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Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur Lucas Malbrun konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Margarethe 89“, der auf dem 66. DOK Leipzig 2023 seine Deutsche Premiere feierte und u.a. vor kurzem auf dem 39. Interfilm Festival Berlin 2023 lief, erfahren. Er erzählt, wie er über Faust zur Geschichte kam, welche Künstler bei der Bildsprache ihn inspiriert haben und wie das französische Publikum auf diese sehr deutsche Thematik reagierte.
Warum hast Du Dich dafür entschieden, eine Geschichte vom Ende der DDR zu erzählen? Gibt es eigene Bezüge zu dieser Zeit?
Zunächst wollte ich eine ganz andere Geschichte, nämlich Goethe’s Faust, aus Gretchens Sicht erzählen. Ich bin aber sehr schnell in der DDR gelandet, nachdem ich unter anderem Ellen Thiemanns Zeitzeugenbericht gehört hatte, in dem sie von der Bespitzelung durch ihren Ehemann erzählt. Liebe, Verrat und Wahn verbinden beide Geschichten. Ich habe mich anschließend immer mehr für die Psychiatrie, die Stasi und das Dissidententum in der DDR interessiert. Dabei habe ich erfahren, dass die operativen Vorgänge der Stasi stark von der Psychiatrie inspiriert waren, nur dass das Ziel nicht die Heilung, sondern umgekehrt die ‚Zersetzung‘ der Psyche war. Das Schicksal der Dissidenten in der DDR, die unter dem psychologischen Druck des Regimes stehen, hat mich sehr berührt. Die Auswirkungen eines wahnsinnigen Staates auf die Psyche ihrer Bewohner bis in ihre Intimsphäre sind zum zentralen Thema des Films geworden. Faust hat mir dabei geholfen, eine fiktionale Struktur beizubehalten und mich auf die Protagonisten zu konzentrieren, um nicht zu historisch oder didaktisch zu werden.
Ist der Film im Rahmen Deines Studiums entstanden? Wie lange hattest Du Zeit für das Projekt und wie groß war Dein Team?
Der Film ist mein erster persönlicher Kurzfilm. Ich habe die Geschichte über mehrere Jahre hinweg neben meinen Auftragsarbeiten entwickelt und geschrieben. Die Produktion hat im Sommer 2022 begonnen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mit einem relativ großen Team in Strasbourg, Paris, Vendôme und in der Bretagne gearbeitet. Für einen Animationsfilm war die eigentliche Produktionszeit mit acht Monaten eher kurz.
Was lag Dir visuell am Herzen? Hast Du Dich an Vorbildern orientiert?
Ich wollte, dass der Film grafisch etwas Künstliches ausstrahlt. Deswegen habe ich mich möglichst viel an künstlerischen Darstellungen der DDR orientiert und möglichst wenig an ‚realistischen‘ Dokumenten wie Fotos. Die Perspektiven sind sehr einfach und ‚ziehen‘ den Betrachter ins Bild und die Farben sind fröhlich und hell, was man nicht unbedingt mit der DDR verbindet. Ich habe mich einerseits von den Arbeiten einiger Art-Brut Künstler inspirieren lassen, wie zum Beispiel Henry Darger oder Adolf Wölfli, da in deren Bildern etwas sehr eigensinniges, dem Wahn nahestehendes zum Ausdruck kommt.
Andererseits haben auch die Arbeiten der Künstler der Leipziger Schule und der neuen Leipziger Schule großen Einfluss auf den Stil des Films gehabt. Besonders die Bilder des Künstlers der Leipziger Schule Kurt Dornis haben einen großen Einfluss auf die Darstellung der Stadt gehabt.
Würdest Du sagen, Du hast mit diesem Film zu Deinem Stil gefunden?
Ich denke, der Stil und der Film haben nach und nach einander gefunden. Wie auch schon für andere Projekte habe ich zunächst eine Bilderserie zum Thema gezeichnet. Diese habe ich mit Filzstift und Karbonpapier angefertigt, Utensilien, die die meisten kennen und die auch viel in der Administration verwendet wurden, aber auch von Art-Brut-Künstlern, weil sie nicht teuer und leicht zu beschaffen sind. Ich wollte, dass der Stil des Films etwas zum Film beiträgt und dass Form und Inhalt einander dienen. Anschließend fand ich, dass der Filzstift den Protagonisten, besonders in den Großaufnahmen, etwas Brüchiges verleiht, was mir sehr gefallen hat.
Für uns Deutsche Zuschauer:innen ist dieses Thema sehr präsent – Wie haben aber französische oder auch internationale Zuschauer:innen auf den Film reagiert?
Der Film hat in Frankreich seine Premiere in der Director’s Fortnight in Cannes 2023 gefeiert und wurde dort toll aufgenommen. Er wurde zuvor auch sehr gut und exklusiv durch französische Mittel finanziert. Ich muss wirklich sagen, dass ich schon während der Schreib- und Entwicklungsphase gefühlt habe, dass in Frankreich ein großes Interesse für die DDR herrscht, vielleicht auch gerade weil das Thema nicht so bekannt ist. Ich hatte anschließend die Chance, mit einer, für einen Kurzfilm, relativ großen Crew zusammenzuarbeiten. Die
Animateure und Layoutkünstler kommen, ohne dass wir es gezielt so gewollt haben, unter anderem aus Ungarn, Russland und der Ukraine. Auch wenn einige von ihnen sehr jung sind, merkt man, dass das Thema sie besonders angesprochen und mitgerissen hat.
Dein Film spielt in Leipzig und jetzt hat der Film hier seine Deutsche Premiere gefeiert? Wie war das für Dich? Warst Du selbst in Leipzig vor Ort?
Ja, ich war zum ersten Mal in Leipzig, als der Film schon fertig war. Das war dieses Jahr zum DOK Leipzig und es hat mich sehr berührt endlich die Stadt in der Realität zu sehen. Ich habe die gesamte Recherche zum Film von Frankreich aus getätigt, weil wir damals noch mitten in der Pandemie waren. Als ich dann endlich wirklich die Mädler-Passage, die Nikolaikirche und das Museum in der „Runden Ecke“ gesehen habe, war ich sehr beeindruckt. Ich habe versucht, mich während des Schreibprozesses zwar an der Geschichte zu orientieren, wollte aber keinen historischen Film sondern eine fiktive Geschichte erzählen
Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum (Animations-)film gekommen bist?
Ich bin in München bilingual (deutsch-französisch) aufgewachsen. Ich wollte zunächst eigentlich eher an einer Kunstakademie studieren. Ich bin in Paris an der EnsAD gelandet, wo man im ersten Jahr eine Einführung in verschiedene Kunst- und Designrichtungen bekommt. Ich fand die Animationsfilmsparte sehr interessant, weil sie das Künstlerische und das Narrative vereint und sehr grosse Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Seitdem arbeite ich von Paris aus an Clips, Animationsfilmen und als Illustrator.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Zurzeit arbeite ich an einem Clip für den Saxophonisten Remy Fox, den ich während einer Residenz in der Villa Medici kennengelernt habe. Nebenbei entwickle ich mehrere Kurzfilme und einen Langfilm, den ich mit meiner Co-Regisseurin Marie Larrivé vorbereite.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Margarethe 89“