„Marriage Story“ (2019)

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „Marriage Story“ (OT: „Marriage Story“, USA, 2019) erzählt auf bedrückend echte Weise vom Ende einer Beziehung und einem Sorgerechtsstreit ohne jegliche Schwarz-Weiß-Zeichnung. Inspiriert von seiner eigenen Trennung schuf der Regisseur Noah Baumbach einen aufwühlenden Film, der nicht zu Unrecht trotz der Netflix-Herkunft mit sechs Nominierungen bei der 92. Oscarverleihung antrat und davon aber leider nur einen gewinnen konnte.

Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson) waren viele Jahre lang ein Paar und haben zusammen ein Sohn namens Henry (Azhy Robertson). Doch die Schauspielerin Nicole wird in New York mit ihrem wenig eigenständig bestimmten Leben nicht glücklich und entscheidet sich wieder nach Los Angeles zu gehen, wo sie ihrer Schauspielkarriere neuen Schwung geben will. Natürlich nimmt sie Henry mit. Als Charlie irgendwann klar wird, dass Nicole nicht mehr zurückkommt und harte Bandagen in der Sorgerechtsfrage auffährt, muss er sich entscheiden, ob er um seinen Sohn kämpfen will und wie er dafür weiter vorgehen muss.

Azhy Robertson und Adam Driver

Die Filmgeschichte ist gut gefüllt mit Scheidungsfilmen wie „Kramer vs. Kramer“ (1979), „Szenen einer Ehe“ (1973) von Ingmar Bergman und auf andere Art auch „Der Rosenkrieg“ (1989). Noah Baumbach, der Regisseur und Autor des Films, der u.a. Filme wie „Frances Ha“ (2012) und „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (2014) auf die Leinwände gebracht hat, weiß von der filmischen Tradition dieses Themas, behauptet sich aber trotzdem in dieser Reihe von Filmen. Insbesondere durch seine dichte, authentische Schilderung der Geschichte. Dafür nahm er nicht nur Anleihen aus dem Bekannten- und Freundeskreis, sondern vor allem die eigenen Erfahrungen als Grundlage. Zum einen ist er selbst ein Scheidungskind und zum anderen nutzte er seine kürzliche Scheidung von der Schauspielerin Jennifer Jason Leigh ( „eXistenZ“ (1999), „Der Maschinist“ (2004)), mit der er einen gemeinsamen Sohn hat und die ihre Scheidung auch in Los Angeles einreichte. Die Parallelen betreffen aber nicht nur Nicole und Jennifer, sondern auch Charlie ist ein New Yorker Theaterregisseur, in einer Welt also in der sich Baumbach auskennt. So bleibt alles nah an der Realität, ohne aber eine autobiographische Geschichte zu erzählen. Wunderbar und vor allem grausam ist der dritte Aspekt neben den beiden Seiten des Paares des Films: Er beleuchtet das amerikanische Scheidungsrecht mit all seinen negativen Auswüchsen. Dies lässt den Zuschauer immer wieder fassungslos zurück und so verwundert es auch nicht, dass Laura Dern als einzige einen Oscar für ihre Darstellung der gerissenen und unangenehmen Scheidungsanwältin Nora Fanshaw erhielt.

Laura Dern und Scarlett Johansson

Die Stärke des Films liegt neben seiner realitätsnahen Schilderung der Ereignisse, vor allem in dem starken Schauspiel aller Beteiligten. Adam Driver (zu sehen in „Paterson“ (2016), „BlacKkKlansman“ (2018) und „The Dead don’t Die“ (2019)) und Scarlett Johansson, die für „Jojo Rabbit“ auch noch in der Kategorie ‚Beste Nebendarstellerin‘ für einen Oscar nominiert war, spielen ihre Rollen mit der gesamten Bandbreite an Gefühlen hervorragend. Sie lassen keine Schwarz-Weiß-Zeichnung oder gezielte Sympathievergabe zu. Es ist klar, dass hier niemand nur Opfer oder Täter ist. Abgerundet wird der Film von dem hervorragenden Nebencast u.a. mit Merritt Wever (wunderbar auch in der Miniserie „Unbelievable“ (2019)) als überforderte Schwester oder Alan Alda als Scheidungsanwalt, der zu gutmütig für diese Branche ist. Die Geschichte spielt an den beiden Orten New York und Los Angeles. Diese beiden 2500 Meilen entfernt liegenden Orte werden visuell aber auch in den Gesprächen immer wieder als sehr gegensätzlich dargestellt und stehen für die beiden Hälften des Paares. Auch der Musikeinsatz ist gelungen. Meistens hält er sich zurück und liefert dann mit dem von Adam Driver gesungenen Song „Being Alive“ aus dem Musical „Company“ einen emotionalen Höhepunkt, der den Zuschauer den gesamten Schmerz spürbar werden lässt. Im Gesamten ist Noah Baumbach ein starker Film gelungen, der nicht wirklich leicht zu ertragen ist, aber gleichzeitig so ehrlich und cineastisch mit dem Thema umgeht, dass man sich gern in die Situation der ProtagonistInnen hineinversetzt und das gesamte überwiegende Trauerspiel mit viel Gefühl bis zum Ende durchsteht.    

Scarlett Johansson, Azhy Robertson und Adam Driver

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Marriage Story“ schildert mit emotionaler Wucht das Ende einer Ehe und dem danach einhergehenden Sorgerechtsstreit. Ausgehend von seiner eigenen Scheidung schuf Noah Baumbach einen packenden Film, der dank der großartigen DarstellerInnen und der souveränen Inszenierung die Zuschauer mitfiebern lässt und das bis zur letzten Minute.

Bewertung: 7,5/10

Kinostart: 21.11.2019 / DVD-Start: unbekannt

Trailer zum Film „Marriage Story“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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