„The Outrun“ (2024)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der dritte Spielfilm der deutschen Regisseurin Nora Fingscheidt ist die Geschichte einer jungen Frau, die gegen ihre Alkoholsucht kämpft. Für „The Outrun“ (UK/Deutschland, 2024), der seine Premiere auf der 74. Berlinale 2024 feierte, hat die Regisseurin eng mit der Autorin der autobiographischen Vorlage zusammengearbeitet und mit Saoirse Ronan die perfekte Hauptdarstellerin gefunden.

Rona (Saoirse Ronan) hat viele Jahre in London gelebt und ist dort dem Alkohol verfallen, so dass ihr nach und nach ihr Leben entglitten ist. Nach der Reha-Entlassung beschließt sie, in ihre Heimat zurückzukehren. Auf den schottischen Orkney-Inseln hofft sie, zur Ruhe zu kommen. Doch nicht nur ihre getrennt lebenden Eltern (Saskia Reeves und Stephen Dillane) machen es ihr schwer, auch ihre Gedanken, die sich zu oft im Kreis drehen. Also beschließt sie, sich noch weiter zu isolieren und zieht auf die kleine, abgelegene Insel Papa Westray. 

Saoirse Ronan

Im Jahr 2016 erschien Amy Liptrot Erlebnisbericht „Nachtlichter“ (OT: „The Outrun“), in dem sie ihre Alkoholsucht und ihren Kampf dagegen schildert. Die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt, welche sich mit „Systemsprenger“ (2019) einen Namen gemacht und mit dem Netflix-Film „The Unforgivable“ (2021) bereits außerhalb Deutschlands gearbeitet hat, adaptiert das Buch in einem zweistündigen Spielfilm. Zusammen mit der Autorin hat sie das Drehbuch zu diesem Sucht-Drama geschrieben. Dabei ist nicht alles neu, was dort geschildert wird, aber mit einem extrem hohen Maß an Offenheit, einer nicht chronologischen Erzählweise und fantastischen Darsteller:innen gelang ihnen ein Film, der ins Mark geht. Fingscheidt traut sich, wie schon die Autorin selbst, Dinge anzusprechen, die schmerzlich sind und Gedanken zu formulieren, wie die Frage, ob man nüchtern überhaupt glücklich werden kann. Zudem geht der Film nicht chronologisch vor, sondern erzählt die Geschichte über drei Orte und Zeiten hinweg. Dabei helfen die wechselnden Haarfarben der Hauptdarstellerin sehr, die Orientierung zu behalten. Durch diese Struktur werden Ereignisse, Menschen, Orte und Erfahrungen auf gelungene Weise miteinander verknüpft und beinahe parallel der Niedergang und das Neu-Kraft-Schöpfen für eine ungewisse Zukunft gezeigt.

Natürlich spielt die Besetzung bei solch einem Drama eine große Rolle. Aber nicht nur die hervorragend besetzten Darsteller:innen tragen viel zur Atmosphäre bei, sondern auch die Original-Drehplätze vor Ort auf den schottischen Inseln. Man kann die Schroffheit, das raue Wetter und das Tosen der Küste förmlich spüren, aber sieht auch wie wunderschön diese Landschaft, das Meer und seine Bewohner:innen sind. Wunderbar ist auch, dass sie bei den Nebenrollen teilweise auf lokale Laiendarsteller:innen zurückgegriffen haben. Ihr Spiel unterstützt hervorragend den Anspruch an Authentizität. Auch Saoirse Ronan ist absolut perfekt ausgewählt. Sie schaffte es schon immer, mit ihren Rollen zu verschmelzen und so auch hier. Mit ihr leidet man mit und ja hofft natürlich auch, dass sie ihre Sucht überwindet. So schafft es die Inszenierung mit einem hohen Authentizitätsgehalt das Publikum abzuholen und eine oft erzählte Geschichte mit einem anderen Blick und dem richtigen Maß Emotionalität zu erzählen. 

Fazit: „The Outrun“ ist der dritte Spielfilm der deutschen Regisseurin Nora Fingscheidt. Diesen hat sie in Schottland nach einer wahren Geschichte unter Mitarbeit der Autorin der Vorlage selbst emotional packend umgesetzt. Wunderbar mit Saoirse Ronan besetzt und gut auf mehreren Zeitebenen erzählt, schafft es die Suchtgeschichte auf diese Weise, sich klar von anderen Vertretern des Genres abzusetzen. 

Bewertung: 8/10

Kinostart: 5. Dezember 2024

Trailer zum Film „The Outrun“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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