Acht Fragen an Lisa Gertsch

Doreen Kaltenecker
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Max Kullmann

Interview: Im Gespräch mit der schweizer Regisseurin Lisa Gertsch konnten wir mehr über ihren Film „Electric Fields“ erfahren, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 den Preis der Filmkritik – Bester Spielfilm und den Fritz-Raff-Drehbuchpreis gewann, warum sie sich für einen Episodenfilm entschieden hat, was diese miteinander verbindet und was die visuelle Ausgestaltung zu dem Thema beigetragen hat.

Es fing mit einem Kurzfilm an und entwickelte sich zu einem 80-minütigen Episodenfilm. Kannst Du mir zur Genese erzählen?

Der Film war von Anfang an als Episodenfilm geplant. Anfangs wussten wir allerdings nicht, wie sich dieser entwickeln würde. Ich wollte Geschichten erzählen, in denen Unerklärliches vor sich geht. Und ich wollte, dass diese Geschichten sich mit der Zeit zu einem eigenen, großen Kosmos entwickeln. Von dieser Idee gingen wir aus. Nachdem die erste Episode im Kasten war, schrieb ich die nächste und so weiter. Die Verschiebung der Regeln, die in den ersten Episoden visuell dargestellt wird, rückt mit der Zeit immer mehr in die Tiefe der Figuren.

Faszinierend ist das Wiederauftauchen von bestimmten Aspekten – wie schweigende Männer und Vögel – kannst Du mir mehr zur Symbolik Deiner Geschichten erzählen?

Wir drehten über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren. So wurde der Film Teil meines Alltags, Ideen flossen von überall hinein. Die Geschichten begannen mit der Zeit, ein Eigenleben zu führen. Wenn sich ein Motiv wiederholte, fing ich an, es bewusst einzubauen, um so die Episoden zu verknüpfen. Ich glaube, dass die Figuren eine tiefe Einsamkeit verbindet, aus der sie sich alle auf ihre eigene Weise befreien.

Visuell ist Dir der Film wunderbar gelungen – was lag Dir optisch am Herzen? Warum hast Du Dich für Schwarz-Weiß entschieden?

Die Auflösung sah ich beim Schreiben vor mir. Zusammen mit den Kamerapersonen suchten wir dann die richtigen Bilder intuitiv vor Ort. Es sind statische Aufnahmen, eine gesetzte Welt, in der die Figuren sich bewegen, ohne wirklich ausbrechen zu können. Für mich ist die Kamera erbarmungslos und wirkt als Widerspruch zur fantastischen Welt.

Die Figuren und ihre Geschichten sind etwas verschoben und scheinen nicht ganz in unsere Welt zu passen. Das Schwarz-Weiß schafft eine gewisse Distanz zur Realität und gibt den Eindruck einer anderen Zeit. Mir gefällt der Kontrast, der dadurch entsteht: Eine vergangene Zeit und in ihr Figuren einer modernen Welt.

Wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt? Hatten die Schauspieler:innen auch Einfluss auf ihre Rollen? Durften sie improvisieren?

Mit Michael Neuenschwander hatte ich zuvor bereits zwei Filme gedreht. Wir hatten Lust, ein Projekt anzureißen und so fing ich an, die erste Episode für ihn zu schreiben. Wir arbeiteten erst mit befreundeten Schauspieler:innen. Mit der Zeit kamen wiederum Freund:innen von diesen dazu oder Menschen, mit denen ich schon lange arbeiten wollte. Viele hatten große Lust, (wieder) einmal in einem offeneren Prozess zu arbeiten. Alle haben sich ihre Figuren auf ihre Weise angeeignet. Wir haben gemeinsam besprochen, was die Gründe für ihre Verschiebung der Wirklichkeit sein könnten. In den Proben flossen Ideen ein, aber grundsätzlich war für jede Episode ein vollständiger Dialog vorhanden, nach dem wir uns richteten. Durch die familiäre Atmosphäre in der Produktion zerflossen die Grenzen zwischen den Funktionen – so machten auch mal Schauspieler:innen aus anderen Episoden Mittagessen, brachten Vorschläge für die Auflösung ein oder trugen Equipment durch das nächtliche Rom.

Was lag Dir auf tonaler Ebene am Herzen?

Auch hier war mir die Verbindung zwischen den Episoden wichtig. Es gibt viele Elemente, die in anderen Episoden wieder auftauchen. Da sind einerseits die wiederkehrenden Vögel, dann das Radio, beziehungsweise der Funkkontakt, über den die Figuren verbunden sind. Die Verschiebung der Welt geht wie ein Impuls durch die Episoden. Auch die Musik trägt dazu bei. Zugleich haben alle Welten ihren eigenen Ton. Manche leben von einer Großraumbüro-Atmosphäre, in anderen übernimmt die Natur.

Gibt es Pläne, deinen Film in die deutschen Kinos zu bringen? Oder wo hat man die Möglichkeit, Deinen Film noch zu sehen?

Im Moment sind wir auf der Suche nach einem deutschen Verleih. Der Film wird im Juni in den Schweizer Kinos anlaufen und weiterhin auf Festivals zu sehen sein.

Kannst Du mir am Schluss kurz von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Aus Interesse am Dokumentarfilm machte ich bereits mit 20 Jahren mein erstes Praktikumsjahr im Film. Danach begann ich das Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Über den Dokumentarfilm und die Montage kam ich schließlich zur Regie. Heute arbeite ich als Autorenregisseurin.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich entwickle zurzeit das Drehbuch zu meinem zweiten Spielfilm, der den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen erforscht, die nicht ganz ins gängige Raster passen. Damit widme ich mich wieder dem realistischen und sozialen Drama, wie ich es in meinen vorangehenden Filmen getan habe.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Electric Fields

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