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Filmkritik: Der Gewinner des diesjährigen Oscars für den ‚Besten Internationalen Film‘ war der britische Spielfilm „The Zone of Interest“ (OT: „The Zone of Interest“, USA/UK/Polen, 2023) von Jonathan Glazer, der seit seiner Premiere in Cannes 2023 bereits in aller Munde ist, da er sich auf eine ungewohnte Weise mit den NS-Verbrechen beschäftigt.
Das Ehepaar Rudolf (Christian Friedel) und Hedwig Höß (Sandra Hüller) lebt mit fünf Kindern neben dem Konzentrationslager Auschwitz. Während Rudolf seiner Arbeit als Kommandant mit Eifer nachgeht, baut seine Frau der Familie ein schönes Heim. Ihr besonderer Stolz ist der Garten. Dieser liegt zwar direkt an der Mauer des Lager, doch das stört in keiner Weise. Die Schreie und Schüsse gehören zum Alltag, nur wenn mal wieder eine Aschewolke über die Mauer geweht wird, wird ihre gutbürgerliche Idylle gestört.
Der britische Spielfilm des Regisseurs Jonathan Glazer, der sich bereits mit wenigen Filmen wie „Under the Skin“ (2013) einen Namen gemacht hat, arbeitet sich hier an den NS-Verbrechen ab und findet dafür eine gänzlich andere Form. Der Film erzählt vom banalen Alltag der siebenköpfigen Familie Höß. Sie leben in einem großen Haus mit Garten, Pool und vielen fleißigen Angestellten, welche der Mutter und den Kindern viel Zeit für Müßiggang lassen. Wie ein geschmiertes Uhrwerk geht hier jeden Tag das Leben vonstatten. Von der Arbeit des Vaters bekommt man nur über vereinzelte Gespräch im Büro etwas mit oder wenn er sich mit seiner Frau hier und da austauscht. Das Grauen, was sich hinter den Mauern abspielt, sieht man als Zuschauer:in nie. Aber man hört es. Schreie, Schüsse und andere Geräusche dringen immer wieder in die heimische Idylle ein. Doch die Beteiligten reagieren gelassen und nur, wenn sie richtig gestört werden, wie von einer Aschewolke, tangiert es sie. Es ist nicht einmal so, dass sie kein Interesse haben. Ihnen ist mehr als bewusst, was dort geschieht. Es wird nebenbei darüber gesprochen, dass die frühere Arbeitgeberin der Großmutter auf der anderen Seite ist und regelmäßig bedient sich Hedwig aus dem Hab und Gut der KZ-Insass:innen. Diese Normalität und Gewohnheit, wie hier diesen abscheulichen Verbrechen begegnet wird, das ist der Kern und der aufwühlende Moment dieses Films.
Glazer findet dafür tonal und visuell die richtige Inszenierung. Auf visueller Ebene fängt er in farb-entsättigten Bildern das häusliche Leben ein. Er verwendet dafür hauptsächlich die Totale und geht selten an die Gesichter heran, so dass das Publikum stets sieht, was drumherum passiert. Sei es das Gewusel der Angestellten, die vor Angst ihrer Arbeit mit der größten Sorgfalt nachgehen oder der Qualm, der von den Krematorien aufsteigt. Die Bilder erzeugen Abstand und lassen keine Nähe zu, auch wenn wir hier viel familiäre Idylle präsentiert bekommen. Die Gespräche sind meistens nebensächlich und belanglos. Nur hier und da fällt ein Satz, der das Wissen um all die Grausamkeiten offenbart und auch zeigt, dass diese Familie kein Opfer der Umstände oder Zeit war, sondern kaltblütig handelte und kein Schuldbewusstsein besaß. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, der Ton. Die Toningenieure Johnnie Burn und Tarn Willers wurden dafür auch mit dem Oscar für den ‚Besten Ton‘ ausgezeichnet. Der Film verzichtet auf Musik, lässt dagegen Töne und Geräusche Bände sprechen. Ein ständiges Brummen – ein anstrengender Ton – liegt unter vielen Szenen. Hinzu kommen die Umgebungsgeräusche aus dem KZ, die vor dem Auge des Publikums Bilder aufkommen lassen. Absichtlich wurde der Ton in Mono aufgenommen, da er eine gewisse Dumpfheit besitzen sollte. Gelungen ist auch die Entscheidung des Briten, den Film komplett auf Deutsch zu drehen, mit deutschen Darsteller:innen u.a. auch in einer kleinen Nebenrolle Daniel Holzberg („Triumph des Schauspielers“ (2022)). Die Hauptrollen übernahmen Sandra Hüller („Toni Erdmann“ (2016), „Ich bin dein Mensch“ (2021), „Anatomie eines Falls“ (2023)), die so gleich mit zwei Filmen bei den Oscars vertreten war, und Christian Friedel („Babylon Berlin“ (2017-2022), „15 Jahre“ (2023)). Sie spielen ihre Rollen mit einem hohen Realitätsanspruch und zeigen, dass die Monster Menschen waren, aber ohne moralischen Kompass. Erschreckend intensiv ist ihr Spiel, aber durch die Kameraarbeit betrachtet man es mehr von außen. Schon jetzt sprechen viele Kritiker:innen davon, dass es wohl einer der wichtigsten Filme in diesem Jahr sein wird und ein gelungener Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen.
Fazit: „The Zone of Interest“ ist ein Drama aus Großbritannien, das sich mit dem Lagerkommandanten-Ehepaar Höß beschäftigt. Jonathan Glazer findet einen ganz eigenen Zugang zu dem Thema. Er arbeitet mit einer durchkomponierten Bildsprache und einer eindringlichen Soundkulisse. Dies packt jede Zuschauer:in anders, lässt aber niemanden kalt, denn der Blick auf diese Verbrechen ist trotz visuellen Weglassens stark und hat sich schon jetzt einen Platz in der Filmgeschichte gesichert.
Bewertung: 8/10
Kinostart: 29. Februar 2024
Streaming-Start: voraussichtlich ab dem 5. April auf HBO Max
Trailer zum Film „The Zone of Interest“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Film „The Zone of Interest“
- Patrick Wellinski, ‚Film der Woche – „The Zone of Interest“‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024
- Katharina Wilhelm und Kati Obermann, ‚Schauspielerin der Stunde: Sandra Hüller sorgt in Hollywood für Wirbel‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024
- SWR2 Kultur Aktuell Podcast, ‚Familienidylle am Abgrund der Auschwitz-Hölle: Jonathan Glazers Meisterwerk „The Zone of Interest“ mit Sandra Hüller‘, ardaudiothek.de, 2024
- Jörg Albrecht, ‚Neue Filme: „The Zone of Interest“ und „Dune“‘, deutschlandfunk.de, 2024
- Nils Dampz, ‚„The Zone of Interest“ – Die Macht der Geräusche.‘, deutschlandfunk.de, 2024
- Pop Culture Happy Hour, ‚In ‚The Zone of Interest‘ evil lies just over the garden wall‘, npr.org, 2024
- Pop Culture Happy Hour, ‚2024 Oscars Guide: International Feature‘, npr.org, 2024
- Anna Wollner & Tom Westerholt, ‚Oscar-Kandidat „The Zone of Interest“ – Der Horrorsound des Nazi-Regimes‘, deutschlandfunknova.de, 2024
- Patrick Wellinski, ‚The Zone of Interest: Erschütterndes Erzählen über den Holocaust‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024


