Acht Fragen an Paula Milena Weise und Finn Ole Weigt

Doreen Kaltenecker
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Paula Milena Weise („Gezielt Mittelalterliche Überlegungen“) in Nationaler Wettbewerb 3 (Schauburg)

Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemacher:innen Paula Milena Weise und Finn Ole Weigt konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Gezielt mittelalterliche Überlegungen“ erfahren, der im Nationalen Wettbewerb des 36. Filmfest Dresden 2024 lief, wie ihre Zusammenarbeit schon länger auf ein festes Team bauen kann, was sie Anton Artibilovs Geschichte gereizt und wie sie auch junge Menschen hinter der Kamera in die Filmarbeit eingebaut haben.

Wie seid ihr mit Anton Artibilov zusammengekommen und was hat euch an dem Drehbuch gereizt?

Wir haben Anton durch eine gemeinsame Bekanntschaft kennengelernt und kurz darauf spontan den Kurzfilm „Urlaubsversuche“ auf Basis eines Textes von Anton gedreht. Die erste Fassung von „Gezielt mittelalterliche Überlegungen“ hat uns auch sofort gereizt, allerdings wurde schnell klar, dass dieses Projekt einen längeren zeitlichen Vorlauf benötigt. Das Besondere an Antons Texten ist für uns, dass sie ständig Überraschungen und Wendungen bereithalten. Die Erzählung selbst und nicht das Thema steht im Mittelpunkt.  

Ihr habt das Projekt außerhalb des Hochschulbetriebs realisiert, richtig? Wie habt ihr das Projekt auf die Beine gestellt.

Thuy-Van Truong

Seit 2020 drehen wir als Gruppe von Freund:innen Kurzfilme unter dem Namen ‚dunkellicht film‘. Wir kennen uns alle sehr gut und können uns aufeinander verlassen. Wenn wir ein Projekt initiieren, müssen wir also nicht bei Null anfangen. Tilman Bensiek betreut jedes Projekt von Anfang an visuell und Elias Lenzen auf der tonalen Ebene.

Eine Besonderheit ist, dass ihr junge Menschen nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera besetzt habt. Könnt ihr mir dazu erzählen?

Da der Dreh nicht im Rahmen eines Filmstudiums stattgefunden hat und es in Mitteldeutschland keine Filmhochschule gibt, war es uns wichtig, den Dreh auch als Workshop zu verstehen. Zusammen mit dem Verein Junge Medien Erfurt e.V. haben wir das Projekt für junge Menschen in Thüringen geöffnet. Viele der Mitglieder unseres Teams waren daher zum ersten Mal an einem Filmset. Die unterschiedlichen Erfahrungslevels unter ein Dach zu bringen war herausfordernd, allerdings haben wir genau das auch als Bereicherung für das Projekt empfunden. Bis heute sind wir sehr stolz, dass es uns gelungen ist, eine Gruppe von ungefähr 30 Menschen zusammenzubringen. Inhaltlich hat uns beispielsweise die Zusammenarbeit mit unserer Regiehospitantin Mira (15) eine frische Perspektive auf das Thema Schule ermöglicht. Mira war zum Zeitpunkt des Drehs gerade im Wechsel von der 9. in die 10. Klasse. Neben dem Hauptdreh hat Olena (14) eine Reportage über den Prozess des Drehs erstellt.  

Thuy-Van Truong

Wo habt ihr gedreht und was lag euch bei der visuellen Ausgestaltung am Herzen?

Die Dreharbeiten zu „Gezielt mittelalterliche Überlegungen“ fanden im Raum Erfurt statt. Wir haben vor allem nach (Nicht)-Orten gesucht, die nicht die Stadt Erfurt repräsentieren, sondern eine fiktive Welt konstruieren. Schon in der Stoffentwicklungsphase ist es uns wichtig gewesen, den märchenhaften Charakter der Geschichte zu erhalten und gleichzeitig damit zu brechen. Ein Beispiel dafür ist die Szene Unterführung, an der sich Frau Schröder entscheiden muss, welchen Weg sie einschlagen will. Ähnliche ‚Wegweiser-Szenen‘ kennt man aus vielen Märchen. Ein weiteres Beispiel ist der Sportplatz, welcher in unserem modernen Märchen den Dorfplatz, um den herum die Geschichte sich ereignet, versinnbildlichen soll.

Ich liebe das Spiel aller Darsteller:innen – wie und wo habt ihr gecastet?

Thuy-Van Truong

Das Casting für Frau Schröder war zunächst sehr herausfordernd, da uns auf unsere Casting-Calls sehr viele Rückmeldungen erreicht haben. Thuy-Van Truong war von Beginn an eine Favoritin für die Besetzung. Als sie uns im Gespräch erzählt hat, dass sie selbst einmal als Lehrerin gearbeitet und den Job geschmissen hat, um ihren Traum zu verwirklichen, war die Entscheidung gefallen. Die Jugenddarsteller:innen haben wir in einer Mischung aus Schauspielworkshop und Casting spielerisch an die Geschichte herangeführt. 

Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr von euch  erzählen und wie ihr zum Film gekommen seid?

Thuy-Van Truong

Wir sind beide in Kassel aufgewachsen und dort zum ersten Mal mit Film in Berührung gekommen. Es war in etwa so: Paula hat während ihrer Schulzeit im Jugendspielclub am Theater gespielt und wollte eigentlich immer Theaterregisseurin werden. Finn kam – noch zu Mini-DV-Zeiten – mit dem freien Lokalsender in Berührung und drehte dort Reportagen zu Themen in und um Kassel. Während der Pandemie haben wir dann 2022 zusammen mit unseren Freunden Tilman Bensiek (Kamera), Marlene Drobeck (Kostüm) und Elias Lenzen (Ton, Sounddesign, Musik) zum ersten Mal einen fiktionalen Film gedreht. Seitdem arbeiten wir, wann immer es geht, in dieser Konstellation, die durch einen größeren Kreis an Freunden und Bekannten erweitert wird. Die Tatsache, dass wir uns als Gruppe gefunden haben, ist natürlich hilfreich, weil wir nicht immer wieder bei Null anfangen, sondern bereits ein großes Kontingent an Erfahrungen, einer gemeinsamen (Film-)Sprache und natürlich Vertrauen zueinander gesammelt haben.

Wie verlief eure gemeinsame Arbeit am Set?

Team von „Gezielt Mittelalterliche Überlegungen“ in Nationaler Wettbewerb 3 (Schauburg)

Die Arbeit in Co-Regie setzt voraus, dass wir uns vorher viele Gedanken zu den Figuren, der Geschichte und der Tonalität machen, um eine gemeinsame Vision zu entwickeln. So können wir mit klaren Vorstellungen über unsere Ziele in den Dreh gehen und diese an unser Team kommunizieren. Am Set helfen uns unsere unterschiedlichen Stärken, verschiedene Perspektiven auf Fragen und Herausforderungen zu finden. Unsere Zusammenarbeit ist wie ein ständiges Ping-Pong.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Aktuell arbeiten wir an einer kleinen dokumentarischen Arbeit. Das nächste fiktionale Projekt ist für nächstes Jahr geplant.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Gezielt mittelalterliche Überlegungen

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