Sieben Fragen an Alexandra Lermer

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der deutschen Filmemacherin Alexandra Lermer konnten wir mehr über ihren Abschlusskurzfilm „Freak of Nature“ erfahren, der im Programm der 58. Hofer Filmtage 2024 lief, warum sie so gerne mit Stop-Motion arbeitet und warum ihr Film sehr leise und hoffnungsvoll ist. 

Wie ist die Idee zu Deinem Abschlussfilm entstanden?

Ich bin mir gar nicht mehr sicher, wie genau die Idee entstanden ist. Das Thema Angst hat schon ganz lange in meinem Leben eine Rolle gespielt, weil ich selbst über einige Jahre hinweg Panikattacken erlebt habe. Die Entwicklung aus der Angst hin zu einem selbstbewussten Leben ist etwas, was mich nicht nur bei mir selber, sondern auch immer bei anderen Menschen sehr rührt und ich habe den Studienabschluss als guten Anlass empfunden, einen Film über diesen Prozess zu machen. Das Ganze so zu abstrahieren, dass es um ein Monster und ein Bäumchen in einem Zirkuskäfig geht, hat vor allem den einfachen Grund, dass ich gerne ein Fantasiegeschöpf entwerfen wollte, weil man damit viel mehr spielen kann.

Warum hast Du Dich für Stop-Motion entschieden?

Stop-Motion liebe ich am allermeisten. Ich empfinde das als die spielerischste und magischste Filmtechnik und mir gefällt daran, dass es wirklich alle Bereiche abdeckt, die mir Spaß machen und ich mich nicht nur für eine Sache entscheiden muss. Ich wollte unbedingt einen Stop-Motion-Film als Abschlussarbeit machen, um nochmal möglichst viele verschiedene kreative Prozesse und Tätigkeiten in einem Projekt zu vereinen. Und weil das so viele Bereiche sind und ich gar nicht alles davon kann, wie zum Beispiel Musik oder Sound Design, braucht man auch oft andere Menschen, die mitmachen und auch diese Zusammenarbeit finde ich so schön.

Wie lange hat die Umsetzung des Achtminüters gedauert? Hast Du alleine animiert?

Den Film umzusetzen hat ungefähr vier Jahre gedauert. Dazwischen waren allerdings einige Hürden und daher auch viele Pausen und häufiges Umorganisieren, was die Umsetzung leider wirklich sehr schwierig gemacht hat. Mich freut es sehr, dass man das dem fertigen Film anscheinend nicht anmerkt, obwohl es mir selbst sehr bewusst ist und ich die Kompromisse und Notlösungen darin natürlich ganz genau sehe. Die Animation alleine hat ,ohne Unterbrechungen gerechnet, wahrscheinlich nur ungefähr sieben Monate gedauert, was für einen Stop-Motion-Film relativ normal ist und animiert habe ich zusammen mit Elisabeth Stein, die auch an der Ideenfindung beteiligt war.

Was lag Dir visuell am Herzen? Welche Werke haben Dich beeinflusst?

Bezüglich des Designs habe ich nicht nur darauf geachtet, dass es stimmig ist, sondern auch, dass es sich für einen Stop-Motion-Film umsetzen lässt. Besonders beim Monster musste ich dann daran denken, wie es sich später bewegen könnte. Ich habe vorher noch nie eine Puppe gebaut und deswegen gibt es da natürlich auch Grenzen und Einschränkungen, die dann aber auch positiv zum Design beitragen können, wie zum Beispiel die Gefühle über die Ohren zu erzählen, statt Mund oder Augenbrauen. Außerdem war da noch wichtig, dass das Wesen zwar fremdartig, aber trotzdem wie etwas wirkt, das aus der Natur kommt und zwischen Bäumen und Pflanzen Zuhause ist. Generell sind mir immer Farben und Formen und Texturen sehr wichtig, also habe ich versucht, dass es gemalt und handgemacht aussieht. 

Werke, die mich speziell in Bezug auf dieses Projekt beeinflusst haben, waren zum Beispiel „The Elephant Man“ von David Lynch oder „MirrorMask“ von Dave McKean. Ansonsten sind Tove Jansson und Shaun Tan zwei weitere Künstler:innen, die mich stark geprägt haben.

Was war Dir auf der tonalen Ebene wichtig?

Die Idee zum Film ist in einer Zeit entstanden, in der ich es sehr belastend fand, wie laut und aggressiv die Welt oft sein kann. Ich wollte nichts dazu beitragen und deswegen hatte ich den Wunsch, etwas zu machen, das sehr sanft und so harmlos wie möglich ist. Mir war außerdem wichtig, alles sehr schlicht zu halten und die Entwicklung, die das Wesen erlebt, auf eine positive und hoffnungsvolle Art zu erzählen, ohne kitschig zu sein.

Kannst du mir mehr zu Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe mich schon immer nicht nur für Filme, sondern insbesondere für den Prozess des Filmemachens begeistert und ganz besonders Stop-Motion, aber komischerweise habe ich überhaupt nicht verstanden, was das für ein Beruf ist und auch irgendwie nie die Verbindung oder die Möglichkeit für ein Filmstudium gesehen. Ich habe das irgendwann aus den Augen verloren und nicht als realistische Option wahrgenommen. Nach der Schule wollte ich dann Illustration studieren und habe mich an der TH Nürnberg beworben. Dort habe ich dann im ersten Semester das Filmstudio gesehen, wo gerade noch ein Stop-Motion-Set von einer Abschlussarbeit aufgebaut war und habe gemerkt, dass das dort nicht nur möglich war, sondern auch noch sehr geschätzt wurde und dann habe ich den Fokus meines Studiums natürlich darauf gelegt. Ich habe also ganz ohne bewusst danach zu suchen, genau dorthin gefunden, wo ich das machen konnte, was ich immer wollte und wurde darin unterstützt und da bin ich sehr glücklich darüber und bedanke mich sehr bei meinem Professor Jürgen Schopper.

Sind schon neue Projekte geplant?

Ich hatte jetzt sehr viel Glück und bin in die Animationsbranche reingerutscht, wo ich momentan eher an Projekten von anderen mitarbeite, vor allem als Concept Artist oder Storyboard Artist. Ich habe allerdings eine Idee für einen neuen Kurzfilm und auch Lust, später nochmal ein eigenes Projekt umzusetzen und ich möchte ab jetzt auch gerne zusätzlich mehr im Bereich Buchillustration machen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Freak of Nature

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