Acht Fragen an Noomi Yates

Doreen Kaltenecker

Interview: Im Gespräch mit der britischen Regisseurin Noomi Yates konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Only Yourself to Blame“ erfahren, der im ‚Shock Block‘ des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 lief. Sie erzählt, warum der Horrorfilm sich für diese Geschichte angeboten hat, wie die Tanzchoreographie geschaffen wurde und warum die Faszination einer bestimmten Brücke in Splott sie auch dazu inspirierte. 

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden? 

Alistair Campbell

Ich wollte einen Film über die Gewalt der übertriebenen Vorsicht machen. Nach jeder Art von sexuellem Übergriff ist es normal, dass die Überlebenden sich schützen wollen, um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Obwohl sie für die Gewalt nicht verantwortlich sind, ist es sehr verbreitet, aus Angst bestimmte Dinge nicht mehr zu tragen oder bestimmte Situationen zu vermeiden. Es handelt sich dabei um eine verinnerlichte Haltung der Opferbeschuldigung; zu kontrollieren, was man trinkt oder was man anzieht, bedeutet, sich einzureden, dass man selbst schuld ist und das, was man erlebt hat, hätte verhindern können, wenn man nur etwas anders gemacht hätte. Für mich selbst war es ein Teil meiner Heilungsreise, zu wissen, dass ich nicht schuld bin. Es bedeutete auch, die erschreckende Wahrheit anzuerkennen, dass Gewalt immer noch weit verbreitet ist, dass ich sie nicht kontrollieren kann und dass die Gefahr immer noch besteht, egal was ich tue.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, hier das Genre des Horrorfilms zu wählen, statt es als Drama zu erzählen?

Alistair Campbell

Ich bin wirklich begeistert davon, dass Horror ein Mittel ist, um schwierige Gespräche zu führen. Das Horror-Publikum möchte erschreckt werden, und wenn man das schafft, warum sollte man es nicht mit etwas emotional-realem erschrecken? Das Leben ist wirklich brutal, traumatisierend und düster, es gibt also eine Menge Wahrheiten, aus denen man wählen kann. Dennoch kann die Kunst die Menschen verbinden und die Dinge zum Besseren verändern, indem sie diese dunklen, unausgesprochenen Dinge an die Oberfläche bringt. Egal, welche Geschichte ich in meinen Filmen erzähle, mein höchstes Ziel ist es immer, ein Licht auf die Dunkelheit zu werfen.

In welchem Rahmen – sprich zeitlich, finanziell und in welcher Teamgröße – konntest Du Deinen Film auf die Beine stellen?

Alistair Campbell

Der Prozess war so langsam, weil wir kein Geld hatten und keine Kompromisse bei der Qualität eingehen wollten. Ich habe einen fantastischen Produzenten, der ein Wunder vollbringt, wenn es darum geht, gute Dinge mit einem sehr geringen Budget zu realisieren. Trotzdem war es schwierig, das Projekt zu Ende zu bringen. Wir mussten zurück gehen und Dinge neu drehen, weil uns die Zeit davonlief, und wir haben viele Aufnahmen verpasst, die ich im ersten Teil der Dreharbeiten gebraucht habe. Wir mussten mehr Geld auftreiben, um das zu tun, und das war hart, aber am Ende war es eine große Hilfe, eine kleine Lücke zu haben, um den Schnitt zu überprüfen und zu analysieren, was funktionierte und was nicht. Die Rückblenden waren im ursprünglichen Drehbuch nicht enthalten, und ich habe sie eingefügt, um den Kontext zu verdeutlichen, warum sich die Protagonistin so verhält, wie sie es tut. Ich bin so froh, dass wir das gemacht haben, denn es macht den Film zu dem, was er ist.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Ich wollte, dass die Landschaft bedrohlich und von Menschenhand gemacht wirkt. In diesem Film gibt es absichtlich keine Bäume. Die Grenzräume von Brücken und Tunneln sind für mich wichtig, weil sie den Raum zwischen zwei gegensätzlichen Ideen darstellen, die sich gegenseitig bekämpfen. Die Person, die hineingeht, ist nicht dieselbe, die wieder herauskommt.

Wie hast Du Deine Darsteller:innen ausgewählt? Ist Severine Simone eine professionelle Tänzerin?

Alistair Campbell

Severine ist eine professionelle Tänzerin mit einer Ballettausbildung. Ich habe sie gefunden, weil sie sich als Stunt-Darstellerin beworben hat, und ich war auch von ihren schauspielerischen Fähigkeiten sehr angetan. Sie hatte ein solches Nebeneinander von Wildheit und Zerbrechlichkeit, das die Figur verkörpert. Durch ihre Bewegungen brachte sie viel Körperlichkeit in die Aufführung.

Wie entstand die ‚Tanz-Szene‘? Durfte die Tänzerin mitgestalten?

Alle Tänze und Bewegungen wurden in enger Zusammenarbeit mit Severine und Ash [Dawn Clarke], meiner Stuntkoordinatorin, die auch das Körperdouble war, choreografiert. Im Tunnel wollte ich wirklich, dass die Bewegungen zeigen, dass ihre Körper manipuliert werden. Ich wollte zeigen, dass sie keine Kontrolle über ihren Körper hatte, dass sie nicht damit einverstanden war, was mit ihr geschah. Und ich glaube, Severine hat mir das gegeben.

Kannst Du mir noch etwas mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Alistair Campbell

Ich arbeite seit vielen Jahren als Filmemacherin, vor allem als Regisseurin von Werbefilmen. Aber mein langfristiges Ziel war es immer, eigene Geschichten zu erzählen. Im Jahr 2020 bewarb ich mich für ein Mentorenprogramm von Women In Film and TV und wurde glücklicherweise angenommen. Meine Mentorin war Rose Glass [Anm. d. Red. „Love Lies Bleeding“], mit der es so wunderbar war, zu arbeiten. Sie ist wirklich inspirierend und ist für den Film weit über sich hinausgewachsen. Ohne ihre Hilfe wäre der Film nicht das geworden, was er ist. Außerdem habe ich zur Zeit der Dreharbeiten in Cardiff gelebt und mich in all die gruseligen Brücken und Unterführungen dort verliebt! Wales ist ein wunderschönes Land mit vielen Schlössern und erstaunlichen Landschaften. Aber ich war besessen von der Schwarzen Brücke in Splott, ausgerechnet dort. Es ist eine sehr schmale Brücke, nur einen Steinwurf von dem Haus entfernt, in dem ich damals wohnte. Nachts ist die Brücke von oben mit diesen flackernden Neonröhren beleuchtet, von denen die meisten nicht funktionieren. In der Breite passt nicht mehr als eine Person bequem darauf. Und die Züge rumpeln in der Dunkelheit unter der Brücke. Es ist wirklich gruselig. Ich liebe es!

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich entwickle derzeit drei Spielfilmprojekte. Einer ist ein Sci-Fi-Body-Horror, einer eine tragische Geistergeschichte und der dritte ist ein Rachethriller über Hexen. Man darf gespannt sein, welches Projekt ich zuerst in Angriff nehme!

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Only Yourself to Blame


Interview: In our conversation with British director Noomi Yates, we were able to find out more about her short film „Only Yourself to Blame„, which screened in the ‚Shock Block‘ of the 24th Landshut Short Film Festival 2024. She tells us why the horror film lent itself to this story, how the dance choreography was created and why the fascination of a certain bridge in Splott also inspired her to make it.

How did the idea for your short film come about? 

I wanted to make a film about the violence of hyper vigilance. Following any kind of sexual assault, it’s normal for survivors to want to protect themselves,  to prevent history repeating. Despite the violence not being their responsibility,  it is very common to stop wearing certain things or avoid certain situations out of fear. It is inherently an internalized victim blaming stance; to control what you drink or what you wear, is kind of telling yourself that it was your fault and you could have prevented what you experienced, if only you’d done something differently. For myself, it was part of my healing journey to fully know that I wasn’t to blame. It also meant acknowledging the scary truth that violence is still prevalent, it’s not something I can control and the risk still exists, regardless of what I do.

Why did you decide to choose the genre of a genre film instead of telling it as a drama?

I’m really passionate about horror being a tool for having difficult conversations. Horror audiences sign up to be scared, so as long as you deliver, then I think why not scare them with something emotionally real? Life is really brutal, traumatizing and dark, so there is a lot of truth to pick from. That said, art can connect people and disrupt things for the better through bringing those things darker, unspoken things to the surface. Whatever story I tell in my films, shining a light onto darkness is always my highest goal.

Within what framework – in terms of time, finances and team size – were you able to get your film off the ground?

So the process was slow because we had no money and we didn’t want to compromise on quality. I have an amazing producer who is  a miracle worker with making good things happen on a shoestring budget. Even so, it was  a struggle  getting the project finished. We had to go back and reshoot stuff because we ran out of time, we missed on a lot of shots I needed on the first leg of the shoot. We had to raise more money to do that and it was tough, but in the end having a little gap to review the edit, to analyze what was and wasn’t working was a big help. The flashbacks were not in the original script and I added them in to give context as to why the protagonist is behaving the way she is. I’m so glad we did that because it makes the film what it is.

What was important to you visually?

I wanted the landscape to feel ominous, threatening and man made. There are no trees in this film, intentionally. The liminal spaces of bridges and tunnels are important to me because it represents the space between two opposing ideas, fighting it out. The person who goes in, is not the same one who walks out.

How did you choose your actors? Is Severine Simone a professional dancer?

Severine is a professional dancer with a ballet background. I found her because she applied to be the stunt performer and I was actually really taken with her acting ability as well. She had such a juxtaposed fierceness and a frailty that embodies the character. She brought a lot of physicality to the performance through her movement..

How was the ‚dance‘ scene created? Was the dancer involved?

All the dance and movement was heavily choreographed with both Severine and Ash, my stunt coordinator, who was also the body double. In the tunnel, I really wanted the movement to show their bodies being manipulated. To demonstrate that she wasn’t in her control, that she wasn’t consenting to what was happening to her. And I think Severine gave me that.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to the movie?

I’ve been working as a filmmaker for many years, mostly directing commercials. But my long term goal has always been to tell original stories. In 2020 I applied for a mentorship programme with Women In Film and TV, and luckily was accepted. My mentor was Rose Glass, who was so wonderful to work with. She is really inspiring and totally went above and beyond for the film. Without her help the film wouldn’t be what it is. Also, I was living in Cardiff at the time of making the film, and I fell in love with all the creepy bridges and underpasses there! Wales is a very beautiful country full of castles and amazing scenery. But I was obsessed with the Black Bridge in Splott, of all places. It’s a very narrow bridge, a stone’s throw from the house I was living in at the time. At night, the bridge is lit from above with these flickering neons, most of which don’t work. You can’t fit more than one person comfortably on it, width wise. And the trains rumble beneath it in the pitch darkness. It’s genuinely horrifying. I love it!

Are there any new projects planned?

Yes I am currently developing 3 feature film projects. One is a sci-fi body horror, one is a tragic ghost story, and the third is a revenge thriller about witches. Watch this space to see which one I get off the ground first!

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Only Yourself to Blame

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