Zehn Fragen an David Ghane

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Vorfeld des Festivals konnten wir mit dem Festivalleiter David Ghane sprechen, der uns erzählt, wie das Festival entstand, nach welchen Gesichtspunkten die Filme ausgewählt werden und was seine persönlichen Highlights in diesem Jahr sind.

Erstmal etwas zu Dir – Woher kommt Deine Liebe zum Horror- und Genrefilm?

Eine rationale Erklärung habe ich nicht dafür, es ist einfach so entstanden. Mich hat schon als Kind das Morbide interessiert, Tötungsszenen in Filmen, alles was schrecklich, verdorben, kontrovers und verboten war usw. Mit 17 habe ich meinen ersten VHS-Film gekauft, der ab 18 war. Seitdem ging es los, Action und Horror sind meine Lieblingsgenres.

Wie ist die Idee zum Filmfestival Obscura entstanden?

Seit 2004 besuche ich das Fantasy Filmfest, seit 2007 das Weekend of Fear, es kamen immer mehr Festivals hinzu und ich habe mir auch Filme aus dem Ausland auf DVD gekauft und geschaut. Ich habe mir auch die Programme von ausländischen Filmfestivals angesehen, News verfolgt und bin auf Filme gestoßen, die ich gerne in Deutschland im Kino sehen möchte. Ich habe die den Festivals vorgeschlagen, einige davon wurden ausgewählt, einige nicht. Bei einigen Titeln hat mich das gewundert, da sie auf vergleichbaren Festivals im Ausland liefen. Ich habe mich gefragt, woran das liegt und ob ich es nicht versuchen sollte, die selber zu zeigen, was aber nur eine lose Idee bis dahin war.

Es gab in München das Asia Filmfest im Mathäser Filmpalast, irgendwann nicht mehr. Da haben ans von dem Filmfest ihr eigenes Mini Asia Filmfest im Werkstattkino veranstaltet. Dort liefen einfach Blu-Rays aus HK, Korea ohne Vorführrechte, denn es war eine geschlossene Veranstaltung. Sie haben das zu Hause mit Freunden gucken einfach mit ein paar mehr Freunden und deren Freunden  in ein Kino verlagert und wir haben uns die Miete geteilt. Ich habe mir im Sommer 2016  überlegt, in Berlin gibt es doch auch sehr viele solcher kleinen Kinos und wenn das bei denen klappt, dann probiere ich das auch mal. Nur bei mir sollte es schon öffentlich mit Vorführrechten sein. Ich bin dann meine alten Vorschlagslisten durchgegangen und habe geschaut, was davon schon als UK/US DVD/BD in meinem Regal liegt, aber in Deutschland noch nicht veröffentlicht  wurde. Drei Filme habe ich gefunden, die schon zwei bis drei Jahre alt waren, aber immer noch eine deutsche Premiere wären. Ichhabe die Produzenten gefragt, ob ich die zeigen kann, was ich dann durfte. Ein stillgelegtes Kino habe ich auch gefunden, es war hinten in einer Bar, es hatte einen Blu-Ray Player und man konnte es mieten. Mit einer Startnext-Kampagne habe ich das Festival finanziert, denn ich wollte erstmal sehen, ob überhaupt der Bedarf besteht. Die Kampagne lief so gut, dass ich noch einen vierten Film ins Programm mit aufgenommen habe, dieser war aber nicht aus meinem Regal sondern ein aktueller Film, der noch im Festival-Kreislauf lief und ein richtig großer Hit war: „Daemonium“ aus Argentinien. Der hat dann auch zurecht den Preis für den besten Film gewonnen. Das war im Oktober 2016. Seitdem haben argentinische Filme bei mir Tradition.

Von der Anfangsidee zur Realisation – wie stellt man ein Festival auf die Beine?

Als Erstes braucht man ein Kino, welches man mieten kann und die so ein Festival auch durchführen wollen. Die allermeisten wollen das nämlich gar nicht. Danach heißt es die Filme suchen und auswählen. Durch meine langen Festivalbesuche habe ich viele Leute aus der Branche kennengelernt, was meine Suche erleichterte. Man braucht auch jemanden, der Poster und Programmhefte designen kann, wenn man das selber nicht kann. Eine befreundete Regisseurin schneidet auch immer meine Festival-Trailer. Eine eigene Website braucht man auch und man muss Werbung und Social Media machen. Eigentlich ist es zu viel Arbeit für eine einzelne Person, daher mein Rat an alle, sucht euch zuerst ein Team und fangt dann erst mit der Arbeit an. Einige beginnen auch nicht gleich mit einem Festival, sondern erstmal mit einer Filmreihe in einem Kino, so dass sie schon ein Stammpublikum gewinnen können und gründen erst dann ein Festival.

Auf der Webseite sieht man, dass das Festival auch mal in Hannover stattgefunden hat. Wie kam es zur Expansion nach Hannover?

Ich bin geborener Ostfriese, aber meine komplette Familie ist 2000 nach Hannover gezogen, was für meine Eltern eine Rückkehr in ihre Heimat war. Sämtliche großen Festivals in Niedersachsen sind in anderen Städten und nicht in der Landeshauptstadt, das Fantasy Filmfest war 2010 einmal dort zu Gast, ist aber nicht wieder gekommen. Ich wohne in Berlin, habe aber immer von einem Genre-Filmfest in meiner zweiten Heimat geträumt, also habe ich 2017 dort mein erstes Obscura im Medienhaus veranstaltet. Nach fünf Ausgaben ist allerdings Schluss, denn das Festival und der Arbeitsaufwand sind zu groß geworden, man kann es nicht so nebenbei von Berlin aus managen. Ich bräuchte einen Mitarbeiter vor Ort und auch mehr Unterstützung der Kinos. Es war in Berlin schon schwierig geeignete Kinos zu finden, aber in Hannover fast ein Ding der Unmöglichkeit. Als dann letztes Mal auch das letzte DCP-fähige Kino abgesprungen ist und ich nach Wolfsburg ausweichen musste (und dort kaum Publikum war) war klar, dass es in Hannover als großes Festival nicht mehr stattfinden kann. Immerhin wurde ich zweimal von der Stadt Hannover gefördert, das letzte Mal aber auch nicht mehr.

Der Zoo Palast als Spielstätte ist fantastisch. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

Auch in Berlin sind mir die Kinos ausgegangen, anfangs habe ich verschiedene Kinos ausprobiert. Ein reines Blu-Ray Kino kam ganz schnell nicht mehr infrage, DCP ist Pflicht. Beim Zoo Palast gefallen mir die kleinen Club Kinos, hab also mal gefragt was die kosten. Ich habe mich aber zuerst noch nicht getraut, das dort zu veranstalten und blieb erstmal bei der Cinestar-Kette, bei der ich in Garbsen (bei Hannover) auch war und wo das Fantasy Filmfest ebenfalls stattfand. Über einen Regisseur habe ich die Medienagentur Monte & Vogdt kennengelernt, die mich nochmal im Zoo Palast vorgestellt hat. Ich habe dann mein Festival in beiden Kinos ausgetragen, um vergleichen zu können. Danach war klar, dass ich im Zoo Palast bleibe. Mittlerweile ist das Fantasy Filmfest auch im Zoo Palast angekommen.

Wählst Du die Filme allein aus oder hast Du eine Sichtungskommission?

Ja, ich wähle die Filme komplett alleine aus, ich habe keine Mitarbeiter. Dieses Jahr hatte ich aber  zu viele zu gute Filme, also habe ich einen meiner Stammgäste und einen meiner Textschreiber um Rat gefragt, welchen von den drei Filmen ich für den letzten Slot auswählen soll. Wir alle haben einstimmig beschlossen: „1978“ bekommt den letzten Slot.

Nach welchen Gesichtspunkten wählst Du die Filme aus?

  1. Die Filme müssen zum Thema/Genre passen: Action, Horror, Sci-Fi, Thriller, Fantasy, Abenteuer.
  2. Die Filme müssen professionell und hochwertig produziert sein, tauglich für eine kommerzielle Blu-Ray- oder Streaming- Auswertung, keine Amateurfilme.
  3. Die Filme müssen mir persönlich gefallen, ich mag kein Found Footage (mehr) und auch keine Gruselfilme, die in einfachen Wohnungen spielen. Meine persönlichen Vorlieben: visuell starke und unterhaltsame, schnelle Filme oder kurz gesagt: Wham Bam!
  4. Sämtliche Langfilme müssen beim Festival mindestens ihre deutsche Premiere sein, es gibt allerdings auch immer mal Ausnahmen wie „#Manhole“ der vorher auf der Berlinale lief oder die Universal/Blumhouse Produktion „The Hunt“ welcher schon in der Creepy Crypt Reihe lief.
  5. Es gibt noch ein paar weiche Faktoren wie: exotische Herkunft, kommen Gäste und seit dem Ukraine-Krieg versuche ich jedes Jahr einen Film aus der Ukraine zu zeigen, was bisher gut geklappt hat und dieses Jahr gibt es sogar gleich zwei.

Kannst Du einen kleinen Sneak Peak auf die diesjährige Ausgabe geben? Was sind Deine filmischen Highlights?

Auf den ukrainischen „The Witch. Revenge“ bin ich besonders stolz, denn er ist brandneu, wurde während des Kriegs gedreht und handelt auch von selbigen.

Der Eröffnungsfilm „(Pri)sons“ ist eine absolute Schlachtplatte und Crowdpleaser.
„Ever Victorious“ ist ein bildgewaltiger Wuxia-Historienactionfilm.
„Timeline“ hat richtige Blockbusterqualität.

Diesmal gab es so viele sehr gute Kurzfilm-Einreichungen, dass ich sogar zwei Kurzfilm-Slots statt nur einen zeigen kann.

Welche Gäste erwartet ihr und welche Meet-and-Greet-Möglichkeiten wird es für die Fans geben?

Es gibt dieses Mal so viele Gäste wie noch nie aus sieben Ländern, drei davon außerhalb von Europa. Im Foyer vor der Fotowand kann man sie treffen und natürlich im Kinosaal.

Ist nach dem Festival vor dem Festival? Wann beginnst Du Dich auf die nächste Ausgabe vorzubereiten?

Ja, im Februar auf dem EFM fängt die Suche wieder an. Da sichte ich die ersten großen Filme und stelle eine große Wunschliste zusammen. Die wird dann im Laufe der Zeit immer kleiner. Ab Mai, wenn der Cannes-Markt vorbei ist, geht es dann richtig los. Als ich früher noch zwei Festivals pro Jahr hatte, nämlich Hannover im Frühling und Berlin im Herbst habe ich pausenlos Filme gesucht, das war nicht so gut, man braucht auch mal eine Pause, denn es ist und bleibt ein Hobby neben meinem Beruf.

Das Interview führte Doreen Kaltenecker

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