Sechs Fragen an Sina Guntermann

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der deutschen Filmemacherin Sina Guntermann konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Fish and Cheese“ erfahren, der im Programm der 58. Hofer Filmtage 2024 lief, wie sie die Geschichte aus einer eigenen Kurzgeschichte formte, wie wichtig es war, die perfekt passende Stimme für das Voice-Over zu finden und warum sie sich dafür entschieden hat, auf 16mm zu drehen.

Kannst Du Dir mehr zur Entstehung des Films erzählen? Und wie viel Wahres in Deinem Film steckt?

Der Film ist eine transformierte und abstrahierte Version meiner Erfahrungen. Erfahrungen, die ich versucht habe, in einer Kurzgeschichte festzuhalten und dann visuell nachzubilden. In einer Abfolge von Erinnerungen oder auch Gefühlen begleitet die Erzählerin den gesamten Film aus dem Off. Diese Erlebnisse stammen so aus meiner Vergangenheit, dass ich in gewisser Weise ein Teil der Erzählerin und auch der Hauptfigur Vittoria bin – ich habe beide Seiten dieser Freundschaft erlebt. Der Film ist also sehr wirklichkeitsnah, vor allem was die Emotionen betrifft. 

Du hast auf 16mm gedreht – warum hast Du Dich dafür entschieden?

Der analoge Film ist unabhängig von Zeit und Ort. Ich bin verliebt in die Möglichkeit, unkonkret und doch präzise erzählen und inszenieren zu können. Durch die inhärente Nostalgie hat die Geschichte ihre eigene, nicht künstlich erzeugte Dramatik. Auf Film zu drehen bedeutet, jede Sequenz genau zu planen (Film ist leider teuer), alles als Choreographie zu sehen und genau zu wissen, was man am Ende in jedem Bild, in jeder Komposition und im Schauspiel sehen will und wird. Ich arbeite sehr gerne konzeptionell und sehr nah an den Visionen in meinem Kopf.

Außerdem, so sagt meine Kamerafrau Lisa Bülow, ist analoger Film immer auch ein physischer Beweis dafür, dass der Film existiert, dass man etwas festgehalten hat, das man selbst in den Händen halten kann.

Was lag Dir darüber hinaus visuell am Herzen?

Viele Dinge lagen mir visuell besonders am Herzen. Hier ist eine Auflistung der 3 wichtigsten:

  1. Die Bilder sollten keine 1:1-Übersetzung des Textes sein, sondern der Film sollte die Geschichte mit seinen eigenen Bildern erzählen.
  2. Immerzu huscht etwas durchs Bild, verunklärt es, wir kommen dem Dahinter näher, aber es bleibt immer „dahinter“ – eine Distanz, die sich einerseits aus dem Fakt des Erinnerns ergibt, andererseits aus der Schwierigkeit, die eigenen Gefühle einzuordnen.
  3. Die Animation (von Julia Jesionek) sollte visuell eine weitere Ebene eröffnen – einen Traum, der das individuelle Unterbewusstsein aufwühlt.

Wie und nach welchen Kriterien hast Du Deine Schauspieler:innen ausgewählt?

Ich habe versucht, die natürliche Dramatik der Geschichte mithilfe der Gesichter der Darsteller*innen in ein Narrativ zu bringen. Nele Hauke, die Vittoria spielt, erzählt zum Beispiel durch die Melancholie in ihren Augen von einem Schmerz – man fühlt sich geradezu verpflichtet, sie zu bewundern. Ein anderes Beispiel ist die Stimme der Erzählerin, gesprochen von Jule Baack. Nach ihrer Stimme habe ich besonders lange gesucht, weil sie so viel Gewicht hat, die Stimmung des ganzen Films zu färben. Es war mir wichtig, dass sie sowohl individuell und eigen als auch frei von konkreten Assoziationen ist.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Das Erzählen von Geschichten war schon immer eine große Freude in meinem Leben. Als ich an der Uni Köln überlegt habe, wie ich aus dem Lehramtsstudium rauskomme, bin ich bei einer Lesung auf den Künstler Peter Piller gestoßen. Sein Ansatz, Kunst aus dem Alltäglichen zu machen, die selbstironisch, humorvoll und nüchtern sein kann, hat mich beeindruckt. Also wollte ich auch Geschichten erzählende Kunst machen und meinen eigenen Weg finden, das Gefühl, das Peter Piller mir mit seiner Kunst gegeben hat, auf meine Art zu reproduzieren. Diese Erkenntnis war mein Ticket raus aus dem Lehramt. Ich habe mich sofort an der Kunsthochschule für Medien in Köln beworben und bin über das Geschichtenerzählen im Experimentalfilm, in der Fotografie, in der Performance, im klassischen Film, in der klassischen Literatur und dann in der Schnittmenge von allem und wieder dazwischen gelandet. Da ich jedes geschriebene Wort ganz konkret in meinem Kopf sehe, fühlt sich der Schritt zum Film für mich immer wie eine natürliche Konsequenz an.

Sind bereits neue Projekte geplant?

2024 habe ich mein Diplom mit einem Roman an der KHM abgeschlossen und arbeite nun an der Umsetzung des Romans in ein Drehbuch (Film – Literatur – Literatur – Film -…) Das Filmprojekt trägt den Titel „Set Fire“ und erzählt die Geschichte des jungen Is, der am Rande der Wüste auf der Dachterrasse eines Filmstudios lebt. Begleitet wird er von seinem Onkel Hares, den Geistern und Erinnerungen seiner verstorbenen Großeltern und der Filmfigur Kleopatra, die ihn durchs Leben tragen. Doch auch sie werden nicht verhindern können, dass die Gesellschaft ihn für sein Anderssein bestraft. In Gestalt des angehenden Soldaten Seth bricht ein Unheil über Is herein, an dem er zerbricht. In der Wüste sucht er das Ende – das rote Tor. 

Der Film spielt in der weiten Landschaft der Wüste, des Atlasgebirges, eines blauen Marine-Streifens und vor allem in der Gedankenwelt eines neurodivergenten jungen Menschen, der kaum spricht und doch so viel zu erzählen hat.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Fish and Cheese

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