Fünf Fragen an Christian Becker

Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur und Produzenten Christian Becker konnten wir mehr über seine Kurz-Doku „Lydia“, welche u.a. auf den 32.Bamberger Kurzfilmtagen zu sehen war, erfahren, wie er darin einen unbekannten Teil der Familiengeschichte erzählt und was ihm wichtig war, als er Ton und Bild zusammenfügte. 

Wie kam die Idee zu Deinem Film „Lydia“ auf? Woher stammt das Material, was Du verwendet hast? 

Seit meinem 18ten Lebensjahr hatten wir engen Kontakt und teilten viele Interessen, so auch die für die Fotografie. Zu Lebzeiten schon gab mir mein Onkel private Fotografien und später kamen Schmalfilmrollen hinzu. Beides zeigte oftmals dasselbe: Lydia und Wolfgang, die sich gegenseitig in ähnlichen Posen fotografierten oder filmten. 

Jahre später kamen Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1992 hinzu. Einen ersten Blick in die 600 getippten Seiten warf ich erst 2019 und stellte verblüfft fest, dass mir die Aufzeichnungen meines Onkels – sachlich, wie ein Bericht verfasst – einen Einblick in ein Leben gewährten, das mir bis dahin verborgen war: Eine Krebserkrankung, von der in meiner Familie niemand wusste, warf seit 1988 einen Schatten auf Lydias Leben. Eine unterschwellige Furcht vor einem tödlichen Zweittumor begleitete sie fortan. Ein ‚Riss‘ in der Kontinuität ihres Lebens hatte sich aufgetan – unwiderruflich und für mich eine Erklärung für ihre sogenannten eingebildeten Krankheiten. Alles wissentlich von meinem Onkel protokolliert – vielleicht als stummes Aufbegehren gegen ein unabwendbares Schicksal. 

Während der Sichtung des Bild- und Textarchivs verstand ich, dass jedes noch so gut organisierte Leben – von jetzt auf gleich – vorbei sein kann. So beschloss ich mit dem mir anvertrauten Nachlass eine persönliche, aber auch eine universelle Geschichte zu erzählen.

Was lag Dir bei der Zusammenführung von Sprache und Bildern am Herzen?

Schon früh empfand ich das gegenseitige Fotografieren und Filmen der beiden, das zwischen Dokumentation und Inszenierung changiert, formalistisch und inhaltlich spannend.

Oft treten die beiden bildlich in einen selbst inszenierten Dialog und lassen uns damit auch an ihrem Leben teilhaben.

Die Tagebuchnotizen meines Onkels, die sachlich, wie ein Bericht verfasst sind – halfen mir dann die Bilder zusammen zu führen und neu zu ‚lesen‘. Die Herausforderung war dabei, da mir die beiden ja persönlich auch sehr am Herzen liegen, sie respektvoll zu behandeln und gleichzeitig als Darsteller ihres eigenen Lebens zu sehen. Bei dem Montage-Prozess schwangen meine eigenen, persönlichen Erfahrungen genauso mit, wie die neu gewonnenen Erkenntnisse aus den Tagbuchnotizen. Beidem wollte ich gerecht werden, einerseits wollte ich splitterhaft von der Schönheit und der Widrigkeit ihrer symbiotischen Ehe erzählen, aber auch von der Zeit in der sie gelebt haben. 

Welche anderen visuelle Gesichtspunkte waren Dir wichtig?

Ich habe mich bemüht im Schnitt nicht zu sehr ins Material einzugreifen, um die ursprüngliche Intention zu bewahren. Oftmals habe ich nur leicht modifiziert, Schnitte anders gesetzt und vorhandene Szene komprimiert. Um den stummen Bildern dann ein Stück ‚Realismus‘ zurück zu geben, habe ich mich entschlossen sie teilweise nach zu vertonen. Hier stand aber nicht die perfekte Wirklichkeitsimitation im Vordergrund, sondern das akustische ‚Atmen‘ der Bilder. 

Bei der formalen Filmfindung hat mich auch mein Compagnon Oliver Schwabe (wir haben zusammen die field recordings filmproduktion in Köln, produzieren Dokumentarfilme und inszenieren Spielfilme) unterstützt. Entscheidend war hier u.a. der Moment, in dem die Schwarzbilder hinzukamen, die mir erlaubten in Fragmenten ein Ganzes zu erzählen.

Du übernimmst in Deinem Film Regie, Schnitt und warst auch Produzent. In welcher Position fühlst Du Dich am wohlsten?

Ich fühle mich in allen genannten Positionen zu Hause. Auch wenn die Positionen teils sehr unterschiedliche Anforderungen haben, ergänzen sie sich auch recht gut, besonders wenn man sie wie bei „Lydia“ in einer Person bündelt. Bei langen Filmen ist das sicher etwas anderes, so übernehme ich oftmals bei Dokumentarfilmen die Position des Editors und Produzenten, bei Spielfilmen aber auch die des Autors/Regisseurs (meist zusammen mit Oliver Schwabe). Letztlich hängt meine Position vom nächsten Projekt ab und in dem Zusammenhang bin ich eh Teamplayer.

Sind bereits neue Projekte – auch als Regisseur – geplant?

Oliver Schwabe und ich planen unseren dritten Spielfilm, realisieren demnächst einen fiktionalen Kurzfilm und entwickeln Dokumentarfilmprojekte. Ansonsten sind wir zurzeit bei zwei Spielfilmprojekten als Koproduzenten aktiv und seit letztem Jahr bin ich vermehrt in der Lehre tätig.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Lydia

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