„Little Women“ (2019)

Filmkritik: Der Roman „Little Women“ von Louisa May Alcott gehört wohl zu den am meisten verfilmten Romanen der Literaturgeschichte. Die Regisseurin und Schauspielerin Greta Gerwig hat sich nun des Stoffes angenommen und bringt mit ihrem Spielfilm „Little Women“ (OT: „Little Women“, USA, 2019) die mittlerweile sechste Fassung des Romans auf die Leinwände und liefert ein schönes Plädoyer für mehr weibliche Selbstbestimmung ab.

Jo (Saoirse Ronan) arbeitet am Aufbau ihrer Karriere als Schriftstellerin, dafür hat es sie sogar nach New York verschlagen. Als Inspiration für ihre Geschichten dient ihre eigene Jugend. Sie wuchs zusammen mit ihren Schwestern Meg (Emma Watson), Beth (Eliza Scanlen) und Amy March (Florence Pugh) auf. Ihre Mutter Marmee (Laura Dern) leitet ihre Töchter dabei stets an, sie selbst und gut zu sein. Auch kann jede ihrer Begabung nachgehen, sei es Malerei, Musik oder Schreiben. Doch die Gesellschaft in der sie aufwachsen, unterdrückt den weiblichen Freiheitsdrang und so soll es schlussendlich nur um die Ehe gehen. Auch wenn Jo in Laurie (Timothée Chalamet) einen Seelenverwandten gefunden hat, wehrt sie sich gegen die traditionelle Richtung und möchte lieber ihren eigenen Weg gehen. 

Emma Watson, Saoirse Ronan, Florence Pugh und Eliza Scanlen

Die Schriftstellerin Louisa May Alcott (1832-1888), die auch gern mal als amerikanische Jane Austen bezeichnet wird, schrieb diesen Roman in zwei Teilen. „Little Women“ und „Good Wives“ gehören zu den wichtigsten Werken der von ihr verfassten Kinder- und Jugendliteratur. Der erste Teil wurde im Oktober 1868 veröffentlicht, der zweite folgte nach Beendigung des amerikanischen Bürgerkriegs, im April 1869. Der stark autobiographische Roman wurde speziell für Mädchen geschrieben, taucht wunderbar in ihre Gedankenwelt ab und fordert zum freien Denken und Sein auf. Spätere Werke der Autorin werden als feministische Entwicklungsromane bezeichnet. Ihre Aussagen sind damit mehr als deutlich. Selbstbestimmung, Selbstentfaltung und Freiheit für Frauen lag ihr am Herzen und sie nutzte ihre Kunst dazu, um ihre Botschaft zu vermitteln. Kein Wunder, dass dieser Stoff immer wieder für Filme herhalten musste. Besonders bekannt ist die Verfilmung von Gillian Armstrong – „Betty und ihre Schwestern“ (1994) – mit Winona Ryder in der Hauptrolle. Bis heute hat das Buch seine Kraft nicht verloren und so verwundert es nicht, dass sich die Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig der Geschichte annahm. 

Saoirse Ronan

Gerwig, welche als Schauspielerin u.a. in „Frances Ha“ (2012) und „20th Century Women“ (2016) auffiel, mauserte sich schnell zu einer gewieften Drehbuchautorin, welche die heutige Frau stets wunderbar einzufangen vermag. Mit ihrem Regie-Debüt „Lady Bird“ (2017) etablierte sie sich dann vollends als talentierte Filmemacherin. Nun nimmt sie, die sich bisher nur modernen Stoffen gewidmet hat, sich diesen Roman vor. Auf den ersten Blick bleibt sie dem historischen Gewand treu. Doch wenn man genauer hinschaut, sind ihre kleinen Frauen starke Persönlichkeiten. Keine von ihnen will und wird sich unterordnen. Auch in der heutigen Zeit ist das ein wichtiger und starker Aufruf vor allem an junge Mädchen, die ihren Platz in der von Männern dominierten Welt noch finden müssen. Anders als andere Verfilmungen baut sie den Film sehr verschachtelt auf und arbeitet viel mit Rückblenden, die aber nicht klar abgegrenzt sind. Am Ende geht es so weit, dass sich Jos Fiktion und Realität vermischen. Das fordert vom Zuschauer eine größere Aufmerksamkeit, jedoch bietet der Film dadurch einen spannenderen Zugang, um die Geschichte neu zu erforschen. Kein Wunder, dass der Film für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ nominiert wurde, was aber schlussendlich an Taika Waititi für „Jojo Rabbit“ (2019) ging. 

Emma Watson, Florence Pugh, Saoirse Ronan und Eliza Scanlen

Von den sechs Oscarnominierungen u.a. für den ‚Besten Film‘ konnte der Film nur den Preis für das ‚Beste Kostümdesign‘ erhalten. Dies ehrt nur einen kleinen Teil der fantastischen Ausgestaltung des Films. Denn trotz des großen historischen Anspruchs schuf Gerwig eine Welt voll mit frischem Wind. Das Häuschen der Marchs, klein, bescheiden, aber voller Leben steht in einer idyllischen Landschaft. Jedes Bild ist gut komponiert und ein Genuss für sich. Dazu tragen die Locations, Orte, Ausstattungen und auch die Kostüme bei. Diese sind an die Charaktere der Trägerinnen angepasst und spiegeln ihre Art und auch ihre Eigenwilligkeiten wieder. Auch beim Ensemble hat der Film alles richtig gemacht. Die aufsässige Jo wird von Saoirse Ronan gespielt, welche in „Lady Bird“ die Hauptrolle spielte und bereits damals, wie auch hier, für einen Oscar nominiert wurde. Immer wieder sieht man die junge Darstellerin in Rollen, die sich in keine Norm pressen lassen, wie bei „Wer ist Hanna“ (2011), „Grand Budapest Hotel“ (2014) und „Am Strand“ (2017). Auch hier schafft sie es alle Seiten von Jo wunderbar einzufangen und die ZuschauerInnen mit ihrem Schwung mitzunehmen auf eine spannende Reise in eine Zukunft voller Möglichkeiten. Doch auch die restlichen DarstellerInnen sind perfekt ausgesucht. Sei es die liebenswerte Mutter, gespielt von der großartigen Laura Dern, welche den Oscar für die ‚Beste Nebendarstellerin‘ in „Marriage Story“ (2019) im gleichen Jahr gewann, oder Florence Pugh, die sich durch ihre Performance in „Midsommar“ (2019) in die Köpfe gebrannt hat. Rundherum hat Greta Gerwig das perfekte Gewand gefunden, um die bekannte Geschichte der Familie March noch einmal mit neuen Schwung und einer weiterhin wichtigen Botschaft auf die Leinwände zu bringen. Schade nur, dass sie trotzdem bei der Oscarverleihung fast leer ausgegangen ist und nicht einmal für die ‚Beste Regie‘ nominiert worden war.            

Timothée Chalamet und Saoirse Ronan

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Little Women“ ist mittlerweile die sechste Verfilmung des bekannten Romans von Louisa May Alcott. Die Regisseurin und Autorin Greta Gerwig modernisiert die Geschichte dabei beinahe unmerklich und liefert damit ein starkes Plädoyer für weibliche Selbstbehauptung, wie es bereits vom Roman angedacht war. Dabei überzeugt nicht nur das verschachtelte Drehbuch, sondern auch die farbenfrohe Ausgestaltung und das großartige Ensemble. So entstand eine weitere Fassung, welche die Geschichte für eine neue Generation wunderbar aufbereitet und sehr gut unterhalten kann. 

Bewertung: 7,5/10

Kinostart: 30. Januar 2020 / DVD-Start: 20.Juni 2020

Trailer zum Film „Little Women“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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