Sieben Fragen an Daniel Duranleau

Doreen Kaltenecker
Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)

Interview: Im Gespräch mit dem kanadischen Regisseur Daniel Duranleau konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Winkie“ erfahren, der im Genre-Programm des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war, wie er hier Monstergeschichte mit dem Thema Vaterschaft verbindet, wie er das Monster visuell zum Leben erweckt und mit welchen Darsteller:innen er für dieses Projekt zusammengearbeitet hat. 

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm ist eine Monstergeschichte, aber auch ein Film über Vaterschaft. Kannst Du mir mehr zur Ausgangsidee erzählen?

Arlette Dubreuil

Winkie“ ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie von Kurzfilmen über Monster. In diesem Film wollte ich das Thema Vaterschaft behandeln, allerdings aus der Perspektive einer Vaterfigur mit Fehlern. Da mein Vater manchmal gewalttätig und hasserfüllt war, manchmal aber auch fürsorglich und beschützend, wollte ich den Weg der Empathie einschlagen und die Welt durch seine Brille betrachten – die eines Mannes mit gebrochenem Herzen. Noch tiefergehend wollte ich diese Themen ohne jeglichen soziologischen, wirtschaftlichen oder politischen Hintergrund ergründen. Wie sieht der Ausdruck von Liebe eines ausgestoßenen Monsters aus?

Wo genau und wie lange habt ihr gedreht – wie habt ihr eure Locations gefunden?

Zwei Jahre lang habe ich die Drehorte ganz allein ausgesucht und dabei mein Drehbuch immer wieder überarbeitet. Zunächst habe ich mit Google Earth jeden Winkel der Provinz Quebec gründlich recherchiert und bin dann jedes Wochenende mit dem Auto meines Vaters (das er mir nach seinem Tod hinterlassen hatte) zu diesen Orten gefahren. Erst zwei Monate vor Drehbeginn fand ich realistische Optionen. Valléry Rousseau, meine Produktionsleiterin, zeigte mir eine Reihe neuer Möglichkeiten, und wir fanden es: eine unberührte Höhle! Es war ein Wunder: nur zwei Stunden von Montreal entfernt in den Orten Racine und Ham-Nord.

Ich mag, dass Deine Effekte und das Kostümdesign sehr handgemacht aussehen. Kannst Du mir mehr zu diesen Aspekten erzählen?

Martin Dubreuil

Ich bin ein Bewunderer von Jim Hensons Arbeit als Maskenbildner und Puppenspieler. Ich möchte, dass das Publikum die Figuren fast spüren, berühren und riechen kann und dass sie sich so gut in das Universum einfügen, dass wir sie nicht mehr daraus herauslösen können. Für diesen Film suchte ich nach etwas sehr Rauem und Felsigem für Winkie, das an die Rauheit eines Wals erinnert – eines Waldwals –, bei dem Seepocken und Läuse durch alle möglichen Pilze ersetzt wurden. Das war einer der ersten Anhaltspunkte, die ich unserem Maskenbildner Bruno Gatien und seinem Team bei Avatar FX gab. Diese Leute waren unglaublich talentiert, ich war voller Ehrfurcht vor allem, was sie für den Film geleistet haben.

Wir stellten uns für Winkie eine neue Art von Sasquatch vor, ein Wesen mit Händen wie Schweizer Taschenmessern und scharfen, gehörnten Unterarmen, das sich jedoch mühelos in jede felsige Landschaft einfügen konnte, um Angriffen von Menschen zu entgehen. 

Was lag Dir im Allgemeinen visuell am Herzen?

Alles musste diese Distanz widerspiegeln: die Kleidung, die Umgangsformen, die Geräuschkulisse, die Landschaft, die Farben, die Haut der Figuren usw. Der Eindruck eines jenseitigen Universums war für mich visuell sehr wichtig. Jedes Einzelbild musste eine Art von Gefahr vermitteln, innerhalb oder außerhalb des Bildausschnitts. Selbst in der Postproduktion haben wir gemeinsam mit dem Coloristen Alain Omer Duranceau die Farben verändert, das RGB abgeschwächt, die Bildkanten weicher gemacht und Kamerarauschen hinzugefügt, um jeden Aspekt des Universums rauer wirken zu lassen. 

Mein Hauptanliegen war es, sicherzustellen, dass das Publikum versteht, warum ein kleines Mädchen es akzeptiert, so viele Jahre lang von einem Monster gefangen gehalten zu werden, da die Außenwelt noch hässlicher ist. Zumindest ist es das, was das Monster ihr glauben machen will.

Was war Dir bei der Besetzung wichtig? Wie leicht oder schwer war es Deine Hauptdarstellerin Éléonore Loiselle zu finden?

Éléonore Loiselle

Zunächst einmal muss ich über Martin Dubreuil sprechen, der im Film Winkie spielt. Martin ist in Quebec eine Legende und nimmt mittlerweile nur noch wenige Rollen in Kurzfilmen pro Jahr an (ein oder zwei). Als ich ihm das Projekt vorstellte, sagte er die Rolle unter der Bedingung zu, dass seine unerfahrene junge Darstellerin Arlette mitwirken würde. Ich ging dieses Risiko ein, und es hat wunderbar funktioniert.

Dennoch musste ich ein Mädchen casten, das Arlette ähnelte, als sie älter wurde. Éléonore Loiselle kam mir ganz natürlich in den Sinn. Ich erinnerte mich daran, vor einigen Jahren mit ihr an einer Fernsehserie gearbeitet zu haben, da sie mich mit einer kleinen Szene, die sie spielte, sehr beeindruckt hatte. Éléonore Loiselle ist ein ungeschliffener Edelstein. Ich hoffe, noch oft mit ihr zusammenarbeiten zu können.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Als autodidaktischer Filmemacher habe ich immer davon geträumt, Filmemacher zu werden. Ich habe mich nie mit dem Gedanken abgefunden, Projekte zu realisieren, die mir nicht wirklich am Herzen liegen. Ich glaube, dass das Schaffen ein Akt der Liebe ist und dass jedes Projekt Ausdruck tiefer innerer Wahrheiten ist, die Ehrlichkeit und Sorgfalt verdienen. Ich habe etwa zwölf Jahre gebraucht, um „Winkie“ zu drehen.

Für mich ist das Kino die poetischste Art, Liebe, Schönheit und Träume auszudrücken. Es lässt mich darüber nachdenken, wie wunderbar und zerbrechlich das Leben ist.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich arbeite derzeit am letzten Kurzfilm dieser Trilogie mit dem Titel „Meshuggah“. Darin geht es um Religion, Schuld, Monster und Reinkarnation. Außerdem bereite ich gerade einige Entwürfe für meinen ersten Spielfilm vor und habe bereits die erste Folge einer Fernsehserie gemeinsam mit einer guten Freundin von mir, Emilie Lemay Perreault, geschrieben. Es steht also einiges an … hoffentlich.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Winkie


Interview: In our conversation with Canadian director Daniel Duranleau, we learned more about his short film “Winkie”, which was featured in the genre program of the 26th Landshut Short Film Festival 2026, how he combines a monster story with the theme of fatherhood, how he brings the monster to life visually, and which actors he collaborated with on this project. 

Your short film is a monster story, but also a film about fatherhood. Can you tell me more about the initial idea?

Winkie“ is the second installment in an envisioned trilogy of short films about monsters. For this one, I wanted to talk about fatherhood, but from the perspective of a flawed father figure. As my dad was sometimes violent and hateful, and other times caring and protective, I wanted to embrace the empath way and see the world through his lens, one of a broken hearted man. Even deeper than that, I wanted to explore these themes without any sociological, economic or political grounds. What does the expression of love for an outcast monster look like?

Where exactly and for how long did you film? How did you find your locations?

For two years, I did all the scouting by myself, rewriting my script along the process. I started by doing some extensive Google Earth research at every corner of Quebec’s province and travelled to these spots every weekend in my dad’s car (he left it to me when he passed away). I didn’t find any realistic options until 2 months before shooting. Valléry Rousseau, my production manager showed a bunch of new options, and we found it: an untouched cave! It was a miracle: only two hours away from Montreal (Racine and Ham-Nord).

I like that your effects and costume design look very handmade. Can you tell me more about these aspects?

I am an admirer of Jim Henson’s makeup and puppeteer work. I want the audience to almost feel, touch and smell the characters and that they blend so well in the universe that we can’t withdraw them from the universe. For this film, I was looking for something very gritty and rocky textured for Winkie, approaching the roughness of a whale, a forest whale, trading barnacles and lices for all sorts of mushrooms. That was one of the original cues I delivered to our makeup effect designer Bruno Gatien and his team at Avatar FX. These people were spectacularly talented, I was in awe with all they did for the film.

We envisioned a new breed of Sasquatch for Winkie, a creature that had swiss knives hands and sharp horned forearms but that could easily blend into any rocky scenery to avoid any human attack. 

What was generally important to you visually?

Everything had to speak the distance: the clothes, the manners, the soundscape, the land, the colors, the character’s skin, etc. The impression of an otherworldly universe was very important for me visually. Every frame had to convey some sort of danger, within or outside the frame. Even in post production, with the colorist Alain Omer Duranceau, we altered the colors, defused the RGB, softened the edges of the frame, and added camera noise to make every aspect of the universe grittier. 

My main concern was to make sure the audience feels why a little girl would accept being held by a monster throughout so many years: because the outside world is even uglier. At least, that’s what the monster wants her to see.

What was important to you when casting? How easy or difficult was it to find your lead actress, Éléonore Loiselle?

First off, I have to talk about Martin Dubreuil, who plays Winkie in the film. Martin is a legend in Quebec, and he now accepts just a few acting roles for short films per year (1 or 2). When I presented the project, he conditionally accepted the role only if his inexperienced young girl Arlette was involved. I accepted this blind card and it worked wonderfully.

Nevertheless, I had to cast a girl resembling Arlette when she became older. Éléonore Loiselle came to my mind naturally. I remembered working with her on a TV series a few years back as she left a big impression on me from a small scene she did.

Éléonore Loiselle is an uncut gem. I hope to work again and again with her.

Can you tell me a little more about yourself and how you got into filmmaking?

As a self-taught filmmaker, I always dreamed about becoming a filmmaker. I never surrendered to the idea of creating projects I wouldn’t deeply care about. I think creation is an act of love and that every project is an expression of some deep inner truths that deserves honesty and care. It took me about 12 years to make „Winkie„.

For me, cinema has the most poetic way to express love, beauty and dreams. It makes me consider how wonderful and fragile life is.

Are there any new projects in the works?

I am currently working on the last short film of this trilogy „Meshuggah“. It would be about religion, guilt, monsters and reincarnation. Also gearing up some outlines for my first feature film, and I already crafted the first episode of a TV Series with a good friend of mine: Emilie Lemay Perreault. Lots of things to come… Hopefully.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Winkie

Kommentar verfassen