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Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemachern („Fabiu“) konnten wir mehr von ihrem Kurzfilm „Nachtgesichter“, der zu den Lieblingsfilmen des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 zählt, erfahren. Sie erzählen, wie sie Geschichte gemeinsam entwickelt haben, dass es keine konkrete Arbeitsteilung gab und wie sie den Kurzfilm realisiert haben und wie herausfordernd ein Dreh in der Nacht ohne kaum künstliches Licht sein kann.
Wie ist die Idee zu „Nachtgesichter“ entstanden?
Am Anfang stand vor allem unser Wunsch, gemeinsam einen Film zu machen. Deswegen war die Annäherung an die Idee ganz anders als etwa bei Stefans Filmen „Fabiu“ und „Neuzeit“, die beide aus einem sehr persönlichen Zugang heraus entwickelt wurden. Bei „Nachtgesichter“ verlief die Ideenfindung viel mehr über unsere filmischen Bedürfnisse – visuelle Vorstellungen, bestimmte Stimmungen, reizvolle Settings.
Wir waren uns aber auch sofort einig, dass wir aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit einbeziehen wollten. Zu dem Zeitpunkt schoss bereits die Inflation in die Höhe und immer mehr Menschen verspürten existenzielle Ängste. Deswegen war es uns wichtig, eine Hauptfigur zu haben, die sich in einer prekären Lebenssituation befindet. Es ging uns darum, die Realität von Menschen abzubilden, die unserer Meinung nach in filmischen Erzählungen aus Österreich oftmals unterrepräsentiert sind.
Sehr schnell kam daraus auch der Wunsch auf, die Geschichte in der Nacht anzusiedeln, da im Dunkeln die Härte des beruflichen Lebens noch stärker ins Auge dringt. Viele Menschen arbeiten nicht deswegen in der Nacht, weil sie das wollen, sondern weil sie nicht anders können. Es war uns sehr wichtig, diesen Umstand abzubilden.
Mit diesen Eckpfeilern skizzierten wir unsere Drehbuchidee und sehr schnell hatte Stefan auch eine erste Fassung geschrieben. Mit dieser erhielten wir dann glücklicherweise die Filmförderungen des Kultusministeriums, der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich.
Aber Martin war mit dem Buch trotzdem nie hundertprozentig zufrieden. Deswegen haben wir uns entschieden, nochmal grundlegender über die Geschichte nachzudenken. Wir taten das in einem Park. Und während wir dort saßen, kam eine Gruppe von Obdachlosen, die offensichtlich drogenabhängig waren, an uns vorbei. Daraufhin stellte Stefan die Frage, was eigentlich wäre, wenn in Mahans Taxi eine Obdachlose einsteigt? Ab diesem Moment hatte sich die Handlung wie von selbst geschrieben und dieses Mal waren wir tatsächlich beide von der Idee überzeugt.
Wie seid ihr als Regie-Duo zusammengekommen? Und wie war eure Arbeitsteilung am Set?
Wir haben von 2008-2012 zusammen das Filmcollege Wien absolviert. Dementsprechend kennen wir uns schon sehr lange und sind eng befreundet. Während des Studiums und danach haben wir immer wieder bei unseren eigenen Projekten oder denen unserer StudienkollegInnen in verschiedenen Konstellationen zusammengearbeitet. Da wir das immer mit großem Vergnügen und größter gegenseitiger Wertschätzung gemacht haben, war schon länger der Wunsch da, auch mal gemeinsam Regie zu führen. Wir haben zu diesem Zweck sogar mal eine Langfilm-Idee zusammen ausgearbeitet, die aber noch darauf wartet, realisiert zu werden.
Ein Antrieb für diesen Film war aber auch, weiter Erfahrung zu sammeln, bestimmte visuelle Ansätze zu probieren, unseren filmischen Werkzeugkoffer zu bereichern und voneinander zu lernen.
Was die Arbeitsteilung betrifft, so muss man sagen, dass wir bei diesem Projekt von Anfang an derart intensiv und eng in allen Bereichen zusammengearbeitet haben, dass man kaum von einer Aufteilung sprechen kann. Wir haben alle Entscheidungen gemeinsam getroffen und wenn nötig hitzig ausdiskutiert. Dabei kann es zwischen uns auch mal recht laut werden, aber nie auf einer Ebene, die für einen von uns beiden verletzend wäre. Es geht einfach um die Sache und da ist es manchmal notwendig, nicht lockerzulassen und sicher zu gehen, dass man die beste Entscheidung für die Geschichte trifft.
In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum habt ihr den Film realisiert?
Gedreht haben wir im April 2023 in sieben aufeinanderfolgenden Nächten in Wien und Niederösterreich. Der Film ist zur Gänze durch Förderungen aus der öffentlichen Hand finanziert worden. Wobei man dazusagen muss, dass das Herstellen eines solchen Films für uns dennoch nur möglich war, weil wir seit unserer Studienzeit von hervorragenden Talenten umgeben sind und stets neue hinzu stoßen, die zu unserem immensen Glück bisher immer wieder bereit waren, uns unentgeltlich ihr Können, ihre Zeit und ihre Leidenschaft zur Verfügung zu stellen. Ein Film wie „Nachtgesichter“, der filmisch und erzählerisch sehr anspruchsvoll konzipiert war, wäre ohne diese unfassbar wertvolle Unterstützung nicht realisierbar. Niemand – auch unsere SchauspielerInnen nicht – hat bei diesem Film etwas verdient, im Gegenteil, alle haben ihr Herzblut hineingesteckt und ihr Bestes gegeben. Man kann unserem gesamten Team nicht genug dafür danken.
Ich finde, ihr fangt diese Stimmung in der Nacht wunderbar ein. Was lag euch visuell am Herzen?
Die Idee, den Film in der Nacht spielen zu lassen, kam aus der Überlegung heraus, wer unsere Hauptfigur, der Taxifahrer Mahan, ist, was er macht und in welchen Lebensumständen er sich gerade befindet. Mahan ist Familienvater, mit Ehefrau und Kind, und muss gezwungenermaßen nachts sein Geld verdienen. Dies bedeutet für Mahan, dass er arbeiten geht, wenn sich seine Liebsten zum Schlafen legen und er Feierabend hat, wenn sie außer Haus sind. Auf Dauer ein höchst belastender Zustand, den Mahan nur in dem Wissen erträgt, dadurch seiner Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
Aber die Nacht hat generell auch etwas Schönes an sich. Die Dunkelheit legt sich über die Stadt, lässt die künstlichen Lichter erstrahlen und wandelt die vertrauten Straßen und Plätze in nahezu mystische Orte. So offenbart die Nacht ein Gesicht, das in der Strahlkraft des Tages oft verborgen bleibt. Erzählerisch war die Nacht zudem hilfreich, um unserer Geschichte einen abgegrenzten zeitlichen Rahmen zu geben, der nach Sonnenuntergang beginnt und vor Sonnenaufgang endet.
Ein nicht unwesentlicher Punkt ist aber auch, dass ein Nachtdreh im Freien unkontrollierbare Umstände mit sich bringt und damit permanent Auswirkungen auf sich selbst und das Ergebnis hat. In unserem Fall haben wir den Dreh bei niedrigen Temperaturen und teilweise schwersten Regenschauern durchführen müssen. Dabei haben wir ausschließlich Außendrehs auf unzähligen Locations über ganz Wien verteilt. Da wir immer mobil sein mussten und daher wenig künstliches Licht verwendet haben, musste das Kamerakonzept darauf ausgerichtet sein. Die Optiken sollten sehr lichtstark sein und schon bei der Locationwahl musste auf geeignetes vorhandenes Licht geachtet werden. Unser Kameramann Aram Baroian hat für diese Umstände ein sehr versiertes Auge und konnte mit Hilfe des jeweils vorhandenen Lichts und gezielt gesetzten Lichtquellen eine sehr intime Atmosphäre kreieren. Unsere Figuren agieren oftmals im Halbdunkeln, in verschiedenen Lichtstimmungen und mit vielfältigen Lichtquellen und Farben, die sich in den Gesichtern verfangen. Und natürlich hat der Regen mitgespielt, der das Licht in seinen nassen Straßen und Oberflächen reflektiert, aber auch die Kälte, die die Scheiben beschlagen lässt und somit das Licht nochmals anders bricht und die Farben verlaufen lässt. Ein visueller Glücksfall also, dass wir ausgerechnet in unserer Drehzeit einen der schwersten Niederschläge der letzten Jahre in Wien erwischt hatten und gleichzeitig höchst unangenehm für alle Beteiligten.
Der Cast spielt seine Rollen grandios. Wie habt ihr die Schauspieler:innen gefunden?
Auch wir möchten voranstellen, dass wir mit den Darbietungen unserer Schauspieler:innen überaus glücklich sind. Sie haben die erdachten Figuren immens bereichert und tragen die hochemotionale Last dieser Geschichte auf einprägsame Art und Weise.
Unsere Hauptfigur „Mahan“ haben wir schon mit Anton Noori vor Augen gezeichnet. Er ist uns mit seiner herausragenden Leistung im Film “Cops“ tief im Gedächtnis geblieben und es war ein großer Wunsch, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es war ein sehr schöner Glücksmoment, als Anton direkt zugesagt hat, nachdem er das Drehbuch gelesen hatte. Damit hatte er den Film so richtig ins Rollen gebracht und dem ganzen Team einen gewaltigen Motivationsschub gegeben. Und zweifellos war er der beste Mahan, den wir uns wünschen konnten. Es ist eine Freude zu sehen, wie er der Zerrissenheit seiner Figur von Anfang bis Ende eine komplexe und zutiefst empathische Menschlichkeit verleiht.
Sonja Romei war eine glückliche Fügung, da ursprünglich eine andere Schauspielerin die Rolle übernehmen sollte, die uns aber leider einen Tag vor Drehbeginn aufgrund einer COVID-Erkrankung absagen musste. Das war damals ein Schockmoment und hat den gesamten Film ins Wanken gebracht, da es sich um eine Hauptrolle handelte und schon die erste Auswahl sehr lange gedauert hatte. Die Rolle der „Sabine“ ist als drogensüchtige Obdachlose, die eine psychische Erkrankung hat, klarerweise auch keine alltägliche Figur, die leicht zu spielen ist.
In Windeseile hatten wir dann einen Kandidatinnenkreis erstellt und spontane Anfragen rausgeschickt. Parallel musste Victoria Herbig, unsere Produktionsleitung, den Drehplan umbauen und eine organisatorische Meisterleistung vollbringen, um für uns zumindest zwei zusätzliche Tage zu gewinnen.
Wir kamen mit Sonja dann schnell in Kontakt und tatsächlich gefiel ihr das Buch und die Rolle sofort. Sie war allerdings skeptisch, ob es ihr in derart kurzer Zeit gelingen würde, sich diese extrem fordernde Rolle zu erarbeiten und anzueignen. Gleichzeitig wollte sie uns aber nicht hängen lassen und hat sofort begonnen, die Figur emotional zu durchdringen. Als sie den entscheidenden Zugang fand, hat sie uns endgültig zugesagt und damit den Film gerettet.
Zuvor stieß schon Thomas Mraz hinzu, der zufälligerweise mit Sonja seit vielen Jahren befreundet ist. Stefan wollte grundsätzlich schon seit langer Zeit unbedingt mal mit ihm zusammenarbeiten und auf der Suche nach der richtigen Besetzung für Robert war es uns wichtig, jemanden zu finden, der diese Rolle nicht klischeebehaftet bedient, sondern ihr eine emotionale Tiefe verleiht. Wir wollten keinen ‚bösen Ex-Mann‘, sondern eine vom schmerzvollen Schicksal geprägte Figur, die seit Jahren mit dem nicht enden wollenden psychischen Leid seiner Exfrau konfrontiert ist und hilflos versucht, sich von der Vergangenheit zu lösen ohne Sabine noch mehr weh zu tun. Thomas hat dies wunderbar verstanden und dieser Rolle eine komplexe Seele gegeben.
Martin, wie bist du zum Film gekommen?
Ursprünglich komme ich aus Deutschland, bin in Leipzig geboren und für das Studium an das Filmcollege Wien nach Österreich gekommen. Es war eine kleine, aber feine Institution, die es in der Form aber leider nicht mehr gibt. Das Wertvollste waren aber die vielen talentierten Mitstudierenden, mit denen man wunderbare Projekte realisieren konnte und noch heute befreundet ist.
2020 konnten wir sogar mit dem Kurzfilm „Freigang“ den österreichischen Filmpreis gewinnen und liefen mit unterschiedlichsten Projekten, wie z.B. „Fabiu“ und „Neuzeit“ von Stefan, auf zahlreichen Festivals. Bei diesen Projekten haben wir uns immer gegenseitig unterstützt.
Sind bereits neue Projekte – allein oder zu zweit – geplant?
Wir werden sicher wieder Projekte gemeinsam machen und arbeiten sogar bereits an einer Langfilmidee fürs Fernsehen. Martin ist gleichzeitig auf der Suche nach einem Langfilmprojekt, das er als Regisseur verwirklichen kann und völlig offen, was die Thematik betrifft und ob Fernsehen oder Kino, da beides für ihn spannend ist.
Stefan hat aktuell bereits mit dem österreichischen Produzenten Ulrich Gehmacher seinen ersten Kinofilm „Silbergrau“ in Entwicklung, den er selbst geschrieben hat. Es ist eine Mischung aus „Fabiu“ und „Million Dollar Baby“. Wenn alles gut geht, wird er nächstes Jahr gedreht.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Nachtgesichter“




