely, the day after Christmas, when I was at my mother’s house looking for something to read. She has a large collection of Paris Match, a sort of well-known French tabloid, and fortunately, I came across an issue devoted to former president Valéry Giscard d’Estaing. An article was reserved for all his visits to the “real French people”, and above all, a photo of the three garbage collectors on December 24th 1974 that one of his political attachés had intercepted to invite them to the Elysée. Just by analyzing this photo, the way these garbage men were cowering against themselves, I was convinced that there was a dramatic story to tell. I then decided to play with the audience’s own prejudices.

What was important to you in drawing the characters?

It is very easy to fall into a vulgar caricature with such obvious characters: the garbage men, the Prime Minister, etc.I wanted the characters to represent their profession and social class, but also to be distinguishable through their particularities: Eli is a political science student who dreams of doing something else, Belz at the end of the film tries to convince the first lady to hire his wife, who is an interior designer, and even the prime minister has a certain taste for fun and games, as can be seen during his visit: there is a pool table, but also an impressive model miniature train.

I like the way it transitions from awkward-esque comedy to social criticism. Was this balancing act intentional?

Yes, and the pivotal point does not occur at a specific time but as the evening progresses. It’s over time that you understand all the contempt and manipulation that comes from this idea of dinner. But if I had to pinpoint the moment where I think the social critique comes in, it’s when the first lady goes to confess that they are having fun calling them by the name that people with no power are called in Harry Potter, the muggle, and before she can say the word, she is interrupted by her husband.

The prime minister’s apartment plays an important role as a mirror to the character of the hosts. Can you tell me more about the set design?

Dank meiner großartigen Freunde Gilles und Denise hatten wir das große Glück, diese Location zu bekommen! Die meisten Räume sind in der Wirklichkeit fast unverändert geblieben… Im Speisesaal musste die großartige Art-Direktorin Catherine K. Pelletier zaubern. Sie hat es wirklich geschafft, eine sehr aristokratische, warme, barry-lindoneske Atmosphäre zu schaffen, die mit vielen Kerzen beleuchtet wurde, obwohl der Raum ursprünglich sehr kalt aussah.

What was important to you visually?

So many things. I wanted us to take risks visually, especially in the cutting, even if it shocked the spectator: I’m thinking here of the scenes of extreme close-ups during the meal or the way in which the scene of the shooting is filmed. Finally, with my collaborator of toujours, the great director of photography Antoin Ryan, we wanted to keep a street and dirty side. 

The cast is outstanding – how did you assemble your cast?

The first time I met Hamidou Savadogo, he didn’t want to hear about my “shit movie,” he wanted to tell me about his kid stories with Thomas Sankara. I already knew a little about the history of the «Che Guevara africain» so each of his new anecdotes fascinated me. Not once have we talked about the film or confirmed its presence on the project, it’s as if we had tacitly exceeded each other’s evidence. I met Hamza in Belleville, his adopted neighborhood, with his gang of friends, including hood star Rabah Naït Oufellah. Lucky luck, I had just discovered Thierry De Peretti and his film “The Apaches” in which Hamza plays, as usual, beautifully. When he told me that he often went back to Corsica to help with the family butchery, I knew that I had not only an actor’s beast, but a human beast in front of me. I sent him the script as soon as I returned to Montreal. Guillaume Laurin was less a discovery than a conquest. If you follow garbage collectors for a while, one thing is obvious: it is a profession that encourages authenticity. In my opinion, Guillaume is a great actor because of his authenticity, you never feel his intentions. He got rid of them – or internalized them enough – and being a busy actor, I had to convince him to take part in the project. Our first meeting was over a third wave coffee, I believe to this day that it was a way for him to test me in my last entrenchments. 

Can you tell me a little more about yourself and how you came to make the film?

I’m really a career screenwriter who was forced to make films because I couldn’t find enough directors in Quebec to collaborate with. I’m glad to see where my projects are taking me, but in a way, and in this day and age, I’d just rather be able to write my stories and send them to talented directors to do the dirty work. For me happiness is freedom mixed with discretion. I bought myself a house in Calabria, I want to hide there and write away from worldliness. 

Are there any new projects already planned?

I’ve just moved to Paris and I’m producing two new short films with the Ad-Vitam production company and I’m probably also thinking of making one in London. I would especially like to work on feature film projects with directors. My Parisian adventure makes me relive a second time. I am very happy in this city. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “See you Garbage!

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