Sieben Fragen an Alessia Mandanici

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Alessia Mandanici konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Schwarzmoll“ erfahren, der im Programm der 58. Internationalen Hofer Filmtage 2024 und jetzt auf dem 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 in Saarbrücken lief, wie die Geschichte von ihrer eigenen Großmutter inspiriert wurde, ob sich der Film speziell an ein junges Publikum richtet und wie sie Rheinhessen ein kleines Denkmal in dem Film setzt. 

Wie ist die Idee zu „Schwarzmoll“ entstanden?

Vor einigen Jahren entwickelte meine Großmutter, eine robuste und erstaunlich dickköpfige 82-jährige Sizilianerin, aus heiterem Himmel Halluzinationen, die medizinisch ungeklärt blieben. Ihre komplette Verweigerung, sich der neuen Situation anzupassen, trieb meinen Vater und meine Tante, beide zu diesem Zeitpunkt selbständig und Vollzeit berufstätig, in den Wahnsinn. Meine Perspektive als Enkelin hinterließ den Wunsch, eine Geschichte zu erzählen, die mit ihrer Realität sympathisiert.

Finja Leonie Meyer

Die konkrete Idee für „Schwarzmoll“ kam, als meine Großmutter bei einem meiner Besuche überzeugt war, ein schwarzes Tier unter ihrem Rollator gesehen zu haben und mich bat, auf die Jagd zu gehen. Oft wusste ich in diesen Situationen nicht, wie ich reagieren sollte, ohne damit ihre Realität zu entkräften oder gar zu karikieren. Als Antwort darauf entwickelte ich Karla, die siebenjährige Protagonistin dieser Geschichte. Karlas arglose Offenheit gegenüber dem Unlogischen sowie ihre Bereitschaft, genau dafür kreative Lösungen zu finden, machen sie für mich zu einem faszinierenden und inspirierenden Charakter, den ich rückblickend für meine eigene Großmutter gerne häufiger gewesen wäre.

Dein Film eignet sich sehr gut jungen Zuschauer:innen schwierige familiäre Themen näher zu bringen. Hattest Du vor allem diese Zielgruppe im Sinn?

Finja Leonie Meyer

Tatsächlich versuche ich beim Schreiben zunächst wenig bis gar nicht an eine Zielgruppe zu denken. Meines Erachtens ist dabei das Risiko zu hoch, den roten Faden des/der Protagonist*in gegen die Erwartung des Publikums einzutauschen. Nach jeder Drehbuchfassung laufe ich die Handlung mental Hand in Hand mit meinem/meiner Protagonist*in ab, um zu überprüfen, ob ich auch wirklich beat für beat seine/ihre Geschichte erzähle. Es freut mich sehr zu hören, dass du den Film als geeignet für junge Zuschauer*innen empfindest, da es sich bei der Protagonistin ja um ein siebenjähriges Mädchen handelt, in deren Welt(bild) ich das Publikum eintauchen möchte. Wenn sich Kinder dabei gesehen und angesprochen fühlen, ist das für mich als Autorin/Regisseurin und die Hauptdarstellerin Finja ein großes Kompliment.

Mein Ziel ist es dennoch, allen Figuren emphatisch und urteilsfrei zu begegnen, sei es Karla, ihre Mutter Astrid, oder Oma Bellstedt. Ich hoffe, dass sich in dieser Dreigenerationen-Konstellation ein großes Spektrum an Altersgruppen gesehen, gehört und angesprochen fühlt. Der Ort und die Räume der Großmutter-Wohnung sind alle sehr malerisch.

Wo habt ihr gedreht und was lag Dir visuell am Herzen?

Schwarzmoll“ haben wir in mehreren Ortschaften meiner rheinhessischen Heimat gedreht. Ich verbinde mit Rheinhessen kleine Weindörfer mit Gütern, Feldern, Landwirtschaft, Traktoren, Fachwerk und Sandstein. In den Außenaufnahmen haben wir versucht, ein uriges Dorfleben abzubilden, das mir persönlich ein Gefühl von Nostalgie und Geborgenheit verleiht. Tatsächlich wundert es mich, dass Rheinhessen als Drehort in der Filmlandschaft wenig Repräsentation findet.

Ich lebte zum Zeitpunkt der Vor-Produktion bereits seit fünf Jahren in New York City, so ziemlich den kompletten Gegenteil von Rheinhessen, und war überzeugt, dass ein kleines, unbekanntes Weindorf einem bekannten Großstadtbild visuell Paroli und dem Publikum eine neue Erfahrung bieten kann. Dank der großzügigen Unterstützung der Medienförderung Rheinland-Pfalz war es uns möglich, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Die Entdeckung der Großmutter-Wohnung war eine anekdotische, himmlische Fügung: Ich war mit meinen Team auf Location-Suche, als wir plötzlich an einem wunderhübschen Fachwerk-Haus vorbei fuhren, in dem eine Lampe aus buntem Tiffany-Glas brannte und von außen mit Weinreben eingewachsen war. Wir klingelten kurzerhand und wurden von einem reizenden Ehepaar mit Neugier und Interesse empfangen. Das Haus entpuppte sich als perfekte Location für die Großmutter-Wohnung. Im Gespräch erfuhren wir, dass die Tochter der

Eigentümer als Kostümbildnerin tätig ist und die Unterstützung der Filmkunst in diesem Haushalt eine Ehrensache war. Ein größeres Glück hätten wir kaum haben können!

In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum ist Dein Film entstanden?

Finja Leonie Meyer und Evi Kehrstephan

Die erste Drehbuchfassung entstand im Winter 2021 in einem einwöchigen, internetfreien Aufenthalt auf einer Hütte in den Alpen. Eigentlich hatte ich vor, an meinem Langfilm-Projekt zu arbeiten, entwickelte dann aber unerwarteter weise „Schwarzmoll“. Da das Buch nicht Teil meines Studien-Curriculums war, blieb es jedoch über ein Jahr unangetastet in der Schublade liegen, bis ich 2022 meine Produzent*innen Paula Klossner und Stephan Buske von Tidewater Pictures kennenlernte. Unser Plan war zunächst, gemeinsam einen Langspielfilm zu verwirklichen. Da die Finanzierung für einen Debüt-Langfilm jedoch gerne mal mehrere Jahre dauern kann, zeigte ich den beiden das Drehbuch zu „Schwarzmoll“, was zum Startschuss unserer Zusammenarbeit führte. Wir erhielten Ende 2022 Filmförderung aus Rheinland-Pfalz und konnten das restliche Budget mit Hilfe unseres Executive Producers Nathan Hasz von Gigantic Studios in New York sowie einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne in den USA aufbringen. Der Dreh fand direkt im Anschluss im Januar 2023 statt.

Zurück in New York begab ich mich direkt in den Schnitt, musste jedoch im Frühling eine kurze Auszeit nehmen, um mich meinem parallel laufenden Master-Abschluss an der NYU zu widmen. Picture Lock und Farbkorrektur stellten wir Ende 2023 fertig. Im März 2024 setzten wir mit der Filmmusik und dem Sounddesign/Mix das letzte fehlende Puzzleteil ein.

Wie hast Du Deine Darsteller:innen gefunden – was war Dir wichtig bei der Besetzung der Rollen?

Ursprünglich hatte ich vor, vor allem für die Besetzung von Karla, der siebenjährigen Protagonistin, mit einer Casterin zusammenzuarbeiten. Aus finanziellen Gründen war dies allerdings nicht möglich, sodass ich mich selbst auf die Suche begab und mit allen mir bekannten, führenden Kinder- und Jugend-Casting-Agenturen in Kontakt trat. Paula, Stephan und ich gingen anschließend auf eine kleine Deutschland-Tour, um meine Favoritinnen aus dem E-Casting in einem Live-Casting kennenzulernen. Finja stand von Anfang an sehr weit oben auf meiner Liste und überzeugte mich spielerisch und menschlich sofort. Karla zu finden, war für mich der Schlüssel zu allem anderen. Es war mir sehr wichtig, die Familie sowohl synergetisch, als auch visuell glaubhaft zu besetzen. Wenn sich die (drei) Generationen gemeinsam in einem Raum befinden, dürfen keine Zweifel entstehen, dass sie zueinander gehören.

Evi (in der Rolle der Mutter Astrid), sowie Elisabeth (in der Rolle der Oma), habe ich durch eine ebenfalls akribische Online-Suche gefunden, kontaktiert, und mittels E-Castings und/oder Zooms kennengelernt; ich habe dann meinem Gespür, sowie meiner Vorbereitung und Regieführung vertraut. Rückblickend bin ich sehr dankbar dafür, dass ich den Casting-Prozess selbst in die Hand nehmen musste, da ich viele tolle Menschen treffen und spannende Erkenntnisse für mich und meine Regiearbeit machen konnte.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Finja Leonie Meyer und Elisabeth Rath

Meine Leidenschaft zum Film habe ich über Umwege entdeckt. Ursprünglich hatte ich nach dem Abitur vor, Jazz-Saxophon zu studieren, wurde jedoch nicht dort angenommen, wo ich hin wollte. Nach einer „Um-Orientierungsphase“ bewarb ich mich mit einer Mappe auf Kommunikationsdesign und wurde an meiner Wahl-Hochschule angenommen. Film entdeckte ich bei der freien Projektwahl im Hauptstudium. Gemeinsam mit einem Kommilitonen machte ich meinen ersten Kurzfilm mit dem Titel „Spieglein, Spieglein“. Wir gewannen auf einem lokalen Festival einen Publikumspreis und liefen anschließend auf der Berlinale – ein sehr unerwarteter Erfolg, der eine ebenso unerwartete neue Leidenschaft weckte. 

Das für mich so Erfüllende am Filmemachen war und ist, dass ich meine musikalische mit der visuellen Leidenschaft in einem Medium verbinden kann. Nach meinem Bachelor-Abschluss beschloss ich, Filmemachen erst einmal freiberuflich für mich zu ‚testen‘. Ich zog nach Berlin und brachte mir mit jedem Projekt neue Fähigkeiten in allen Bereichen der Filmproduktion bei. Als nach fünf Jahren für mich klar war, dass ich mir alles beigebracht hatte, zudem ich im Alleingang im Stande war, hatte ich den starken Wunsch nach einer Institution, die mir Input und künstlerische Entfaltung bietet.

2018 startete ich mein Masterstudium an der NYU Tisch School und schloss 2023 mit einem Master of Fine Arts ab. Ich bin vermutlich eine der wenigen Personen, die mit Dankbarkeit auf Covid zurückblicken, da sich mein Studium und meine Zeit in New York damit unerwartet verlängert hat. Dadurch bekam ich mehr Zeit, meine Filmkunst und mich besser zu verstehen, zu experimentieren, umzudenken und noch mehr inspirierende Menschen kennenzulernen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Finja Leonie Meyer

Mit Tidewater Pictures plane ich noch immer meinen Debüt-Langfilm. Er trägt den Arbeitstitel „Wiegenlied“ und ist eine Kreuzung aus Medical Mystery und Psychologischem Thriller. „Wiegenlied“ erzählt die Geschichte einer Neurologin, die bei der Diagnosestellung einer sechsjährigen Patientin hilft und dabei in ihre eigene Kindheit und dunkle Erinnerungen katapultiert wird. Wir haben kürzlich Förderung von der Medienförderung Rheinland-Pfalz für die Stoffentwicklung erhalten und ich kann es kaum erwarten, 2025 für dieses Projekt noch tiefer in meine medizinische Recherche einzutauchen und in die Tasten zu hauen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Schwarzmoll

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