„Jojo Rabbit“ (2019)

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Filmkritik: Die Komödie „Jojo Rabbit“ des neuseeländischen Regisseurs Taika Waititi, der uns den wunderbaren dritten Teil von Thor („Thor: Tag der Entscheidung“ (2017)) geschenkt hat und vor allem mit der Komödie „5 Zimmer Küche Sarg“ begeistern konnte, wirft die Frage auf, ob man sich über Hitler lustig machen sollte, aber vor allem liefert der Film bombastische Unterhaltung, welche nicht vor massiven Übertreibungen zurückschreckt, aber im Kern herzensgut ist.

Der kleine Jojo Rabbit (Roman Griffin Davis) hat einen Traum – er möchte der beste Nazi werden. Angefeuert wird er dabei von seinem imaginären Freund Adolf Hitler (Taika Waititi), der das große Vorbilder für den Zehnjährigen ist. Während er ins Camp der Hitlerjugend geht und lernt mit Granaten umzugehen, gehört seine Mutter (Scarlett Johansson) dem Widerstand an und versteckt die junge Elsa (Thomasin McKenzie) in ihrem Haus. Als Jojo diese entdeckt, beschließt er sie zu studieren, um so endlich Anerkennung zu erlangen, in dem er das Wesen der Juden ergründet hat.

Taika Waititi und Roman Griffin Davis

Basierend auf dem Roman „Caging Skies“ (2008) der neuseeländisch-belgischen Schriftstellerin Christine Leunens schuf Taika Waititi (*1975) seinen mittlerweilen sechsten Spielfilm. Der Regisseur, der große Freude an Übertreibungen, bunten Inszenierungen und viel Humor hat, kombinierte eine Komödie über Hitler mit der Coming-of-Age-Geschichte eines naiven Jungen. Als historisch ernsthaft oder korrekt sollte man den Film auf keinen Fall nehmen. Das dritte Reich und alle Schergen sind so überzeichnet, dass man die Farce nicht für voll nehmen darf. Nur in manchen Szenen schimmert der Schrecken der wahren Ereignisse durch. So bleibt dem Zuschauer hin und wieder das Lachen im Hals stecken und das ist auch gut so. Denn eine gute Farce sollte schlussendlich auch etwas Moral beinhalten. Mit einer Komödie über Hitler reiht sich Waititi in eine lange Tradition von großen Regisseuren wie Charles Chaplin („Der große Diktator“ (1940)) und Ernst Lubitsch („Sein oder nicht sein“ (1942)) ein. Doch Waititi geht eine Spur weiter. Die ganze Szenerie und alle Nebenfiguren sind derart überzeichnet, dass man schnell die echten Menschen, vor allem das jüdische Mädchen und die Widerstandsmutter als Vernunftwesen erkennt. Auch schafft es der Regisseur den kleinen Jojo trotz seiner Nazi-Liebe nicht zu verteufeln, sondern ihn nur als einen kleinen Jungen darzustellen, der noch nicht weiß was rechtens ist. Nie war die Manipulierung deutlicher als an dem kleinen Jojo zu sehen. Hier liegen auch die Stärken des Films – das Menschliche blitzt in diesem Irrsinn immer wieder durch. Echte Freundschaft, Trauer, Angst und unerwartete Solidarität zeigen, worum es eigentlich geht. Dass nebenbei das deutsche Reich versinkt, liefert vor allem Lacher, aber gleichzeitig schreckt Waititi auch nicht vor finalen Konsequenzen zurück, so dass man es auf keine Fall als leichte Komödie abtun kann. Diese Mischung funktioniert sehr gut und so verwundert es nicht, dass es dieser außergewöhnliche Film zu sechs Oscarnominierungen gebracht hat. Von denen konnte Waititi den Preis für ‚Das Beste adaptierte Drehbuch‘ gewinnen und das völlig zu Recht.

Sam Rockwell, Scarlett Johansson, Roman Griffin Davis und Rebel Wilson

Neben der originellen Geschichte besticht auch die Inszenierung. Der Regisseur Waititi und sein Team schufen ein Fantasie-Deutschland, entstanden in und um Prag. Dabei wird eine malerische Idylle – tiefe Wälder, lauschige Plätze und gemütliche Häuser – heraufbeschworen, die im starken Gegensatz zu den Gräueltaten steht. In dieser agieren die Schauspieler, welche die böse Seite repräsentieren, darunter Größen wie Sam Rockwell („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017)), Rebel Wilson („Pitch Perfect 3“ (2017)) und Stephen Merchant („The Office“ (2005-2013)), überzogen, sie persiflieren, übertreiben aber sie schaffen es auch einem zum Teil den Schauer über den Rücken zu treiben oder das Menschliche hinter der Fassade zu offenbaren. Dazu im Gegensatz stehen die guten Charaktere – vor allem verkörpert von Scarlett Johansson, welche dafür mit einer Oscarnominierung als ‚Beste Nebendarstellerin‘ bedacht wurde, und Thomasin McKenzie. Diese spielen natürlich und treten so dem Wahnsinn entgegen. In der Mitte stehen der kleine Jojo, hervorragend gespielt von Roman Griffin Davis, und sein imaginärer Freund, vom Regisseur selbst verkörpert. Während Jojo immer mehr aufwacht und ein moralisches Gewissen entwickelt, driftet die Hitler-Fantasie immer weiter ab. Entwickelt sich von lustig zu grausam. In dieser Figur steckt vermutlich auch das meiste Kritikpotential, doch gleichzeitig fühlt es sich wie eine Befreiung von einem monströsen Schatten an, über den man eigentlich nicht lachen darf. Kein Wunder also, dass der Film so gut aufgenommen wird, vor allem von vielen fleißigen Kinogängern, und das es diese ungewöhnliche Komödie bis zu den Oscars mit insgesamt sechs Nominierungen darunter auch für den ‚Besten Film‘ geschafft hat. 

Sam Rockwell, Taika Waititi und Roman Griffin Davis

Fazit: Die Komödie „Jojo Rabbit“ aus der Hand des Regisseurs und Drehbuchschreiber Taika Waititi, basierend auf einem Roman von Christine Leunens, erlaubt sich Tabus zu brechen, herrlich zu überziehen, aber gleichzeitig den Wahn- und Irrsinn nicht zu verschleiern. Zudem nimmt er sich die Freiheit heraus, sich zwar über Hitler selbst lustig zu machen, und das ist wohltuend erfrischend, jedoch trotzdem nicht die Untaten zu verharmlosen. Wunderbar inszeniert, großartig besetzt und äußerst amüsant war es einer der witzigsten Kandidaten für den diesjährigen Oscar für den ‚Besten Film‘, auch wenn dieser Preis verdientermaßen an „Parasite“ von Joon-ho Bong ging.

Bewertung: 9/10

Kinostart: 23. Januar 2020 / DVD-Start: 4. Juni 2020

Trailer zum Film „Jojo Rabbit“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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