Fünf Fragen an Jessica Poon

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin und Animationskünstlerin Jessica Poon konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Moving Mountains“ erfahren, der im Nationalen Wettbewerb des 36. Filmfest Dresden 2024 lief, wie sie ihre Vergangenheit und die Gegenwart darin verarbeitet, welche Rolle die Philosophie dabei gespielt hat und wie sich in ihren Filmen die Animationen immer auf die jeweilige Geschichte einlassen und verändern.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu „Moving Mountains“ entstanden? Und wie weit wurdest Du von europäischer Philosophie beeinflusst?

Ich stamme aus Hongkong und habe 15 Jahre lang eine dieser von britischen Missionaren gegründeten christlichen Schulen besucht, vom Kindergarten bis zur High School. Ich war gläubig und ging viele Jahre lang in die Kirche. Ich würde sagen, dass die Kirchen, die ich besuchte, nicht besonders extrem waren, aber sie praktizierten eine Menge Protektionismus, zum Beispiel in der Art und Weise, wie sie uns Dinge nahe brachten, die der Bibel widersprechen. Ob es sich nun um kulturelle Produktionen, Philosophie oder andere Religionen handelte, aus ihrer Sicht waren das alles Satans Pläne, die uns von der Liebe Gottes ablenken wollten und deshalb strikt vermieden werden sollten. Es gab sogar einmal einen Workshop, in dem wir den ganzen Sommer über Beweise diskutierten, die die Urknalltheorie und den Darwinismus widerlegen. Bevor ich in die USA zog, um dort zu studieren, hatte ich die westliche Philosophie nicht systematisch gelernt, und obwohl es an meinem College die Möglichkeit gab, Kurse zu belegen, studierte ich sie nur mit Bedacht. 

Mit Mitte 20 stieß ich dann auf Bücher von Hermann Hesse, dessen Weg des Verlernens und Wiedererlernens der Spiritualität viel mit dem meinen gemeinsam zu haben schien. Als Nächstes rächte ich mich an der Vergangenheit, indem ich eine Menge ‚verbotenes‘ Zeug las, das meine Kirchen früher als satanisch bezeichneten. Diese späte religiöse Desillusionierung führte zu Jahren der Bodenlosigkeit und Stagnation, die mich dazu brachten, mich weiter mit Ideen über die Beziehung zwischen Geist und Körper, den freien Willen, den Determinismus und so weiter zu beschäftigen. Nun mag es scheinen, dass ich motiviert war. Damals konnte ich jedoch nichts anderes tun, als zu lernen und kleine, sich wiederholende Aufgaben zu erledigen, um meine Angst zu lindern. An den Tagen, an denen es mir nicht so gut ging, waren es wirklich die kleinen Leute in meinem Kopf, die mich schwach, aber beharrlich dazu drängten, ‚etwas zu tun‘.

Der Titel „Moving Mountains“ ist dem Neuen Testament entnommen, wo die Fähigkeit, einem Berg zu befehlen, sich zu versetzen, mit ‚Glauben‘ in Verbindung gebracht wird. Parallel zur Bibel gibt es eine berühmte chinesische Sage über einen törichten Mann, der versucht, einen Berg durch seine eigene Anstrengung zu beseitigen, da er dort eine Straße bauen will. Sein Glaube, der sich in seinen unermüdlichen Versuchen zeigt, bewegt schließlich das Herz Gottes, der beschließt, den Berg in seinem Namen auf übernatürliche Weise zu beseitigen. Andererseits werden Berge als Symbole für etwas Unüberwindliches und Unveränderliches mit dem Mythos von Sisyphos in Verbindung gebracht, der in seiner ewigen Strafe durch sich wiederholende, aber vergebliche Handlungen einen psychologischen Fortschritt erfährt.

Moving Mountains“ entspringt der Erfahrung der Migration, nicht nur in geografischer Hinsicht, sondern auch im Geiste – der nihilistische Zustand und die ständige Suche nach neuen Weltanschauungen, um die Leere zu füllen, die durch die Enttäuschungen und Zweifel an den zuvor vertretenen Überzeugungen entstanden ist, nur um weitere Beweise dafür zu finden, dass diese Möglichkeiten endlos sind. Anstatt es als bloße Eitelkeit abzutun, würde ich es eher als eine Art Soft Loop mit Progression und eine Reise mit Begleitung betrachten.

In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum ist Dein Film entstanden?

Das Interesse am Zeichnen von winzigen Menschen und Riesen begann etwa 2014. Zuerst war es eine Art Therapie, aber dann dachte ich, es würde mir helfen, wenn ich es zu einem Thema für die Forschung und gleichzeitig für die Therapie machen würde. Ich nahm ein Aufbaustudium an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) auf, das mir die Möglichkeit und die Ressourcen dafür bot. Der Film ist mein erstes Projekt dort, das ich 2018 begonnen und ein Jahr später abgeschlossen habe. Allerdings war ich mir in Teilen nicht ganz sicher, also habe ich ihn eine Zeit lang beiseite gelegt und immer mal wieder überarbeitet, wenn sich Lösungen ergaben. Das allerletzte DCP [Anm. d. Red.: Digital Cinema Package] wurde erst vor einem Monat (jetzt Juni 2024) erstellt. 

Kannst Du mir zu Deinen Animationen erzählen und was Dir visuell am Herzen lag?

Es gab eine Entwicklung in dem, was ich in der Animation als Kunstform sehe, und auch in meinen eigenen Animationen. Wenn man mich heute fragen würde, was mir an der Animation am besten gefällt, würde ich sagen: die Recherche, das Entwickeln von Ideen und die Gestaltung der Art und Weise, wie Informationen offenbart werden. Früher hätte ich Freiheit gesagt, da ich in einer Umgebung aufgewachsen bin, in der wir als Kinder und Studenten stark überwacht und diktiert wurden. Ich bin froh, dass ich die beiden Filme, die ich an der KHM gemacht habe, nämlich „Sunset Singers“ (2022) und „Moving Mountains“ (2024), drehen konnte. In diesen beiden Filmen geht es um Probleme und Verwirrungen aus meinen frühen Jahren, die ich unbedingt hinter mir lassen wollte. Ich war überrascht, wie effektiv sie geklärt wurden. Da ich im Bereich Animation ausgebildet wurde und glaube, dass ich damit Welten erschaffen kann, möchte ich in Zukunft bei der Lösung der Probleme anderer nützlich und hilfreich sein. Außerdem möchte ich mich mehr mit der Projektion von Vorlieben beschäftigen.

Die visuelle Gestaltung von Animationen ist für mich wie ein Spiel. Ich lege mich nicht auf einen bestimmten Stil fest, sondern treffe gerne Entscheidungen, die kombinierte Effekte nutzen. Wie in „Moving Mountains“ führte der versteckte Kontext von Migration und Postkolonialismus zur Wahl von Tuschedrucken, einem Schwarz-Weiß-Ton, der vielen chinesischen Gemälden ähnelt, und langen Schwenks, die von Rollbildern inspiriert sind. Deren Einsatz wurde jedoch kontrolliert, da es in dem Film nicht unbedingt um Ostasien geht. Es war sinnvoll, genügend Andeutungen zu machen und gleichzeitig ein gewisses Maß an kultureller Mehrdeutigkeit zu bewahren. Bei der Vorstellung einer leeren, ruhigen und einsamen Umgebung – einer Welt mit Geschichte, die aber auch an den Beginn der Zeit erinnert – habe ich mich von dem Konzept des ‚Nude Make-up‘ inspirieren lassen. Die Idee besteht darin, einen subtilen, minimalen Effekt zu erzeugen, obwohl Schichten von Texturen und Details involviert waren, die durch ausgiebiges Polieren fast unsichtbar gemacht wurden.

Die Musik passt perfekt – kannst Du mir mehr darüber sagen?

Hui-cheng Chung und Lan-ting Hsu, die den Ton erstellt haben und deren Arbeit ich sehr bewundere, verdienen wirklich Anerkennung. Es war das zweite Mal, dass wir zusammengearbeitet haben. Sie haben sich hervorragend in die Welten der Filme eingearbeitet und verstanden, was die Filme und der Filmemacher brauchten. Meiner Meinung nach braucht nicht jeder Film Musik, und wenn Musik eingesetzt wird, ziehe ich es vor, Ton und Musik nicht als zwei getrennte Abteilungen zu betrachten. Ich habe dies dem Ton-Duo mitgeteilt und darüber hinaus sehr klare und ausführliche Notizen über die allgemeinen Ideen des Films, die Kontextforschung, die Symbole, die Ästhetik, die Zerlegung der einzelnen Einstellungen usw. geschrieben. Nach den Diskussionen hatten sie die Idee, in den beiden Sequenzen, die wir im Film hören, Musik zu verwenden, die sich zu meinem Erstaunen als sehr wirkungsvoll erwies, da sie Kraft, Rhythmus und Spannung vermittelte, ohne von der allgemeinen Einfachheit und Objektivität des Films abzulenken. Da keiner von uns Musikprofis war, brauchte es einige Versuche, um die endgültige ‚Komposition‘ zu finden, die zu den visuellen Strukturen passt und ausgewogen wirkt. Alle waren während des gesamten Prozesses äußerst verständnisvoll und geduldig. Es war ein großes Vergnügen, zusammenzuarbeiten.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Zwei Projekte befinden sich in der Entwicklung. Das eine ist eine Animation, die meine Forschungen über Religionen und strukturellen Fundamentalismus fortsetzt. Sie erstreckt sich auch auf das Leben nach dem Tod, die Hölle und die Geschichte entlang der Seidenstraße. Es befindet sich derzeit in der Phase des Schreibens und der visuellen Entwicklung. Das andere ist für die Freizeit gedacht – eine Comicserie, die sich um eine Familie in einer fremden Welt dreht, die bald in der Zukunft liegt. Eine dieser Science-Fiction-Geschichten, die aber nachvollziehbar, leichtfüßig und nicht unbedingt dystopisch ist.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Moving Mountains


Interview: In our conversation with director and animation artist Jessica Poon, we learned more about her short film „Moving Mountains„, which was screened in the National Competition of the 36th Filmfest Dresden 2024, how she processes her past and present in it, what role philosophy played in it and how the animations in her films always engage with and change the respective story.

How did the idea for „Moving Mountains come about? And to what extent were you influenced by European philosophy?

I came from Hong Kong and for 15 years I studied in one of those Christian schools founded by British missionaries, from kindergarten to high school. I was a believer and went to church for many years. I’d say the churches I went to were not particularly extreme but they did practice a lot of protectionism, for example in how they made us feel about things that contradict the bible. Whether it was cultural productions, philosophy or other religions, from their point of view, these were all Satan’s schemes, trying to divert us from the love of God, and should therefore be strictly avoided. There was once even a workshop where we spent the whole summer discussing evidence that disproves The Big Bang Theory and Darwinism. Before moving to the States for college, I had not systematically learnt western philosophy, and even though there were chances to take courses in my college, I was studying them in caution. 

Then in my mid-20s, I came across books by Hermann Hesse, whose path of unlearning and relearning about spirituality seemed to have a lot in common with mine. The next is to find myself taking revenge on the past by reading a lot of “forbidden” stuff that my churches used to call satanic. This late religious disillusionment led to years of groundlessness and stagnation, which took me further to studying ideas around mind-body relationship, free will, determinism, and so forth. Now it might seem that I was motivated. However, at that time all I could do was studying, and doing small, repetitive tasks to alleviate anxiety. On the low days, it was really the tiny people in my head who pushed me to “do something”, weakly but persistently.

The title „Moving Mountains“ is taken from the new testament where the ability to command a mountain to move is associated with “faith”. Parallel to the bible, there is a famous Chinese myth about a foolish man who tries to remove a mountain through his individual effort as he wants to build a road there. His belief, evidenced by his tireless attempts, eventually moves the heart of God, who decides to remove the mountain on his behalf in a supernatural way. On the other hand, mountains as symbols of something insurmountable and unchanging are associated with the myth of Sisyphus, who in his eternal punishment, experiences psychological progression through repetitive but futile actions.

Moving Mountains“ stems from the experience of migration, not only in geography, but also in mind – the nihilistic state and the constant search for new worldviews to fill the void caused by disillusionments and doubts left from the previously held beliefs, only to find more proof that such possibilities are endless. Instead of concluding it as a mere vanity, I’d rather think of it as a kind of soft loop with progression, and a journey with company.

In what context and over what period of time was your film created?

The interest in drawing tiny people and giants began around 2014. At first it came out as a kind of therapy, but then I thought it’d help me if I made it a theme for research and therapeutic at the same time. I took up postgraduate studies at the Kunsthochschule für Medien Köln (KHM), which provided the opportunity and resources for this. The film is my first project there, started in 2018 and closed a year later. However, I was not entirely sure about parts of it, so I set it aside for some time, and reworked it once in a while when solutions came up. The very final DCP was created just a month ago (now June2024). 

Can you tell me about your animations and what was important to you visually?

There has been a development in what I see in animation as an art form as well as my own animations. If I were asked today what I liked the most in animation, I’d say research, coming up with ideas and designing how information is revealed. In the past, I would’ve said freedom, having grown up in an environment where we, as children and students, were highly supervised and dictated. I’m glad that I got to make the two films I did at the KHM which are „Sunset Singers“ (2022) and „Moving Mountains“ (2024). These two films deal with problems and confusions from my early years which I desperately wanted out of my system. I was surprised by how effectively they got cleared up. Because I was trained in animation and think creating worlds through it is something I can do, I wish to be useful and helpful in solving others’ problems in the days to come. I also want to engage more in projecting preferences.

Visuals in animation are to me like a game. I don’t take pride in a specific style but like to make choices that utilize combined effects. Like in „Moving Mountains„, the hidden context of migration and postcolonialism led to the choice of ink prints, a black-and-white tone similar to many Chinese paintings, and long pans inspired by scroll paintings. But their usage was controlled because the point of the film isn’t exactly East-Asianness. It made sense to provide enough hints while preserving a certain degree of cultural ambiguity. Imagining the environment to be empty, serene, and lonely—a world with history but also resembling the beginning of time—I drew inspiration from the concept of ’nude makeup‘. The idea is to create a subtle, minimal effect, although layers of textures and details were involved, by extensive polishing, making the effort nearly invisible.

The music fits perfectly – can you tell me more about it?

Hui-cheng Chung and Lan-ting Hsu, who created the audio and whose work I absolutely admire, are the ones who truly deserve the credit. It was the second time we worked together. They’d been exceptional at understanding the films’ worlds as well as what the films and the filmmaker needed. In my view, not every film needs music, and if music is deployed, I prefer not to think of sound and music as two separate departments. I communicated this to the sound duo and on top of that, wrote very clear and exhaustive notes on the film about its general ideas, contextual research, symbols, aesthetics, and the dissection of each shot, etc. After discussions, it was their idea to use music in the two sequences we hear in the film, which to my amazement, turned out to be very effective, conveying strength, rhythm and suspense without detracting from the film’s overall simplicity and objectivity. Because none of us were music pro, it took a couple of trials to achieve the final ‚composition‘ which matches the visual textures and feels balanced. Everyone was extremely understanding and patient throughout the process. It was a great pleasure to work together.

Are there any new projects planned?

Two projects are in development. One is an animation that continues my research into religions and structural fundamentalism. It also stretches into afterlife, hell and history along the silk road. It is currently in the phase of writing and visual development. The other one is for leisure – a comic series centered on a family in a strange world, soonish in the future. One of those sci-fi stories, but relatable, light-hearted, and not necessarily dystopian.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Moving Mountains

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