„Wo ich wohne“ (2022)

Doreen Kaltenecker
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Kurzfilm / Österreich / Animation / 2022

Filmkritik: Der Animationsfilm „Wo ich wohne“ von Susi Jirkuff, der seine Deutsche Premiere auf dem 66. DOK Leipzig 2023 feierte, ist die Adaption einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Ilse Aichinger und überträgt diese wunderbar in die bewegten Bilder.

Als eine Frau eines Abends nach Hause kommt, merkt sie, dass sie auf einmal nicht mehr auf ihrer Etage wohnt. Doch in ihrer Wohnung ist alles beim Alten, obwohl sie eine Etage tiefer wohnt. Da aber keiner ihrer Nachbarn etwas zu merken scheint, beschließt sie, die Tatsache erst einmal zu ignorieren. 

Die österreichische Animationskünstlerin und Regisseurin Susi Jirkuff (*1966) entdeckte die gleichnamige Kurzgeschichte (1963) der österreichischen Autorin Ilse Aichinger (1921–2016) erneut, als sie selbst vor hatte, eine Geschichte über ihr eigenes Wohnhaus zu erzählen. Stattdessen beschloss sie, die Worte Aichingers, hervorragend von der Sprecherin Alenka Maly vorgetragen, mit einem Animationsfilm zum Leben zu erwecken. Während die Geschichte wortgetreu vorgetragen wird, entschließt sich Jirkuff, die Bilder nicht nur rein illustrierend zu verwenden. Ihre Kohle-Zeichnungen, welche im Material schon das Ende der Geschichte aufgreifen, fangen figurativ an. Bereits da verzichtet sie auf Gesichter und viele Details und bindet die Geschichte an keinen zeittypischen Look. Doch mit dem Verlauf der Story werden die Bilder, so wie auch das seelische Befinden der Protagonistin, immer bewegter, zum Teil verschwimmen die Räume immer weiter. Das Figurative löst sich sozusagen immer mehr auf, je mehr die Figur die soziale Bindung und den gesellschaftlichen Stand verliert. Womit klar definiert ist, welche Botschaft die Geschichte vermittelt. Sie handelt vom sozialen Abstieg, der damit einhergehenden Scham und wie Menschen sich trotzdem immer wieder auch einfügen können. So gelang Jirkuff eine gelungene und empfehlenswerte Umsetzung der Geschichte. 

Fazit: „Wo ich wohne“ ist eine Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte Ilse Aichingers. Mit perfekt abgestimmten Bildern, welche die Schwermut der Geschichte hervorragend transportieren, schuf die Regisseurin Susi Jirkuff einen rundum gelungenen Kurzfilm, der noch lange nachhallt. 

Bewertung: 7,5/10

geschrieben von Doreen Kaltenecker

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