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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Olga Kosanović konnten wir mehr über ihren 26-minütigen Film „Land der Berge“, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 gleich zwei Preise gewonnen hat und auch noch auf anderen Festivals wie beim 24. Landshuter Kurzfilmfestival 2024 und dem 36. Filmfest Dresden 2024 zu sehen sein wird. Sie erzählte über die wahren familiäre Hintergründe, welche Hürden die österreichische Bürokratie bereit hält und warum sie einen Regie-Kollegen zum Hauptdarsteller machte.
Was führte Dich zu dem Thema Deines Films? Inwieweit haben Dich reale Begebenheit zu dem Drehbuch inspiriert?
Es gab zwei Auslöser. Der erste war ein Anruf von einer Versicherungsmaklerin gewesen, die mir eine Unfallversicherung verkaufen wollte. Ich wollte sie nur abwimmeln und bat sie, mir es einfach per Mail zu schicken. Dadurch habe ich diesen Verletzungskatalog geschickt bekommen, der auch wirklich so heißt. Ich fand es wahnsinnig beeindruckend und gleichzeitig verstörend, weil sich jemand überlegen muss, wie viel jedes Körperteil an Geld wert ist. Dann habe ich mir gedacht, in was für einer Lage jemand sein müsste, der sozusagen so eine Art von selbstzerstörerischem Versicherungsbetrug, der es letztlich ist, aber sehr destruktiv ist, überhaupt in Betracht ziehen würde? Und was muss diese Figur erlebt haben, dass so etwas in Frage kommt als Plan?
Der zweite Aspekt sind die realen Verhältnisse in Österreich. Man braucht wahnsinnig viel Geld, um den Aufenthaltstitel zu beantragen, der einem überhaupt erst erlaubt, legal zu arbeiten. Ein Teufelskreis. Ich habe das persönlich nie erlebt, weil ich hier geboren wurde. Aber meine Eltern haben es durchgemacht und haben sich dann in ihrem Fall einfach diese 8000€, die es damals waren, geborgt. Dazu braucht man aber erst mal ein soziales Netz, das einem solch eine Summe leihen kann. Es ist ja auch absurd, dass ein Kontoauszug dann reicht und man es dann wieder zurück überweisen kann.
Der Titel ist perfekt – da er die Hürden der Bürokratie genauso wie die Verlockungen als Einwanderungsland einfängt – wie schnell hattest Du diesen im Sinn?
Er stammt aus dem ersten Vers der österreichischen Bundeshymne. Für mich war das stimmig, weil es auch das Land der Hürden ist und diese Art Berge auch irgendwie unüberwindbar sein können und für manche auch sind. Und gleichzeitig sind die Österreicher wahnsinnig stolz auf ihre Berge.
Mit dem Katalog und der Geschichte Deiner Eltern hattest Du ja schon viel Ausgangsmaterial. Hast Du aber trotzdem noch weitere Recherchen betrieben?
Ja. Wir haben uns mit einer ehemaligen Sachbearbeiterin von der Ausländerbehörde getroffen. Da die Behörde mittlerweile einen sehr schlechten Ruf hat und oft medial angegriffen wird, war es schwer jemanden zu finden, der noch immer da arbeitet und reden möchte. Doch sie hat sich mit uns getroffen und berichtet, dass sie tatsächlich manchmal das Gefühl hatte, dass es absurd ist, was von den Antragstellern abgefragt werden muss. Aber das ist alles von oben geregelt. Mir war es wichtig zu zeigen, dass nicht die Behörde das Problem ist, sondern die Gesetzeslage. Es soll einfach schwierig sein. Da es auch viele Jahre dauert, bis man einen Daueraufenthaltstitel erhält, so wie es auch meinen Eltern ergangen ist, ist die Verlängerung immer wieder auch eine existenzbedrohende Angelegenheit: Darf man bleiben oder muss man wieder ganz woanders hin und ganz von vorne beginnen? Und jedes Mal bei der Verlängerung dieser Papiere ist das wieder in der Schwebe, und das ist natürlich wahnsinnig zermürbend für viele Menschen.
Muss man bei jedem erneuten Antrag denn immer diese Geldsumme vorweisen?
Da bin ich jetzt nicht mehr so ganz bewandert, weil wir schon lange diesen Daueraufenthalt haben. Aber es ist auf jeden Fall so, dass man erst einmal was für sechs Monate kriegt und dann beim nächsten Mal für ein Jahr, nach ein paar Jahren drei Jahre und irgendwann sechs Jahre. Erst danach ist der Antrag auf eine Daueraufenthalt möglich. Bis dahin vergehen teilweise zehn bis zwölf Jahre. Insbesondere die Perspektive des Kindes fand ich spannend wie Filipa im Film: Sie ist ja dann einfach Wienerin, hat ihre Freunde hier und geht zur Schule. Von ihr wird dieses Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) auch so ein bisschen ferngehalten, denn sie versteht ja gar nicht, dass die Gefahr besteht, dass sie plötzlich woanders hinziehen müssen. Für sie ist Österreich hier zu Hause, hier aufgewachsen und komplett integriert. Es geht auch um den Konflikt zwischen dem Vater, der gedanklich eine Last trägt, und der Kleinen, die in einer schönen Kinderwelt lebt.
Und nochmal eine Frage zum Verfahren allgemein: Kann man vom Daueraufenthalt dann auch irgendwann zur Staatsbürgerschaft wechseln?
Diese Frage betrifft tatsächlich mein Folgeprojekt. Mit der Staatsbürgerschaft ist es ein wirklich eigenes Thema in Österreich und es ist schwer, eingebürgert zu werden. Ich zum Beispiel habe es schon mal probiert und wurde abgelehnt, aus dem einfachen Grund, dass ich in Deutschland studiert habe. Ich bin nach der Matura zum Studium nach Hamburg gegangen, habe dort studiert und bin dann wieder zurück nach Wien. Als ich dann den Antrag gestellt habe, habe ich quasi wieder bei null begonnen, was meinen Aufenthalt betrifft. Das war für mich total schräg, denn damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Plötzlich hieß es: „Wir müssen ja erst mal schauen, ob sie integrierbar sind. Sie sind ja erst seit sechs Monaten in Österreich.“ Ich bin mein ganzes Leben in Österreich, aber das zählt plötzlich nicht mehr, weil ich dazwischen weg war. Daher ist das mit der Staatsbürgerschaft in Österreich, auch im europäischen Vergleich, schwer. Auch finanziell ist es nochmal eine ganz andere Hürde.
Du hast gerade erzählt, du hast in Hamburg studiert, bist aber nach Wien zurückgegangen. Das heißt, Du hast den Film außerhalb einer Uni realisiert?
Genau, ich habe in Hamburg studiert und bin dann zurück nach Wien und habe den Film nach meinem Abschluss außerhalb der Uni gemacht. An der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) habe ich meinen Abschlussfilm, einen kurzen Dokumentarfilm („Genosse Tito, ich erbe“ (2021)), gedreht. Der ist ganz gut gelaufen und hat dadurch dann ein paar Referenzpunkte gesammelt und mit denen wollte ich dann noch etwas machen.
Erzähl mir bitte etwas mehr zur Realisierung des Projekts?
Es ging alles eigentlich recht schnell. Wir haben im September an sieben Drehtagen gedreht, wobei der siebente Drehtag ein halber Drehtag war, denn da haben wir die ganzen dokumentarischen Aufnahmen auf der Straße, also zum Beispiel diese ganze Einführung am Anfang, wo man wirklich Leute auf der Straße beobachtet hat, gedreht. Da waren wir auch nur ein ganz kleines Team, und die sechs Tage davor waren das volle Team von 10 oder 11 Personen anwesend. Mir war wichtig, dass wir eher ein kleines Team sind und daher flexibel auf die Schauspieler:innen reagieren können. Dabei war es uns wichtig, nicht klassisch nur eine Richtung auszuleuchten, um in diese zu drehen, sondern das ganze Setting sollte möglichst dokumentarisch anmuten, so dass wir in alle Richtungen schauen können.
Was lag Dir visuell am Herzen?
Mir war wichtig, dass der Film visuell nicht in so einem sehr narrativen Korsett eingesperrt ist, weil ich manchmal das Gefühl habe, dass die Kamera bei Spielfilmen sehr gefangen und unbewegt ist und sich irgendwie nicht außerhalb ihres Frames umschauen kann. Deswegen gibt es bei uns jetzt auch dieses Experiment mit den Zooms, weil ich wollte, dass das starr konzipierte Bild gebrochen wird. Teilweise hatte ich dabei sogar den Zoom-Knopf in der Hand und nicht die Kamerafrau Simone Hart. Ich wollte auch nicht, dass die Bilder so postkartenartig wirken, sondern dass sie möglichst realitätsnah sind und dokumentarisch anmuten. Ansonsten war es mir einfach wichtig, dass sich die Kamera als Stilmittel jetzt nicht zu sehr in den Vordergrund drängt, sondern dass es mehr um die Figuren geht, und das haben wir gemeinsam erarbeitet und umgesetzt.
Du hast auch selber Kameraerfahrung. Warum hast Du hier nicht selbst die Kamera übernommen?
Bei meinen eigenen Filmen mache ich ungern auch die Kamera. Bei dokumentarischen Projekten ist das was anderes. Ich arbeite gern mit anderen Kameraleuten zusammen, da ich die gemeinsame Sicht auf das Projekt sehr schätze. Und Simone Hart ist einfach eine tolle Kamerafrau, die jetzt bei „Land der Berge“ dabei war. Ich bin froh, dass sie sich darauf eingelassen hat, dass es so ein kleines Experiment war, da wir ja nicht genau wussten, ob das mit den Zooms jetzt aufgeht oder nicht, aber wir es einfach ausprobieren wollten.
Bei der Bildgestaltung stach die rote Jacke des Mädchens heraus – auch als Kontrastpunkt zu der Siedlung, wo sie leben. Wie habt ihr eure Kostüme ausgewählt?
Johanna, die Kostümbildnerin, und haben darauf Wert gelegt, dass sie nicht aussieht wie ein Sozialfall. Uns ging es nicht darum, Armut zu zeigen, denn für das Mädchen ist die Welt ja in Ordnung. Filipa Gregec, die Darstellerin, hat dann gemeinsam mit uns Sachen anprobiert und es waren auch die Kleidungsstücke, die ihr am besten gefallen haben und in denen sie sich am wohlsten gefühlt hat. Am Ende wollte sie eigentlich am liebsten alles auch behalten. Es war auch unser Glück, dass wir Filipa gefunden haben, weil sie exakt so wie die Rolle war, die ich mir vorgestellt habe, eben so frech und unbeschwert. Es war wichtig, dass sie bereits was für die Rolle mitgebracht hat. Die Kostüme haben ihre Figur ergänzt und das hat Spaß gemacht.
Die Schauspieler:innen-Auswahl im Allgemeinen ist großartig – wie hast Du sie gefunden?
Vladimir Vulević, mein Hauptdarsteller, ist kein Schauspieler, sondern ein Regisseur und Filmemacher. Ich hatte ihn aber im Sinn, als ich die Rolle geschrieben habe. Als wir zusammen Regie studiert haben, mussten wir in Schauspiel-Seminaren immer selbst spielen und ich fand immer, dass er eine interessante Kamerapräsenz hat. Deswegen wollte ich immer mal was für ihn schreiben und nun hat das sehr gut gepasst.
Alle anderen haben wir dann gesucht und die wenigsten davon sind ausgebildete Schauspielerinnen. Es waren sehr viele Laien dabei. Gabi, die Dame vom Amt zum Beispiel, hat halt selber sehr lange auf einem Amt gearbeitet. Wir haben ein Typ-Castings gemacht, also nicht so sehr darauf geachtet, ob dir jemand spielen kann, sondern was für ein Mensch er oder sie ist. Zusammen sind wir durch das Drehbuch gegangen und haben die Szenen erarbeitet. So ging es nicht um fertige Dialoge, sondern auf Vladimir zu treffen und die Szenen entstehen zu lassen.
Das Casting war nur für die Rolle des Mädchens nötig. Da sie zwei Sprachen sprechen musste, haben wir viele Schulen in Wien angeschrieben. Ein paar haben sich gemeldet und einige davon haben wir eingeladen. Als die Filipa dann da war, war es aber sofort klar, dass sie einfach am besten passt. Es hat großen Spaß gemacht, ihre unglaubliche Spiellust und Freude am Ausprobieren beobachten zu dürfen.
Kannst Du mir am Schluss noch ein wenig von Dir erzählen?
In Wien war ich auf einer Schule, die sich ‚die Graphische‘ nennt, da habe ich schon früh in den Multimedia-Bereich reinschnuppern können. So entwickelte sich die anfängliche Idee, Fotografin zu werden, hin zum Film. Deswegen habe ich mich nach der Schule außerhalb Wiens bei Filmhochschulen beworben und wurde an der Hochschule für bildende Künste Hamburg genommen.
Schlägt dein Herz mehr für dokumentarische Stoffe oder mehr für den Spielfilm?
Ich liebe beides total. Bei der Wahl der Filmhochschule war es mir auch wichtig, dass ich mich nicht festlegen muss. Beide Erzählformen haben ihre eigene Kraft. Ich mag auch die Abwechslung, einmal etwas Dokumentarisches und danach wieder was Fiktionales zu machen. Ich glaube, man kann von beiden Formen etwas mitnehmen für die jeweils andere. Auch im Privaten schaue ich gerne Dokus wie Spielfilme.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Wir machen als nächstes einen hybriden Dokumentarfilm. Es wird ein Langfilm, der auch bereits ausfinanziert ist. Der Arbeitstitel ist „Noch lange keine Lipizzaner“ und es geht um die Frage „Wer ist eigentlich wir?“, ausgehend von meiner Erfahrung auch mit der Einbürgerung in Österreich. Dazu wird es auch gespielte Szenen geben, die das Dokumentarische ergänzen. So bleibe ich dem Thema aus „Land der Berge“ treu, aber natürlich sind Aufenthalt und Einbürgerung zwei ganz verschiedene Schuhe. Da geht es dann nicht um ein Bleiben-können, sondern um andere Themen wie etwa demokratische Teilhabe.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Land der Berge“