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Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Carlos Pereira konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Slimane“ erfahren, der im Nationalen Wettbewerb des 36. Filmfest Dresden 2024 lief, erfahren, warum und wie er seine Dystopie erschaffen hat, was ihm bei der Bildsprache am Herzen lag und wie schnell er seine Hauptdarsteller:innen gefunden hat.
The original english language interview is also available.
Kannst Du mir mehr zum Ausgangspunkt für deine nahe Zukunftsdystopie erzählen?
Die Idee war, eine Dystopie einer nahen Zukunft in Deutschland zu erschaffen, in der queere Menschen ihre Rechte verlieren und noch mehr marginalisiert und bedroht werden. Indem ich diese Geschichte bewusst in einem Land der sogenannten „freien Welt“ ansiedelte, musste ich dieses Konzept aktiv in Frage stellen. Ich wollte das tun, weil mir in den letzten Jahren klar geworden ist, wie zerbrechlich das Konzept der Demokratie tatsächlich ist und dass man die Menschenrechte nicht als selbstverständlich ansehen sollte. In anderen Ländern werden viele queere Menschen immer noch verfolgt und kriminalisiert, nur weil sie sie selbst sind. Wir müssen nicht lange suchen, um zu verstehen, dass es viele Kräfte gibt, die versuchen, die Rechte von LGBTQ+-Menschen aufzuheben – wir brauchen uns nur die LGBT-freien Zonen in Polen und die neuen Diskurse mehrerer rechtsextremer politischer Parteien in Europa anzusehen. Es gibt viele Anzeichen für etwas zutiefst Besorgniserregendes, das um uns herum geschieht: homophobe und transphobe Angriffe, Hassreden im Internet, Versuche, Gesetze aufzuheben. Leider wird diese Dystopie der nahen Zukunft von der Gegenwart und einer dringenden Erinnerung an die Vergangenheit beeinflusst. Ich halte es für unerlässlich, die Fiktion als einen Raum zu nutzen, in dem wir diese Ängste erkunden können. Nicht um eine pessimistische Zukunft vorwegzunehmen, sondern gerade um zu versuchen, sie zu vermeiden, indem wir individuell und kollektiv über sie nachdenken.
Die Landschaft sieht sehr nach ostdeutscher Tristesse aus – wie habt ihr eure Locations gefunden und was war euch dabei wichtig?
Wir haben zwischen Berlin und Brandenburg recherchiert. Die Idee war, die Erzählung am Rande der Gesellschaft anzusiedeln. Wir sehen Orte, die oberflächlich betrachtet ruhig wirken, aber ein ständiges Gefühl von Spannung und Bedrohung beinhalten. Letztlich erzeugen diese Schauplätze, bewusst oder unbewusst, das Gefühl, in einer unendlichen Leere festzusitzen. Es war auch wichtig, dass diese Welt alt aussieht, denn eine Welt, in der die Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden, wirkt wie ein Rückschritt in der Zeit.
Der Film und seine Kameraarbeit lassen sich Zeit und fokussieren auf Details, während die Handlung abseits der Kamera passiert. Kannst Du mir mehr zu Deinem visuellen Konzept erzählen?
Im Kino interessiere ich mich sehr für das Unsichtbare, für das, was wir nicht sehen – und wie es das, was wir sehen, kontaminiert. Es gab zwei Dinge, die für mich von Anfang an wichtig waren. Erstens, dass der Film keine grafische Gewalt an queeren Körpern verewigen würde. Es ist ein Film über Gewalt, aber mir ging es darum, das Echo dieser Gewalt zu filmen und die Spuren, die sie auf den Körpern und in den Räumen hinterlässt. Zweitens wollte ich queere Körper nicht auf Sexualität reduzieren, weil ich nicht glaube, dass das die wichtigste Dimension ihrer Existenz ist. Was das Leben queerer Körper meiner Meinung nach strukturiert, ist das Fehlen eines Gefühls der Zugehörigkeit. Der visuelle Ansatz des Films geht von diesen Gedanken aus.
Beispiel: In der einzigen Dialogszene des Films sehen wir hauptsächlich die Tapete an einer Wand. Die Idee war, sensorisch zu erkunden, was es bedeutet, queere Körper aus unserem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Wir werden also mit dieser Abwesenheit, mit dieser Leere konfrontiert. Es wird fast unerträglich, denn wir wollen die Gesichter der Figuren sehen, können es aber nicht. Bei der Auswahl der Bilder hatte ich auch Folgendes im Sinn: Frustrationen, Hindernisse, Mauern. Wie können wir ihnen widerstehen?
Die Soundkulisse bildet einen starken Kontrast – vor allem der später eingesetzte Technobeat. Dazu würde ich auch gern noch mehr erfahren.
Der Film wurde als eine Reise von der Unterdrückung zur Befreiung konzipiert: Wie kann man das Trauma überwinden, wie kann man Widerstand leisten? Während des gesamten Films gibt es Geräuschkulissen, die auf subtile Weise die scheinbare Ruhe dessen, was wir sehen, verunreinigen – sie erzeugen irgendwie ein ständiges Unbehagen und ein Gefühl der Bedrohung, der Gefahr, der Unterdrückung. Der Klang und sein Nachhall haben auch etwas Gespenstisches. Der Techno-Track in der letzten Szene des Films, die einen illegalen queeren Rave in einem Wald zeigt, ist ein Sound, der es diesen Körpern in diesen Minuten erlaubt, sich selbst und die ungerechte und voreingenommene Welt, in der sie existieren, neu zu erfinden. Die Szene, in der die Körper nonstop in die Dunkelheit tanzen, ist als Geste des Widerstands gedacht, als Versuch, sich selbst näher zu kommen. Jeff Mills sagte, dass „Techno alles ist, was man sich noch nicht vorgestellt hat“, und so wird in diesem Moment die Dystopie zur Utopie, zur Möglichkeit einer anderen Welt, die besser ist als diese.
Die Schauspieler spielen ihre Rolle zurückhaltend und überzeugend – wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt?
Ich habe die Rolle der Ava für Banafshe Hourmazdi geschrieben – meiner Meinung nach gab es niemand anderen auf der Welt, der diese Rolle hätte spielen können. Für die Hauptfigur Omar habe ich einen nicht-professionellen Schauspieler gesucht. Ich hatte niemanden im Kopf, als ich den Film schrieb, nur ein Gefühl dafür, was seine Körpersprache und sein Gesicht ausdrücken und beinhalten sollten. So fand ich Akin Victor, der als Model arbeitete, aber neugierig auf die Schauspielerei war. Wir trafen uns und vertrauten einander sofort, und ich wusste von der ersten Sekunde an, dass er der Richtige für die Rolle des Omar ist. Für Akin ist es der erste Film als Schauspieler, was ziemlich beeindruckend ist. Ich denke, sie bringen genau das mit, was der Film braucht. Ich wollte nicht in die Falle tappen, Emotionen auf vereinfachte Weise darzustellen, vor allem nicht in einem Film wie diesem, der von etwas Unfassbarem handelt. Im Gegenteil, ich hatte das Bedürfnis, über eine Menschheit zu sprechen, die in einem fast emotionslosen Zustand der Existenz verschwindet, in dem aber immer noch kleine Spuren von Leben an die Oberfläche zu kommen versuchen.
Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich komme ursprünglich aus Lissabon, lebe aber seit acht Jahren in Berlin. Zurzeit beende ich mein Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, und das ist auch der Produktionskontext, in dem der Film entstanden ist. Ich glaube, dass der Film stark von meinen Erfahrungen in den beiden Ländern und von der unterschiedlichen Ästhetik beider Länder beeinflusst ist. Mit den Jahren bin ich auch immer mehr davon überzeugt, dass es beim Filmemachen nicht darum geht, dass ich aktiv nach Ideen suche, sondern dass die filmischen Ideen in unerwarteten Momenten zu mir kommen, als ob sie schon da wären und darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Ich sehe meinen Körper als Medium: Von da an besteht meine Aufgabe hauptsächlich darin, der Welt zuzuhören und mich in den Zustand der Arbeit zu versetzen. Im Falle des Kinos ist der Prozess natürlich oft mit viel kollektiver Arbeit verbunden. Es ist sehr schwierig, einen Film zu machen, aber ich bin von einem wunderbaren Team umgeben, was die Sache einfacher macht. Bei „Slimane“ habe ich das Gefühl, dass der Film auf uns alle gewartet hat.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Wir haben gerade einen neuen Kurzfilm mit dem Titel „Icebergs“ fertiggestellt, der hoffentlich noch in diesem Jahr Premiere haben wird. Außerdem bereiten wir gerade unseren ersten Spielfilm vor. Es wird wahrscheinlich ein langer Prozess sein, aber wir freuen uns alle darauf, wieder zusammenzuarbeiten. Um ehrlich zu sein, würde ich am liebsten bis zu meinem Tod weiter Filme machen. Das Filmemachen ist mit vielen Opfern verbunden, aber ich habe noch nie etwas gefunden, das so lohnend ist und uns heilen kann.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Slimane“
Interview: In our conversation with filmmaker Carlos Pereira, we learned more about his short film „Slimane„, which screened in the National Competition of the 36th Filmfest Dresden 2024, why and how he created his dystopia, what was important to him in the visual language and how quickly he found his main actors.
Can you tell me more about the starting point for your near-future dystopia?
The idea was to create a near-future dystopia, in Germany, in which queer people would start losing rights and become, even more, marginalized and under threat. By consciously locating this narrative in a country of the so-called “free world”, it would be necessary to actively question this concept. I wanted to do this because I’ve realized, over the past years, how fragile the concept of democracy actually is and how human rights shouldn’t be taken for granted. In other countries, many queer people are still persecuted and criminalized just for being themselves. We don’t have to search very far to understand that there are many forces trying to revoke the rights of LGBTQ+ people – we just need to look, for example, at the LGBT- free zones in Poland and at the new discourses from several far-right political parties in Europe. There are many symptoms of something deeply worrying happening around us: homophobic and transphobic attacks, hate-speech online, attempts of revoking laws. Unfortunately, this near-future dystopia is influenced by the present and by an urgent remembrance of the past. I think it is imperative to use fiction as a space in which we can explore these fears. Not to anticipate a pessimistic future, but precisely to try to avoid it by thinking about it individually and collectively.
The landscape looks very much like East German dreariness – how did you find your settings and what was important to you?
We did location scouting between Berlin and Brandenburg. The idea was to place the narrative on the margin of society. We see, on the surface, places that look calm, but that contain a constant sense of tension and threat. Ultimately, these settings produce, consciously and unconsciously, the feeling of being stuck in an infinite void. It was also important that this world looked old, because a world in which human rights are being revoked feels like a regression in time.
The film and its camerawork take their time and focus on details, while the action happens off camera. Can you tell me more about your visual approach?
In cinema, I am very interested in the invisible, in what we don’t see – and how that contaminates what we see. There were two things that were important for me from the beginning. In first place, that the film wouldn’t perpetuate graphic violence on queer bodies. It’s a film about violence, but my focus was to film the echoes of this violence and the traces it leaves on the bodies and on the spaces. In second place, I didn’t want to reduce queer bodies to sexuality, because I don’t think that’s the main dimension of their existence. To my mind, what structures the life of queer bodies is the lack of a sense of belonging. The visual approach in the film started from these thoughts.
An example: during the only dialogue scene of the film, we observe mainly the wallpaper on a wall. The idea was to explore, sensorially, what it means to erase queer bodies from our collective memory. So we are confronted with this absence, with this void. It becomes almost unbearable, because we want to see the faces of the characters but we can’t. Regarding the visual choices I also had this in mind: frustrations, obstacles, walls. How do we resist them?
The soundscape creates a strong contrast – especially the techno beat used later on. I would also like to know more about that.
The film was conceived to be a journey from repression towards liberation: how to overcome trauma, how to resist? Throughout the film we have soundscapes that are subtly contaminating the apparent calmness of what we see – they produce somehow a continuous discomfort and a sense of menace, of danger, of oppression. There’s also something ghostly about the sound and its reverberations. The techno track at the last scene of the film, which depicts an illegal queer rave at a forest, is a sound that allows these bodies, during those minutes, to reinvent themselves and the unfair and biased world in which they exist. The scene, in which the bodies dance nonstop into the darkness, is conceived to be a gesture of resistance, an attempt of being closer to oneself. Jeff Mills said that “techno is everything you haven’t imagined yet”, so in that moment the dystopia becomes an utopia, a possibility of another world better than this one.
The actors play their roles with restraint and conviction – how did you put your cast together?
I wrote the part of Ava for Banafshe Hourmazdi – in my mind there was nobody else in the world who could have played that role. For the main character, Omar, I was searching for a non-professional actor. I didn’t have anyone in mind when I wrote the film, just a feeling of what his body language and his face should evoke and contain. That’s how I found Akin Victor, who was working as a model but was curious about acting. We met and trusted each other immediately, and I knew from the first seconds that he was the right person to play Omar. This is Akin’s first film as an actor, which is quite impressive. I think they bring exactly what the film needed. I didn’t want to fall into the trap of illustrating emotions in a simplistic way, especially in a film like this, that talks about something ungraspable. On the contrary, I felt the need to talk about a humanity that is disappearing through an almost emotionless state of existence, but in which small traces of life would still try to come to the surface.
Can you tell me a bit more about yourself and how you came to the movie?
I am originally from Lisbon but I’ve been living in Berlin for the past eight years. I am currently finishing my studies in Film Directing at the German Film and Television Academy Berlin, and that’s also the production context in which the film was born. I believe that the film is very influenced by my experiences in the two countries and by the different aesthetics of both. As the years go by, I am also more and more convinced that filmmaking is not about me actively searching for ideas, but about cinematic ideas coming to me in unexpected moments, as if they were already there waiting to come to life. I see my body as a medium: from then onwards, my job is mainly to listen to the world and to put myself in the state of working. In the case of cinema, of course, the process often entails a lot of collective work. Making films is very difficult, but I am surrounded by the most wonderful team, so that makes things easier. With „Slimane„, I feel the film was waiting for all of us.
Are there any new projects planned?
We just finished a new short-film, entitled „Icebergs“, that will hopefully premiere this year. Moreover, we are now preparing our first feature film. It will probably be a long process, but we’re all looking forward to working together again. To be honest, I would love to continue making films until I die. Filmmaking entails many sacrifices, but I’ve never found anything as rewarding and capable of healing us.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Slimane„



