Sechs Fragen an Benita Martins, Runa Schymanski und Hannah Rang

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den drei Filmemacher:innen Benita Martins, Runa Schymanski und Hannah Rang konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Blutsschwestern“ erfahren, der seine Deutsche Premiere auf dem 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 feierte, wie sie selbst die meisten Rollen hinter und vor der Kamera übernommen haben und warum es sich für sie genau richtig anfühlt, Fiktion mit dokumentarischen Aufnahmen zu vermischen. 

Euer Film ist ein Spielfilm, der sehr dokumentarisch arbeitet. Wie ist die Idee zu „Blutsschwestern“ entstanden?

Inspiriert hat uns der Film „Vera“ von Tizia Covi und Rainer Frimmel. Da werden die Ebenen von Dokumentar- und Spielfilm auch miteinander vermischt, und wir hatten Lust, das selbst auszuprobieren. Das Zusammenspiel von Realität und Fiktion hat uns fasziniert. Was ist echt, was nicht? Mit dieser Irritation und der Verschmelzung der beiden Ebenen wollten wir spielen. Für unseren Film hat sich das Drehen in der echten Welt als großes Geschenk erwiesen. So konnten wir intuitiv arbeiten und uns von der Umgebung inspirieren und verändern lassen. Die Menschen und das Umfeld, denen wir auf unserer Reise begegnet sind, haben unseren Film stark geprägt.

War gleich klar, dass ihr gefühlt alle Rollen vor und hinter der Kamera selbst übernehmt? Gab es eine Art Aufgabenteilung? 

Es war schnell klar, dass wir nur zu dritt drehen werden, um einen möglichst intimen und persönlichen Rahmen für die Erzählung zu schaffen. Unser Gedanke war, dass es eben genau das für die Erzählung des Films braucht. Außerdem sind wir ein sehr eingespieltes Team und arbeiten schon lange zusammen. Wir wissen, dass wir aufeinander zählen können und dass wir zu dritt prima funktionieren. Von Beginn an stand fest, dass wir im Film drei Tage erzählen möchten. Von einem auf den anderen Tag wechselt die Kameraperspektive, und eine der Freundinnen verschwindet hinter der Kamera, während die andere vor der Kamera auftaucht. So wird die Kamera und damit auch die zuschauende Person zur Wegbegleiterin und Teil der Freundinnengruppe. Die Weitergabe der Kamera hatte auch den Vorteil, dass wir on Set immer eine Person hatten, die die Hauptregieverantwortung für den entsprechenden Abschnitt übernommen hat, nämlich die Person, die auch die Kamera in der Hand hatte. Die Vorbereitung des Drehs haben wir größtenteils gemeinsam gemacht, trotzdem haben sich hier je nach Kapazitäten und Möglichkeiten Aufgabenteilungen ergeben: So hat beispielsweise Benita das Drehbuchskript entworfen, Hannah das Menstruationsritual verfasst und Runa das Drehequipment organisiert. Aber wir haben uns alle ständig abgesprochen, einander über die Schulter geschaut und eigene Vorschläge eingebracht.

Das Authentische ist ein wichtiger Bestandteil des Films. Doch der Kern ist fiktiv. Die Grenzen verschwimmen dabei sehr stark. Wie wichtig war es euch, sich in so einem Zwischenraum zu bewegen?

Wie schon oben erwähnt, war es genau dieser Zwischenraum zwischen Fiktion und Realität, der uns interessiert hat und dessen Grenzen wir austesten wollten. Um authentisch zu bleiben, haben wir uns dazu entschieden, bei unseren echten Namen zu bleiben, auch um ganz frei improvisieren zu können und am Ende auch Szenen rein nehmen zu können, bei denen wir auch mal ganz privat gefilmt worden sind. Wir hatten insgesamt über 15 Stunden Material, da waren wir mal in unseren Rollen unterwegs und mal ganz privat. Im fertigen Film ist kaum noch zu erkennen, was wir sind und was die Rolle ist, und genau das fanden wir spannend. Trotzdem haben wir uns vor dem Dreh oft getroffen und gemeinsam Improvisationen gemacht. Jede hat hierfür eigene Ideen für die Rolle mitgebracht, und dann haben wir diese Rollen im Café aufeinandertreffen lassen und unsere Figuren kennengelernt. Dabei haben wir Facetten unserer Rollen entdeckt, und diese sind dann immer mehr mit unserem privaten Ich verschmolzen. Das Ergebnis sind dann Benita, Hannah und Runa aus dem Film, die anders sind als wir privat und trotzdem Anteile von uns haben.

Wo und wie lange habt ihr gedreht?

Losgefahren sind wir mit dem Cabrio am Tegernsee Richtung österreichisch-italienische Grenze. Wir haben chronologisch gedreht. Die erste Szene war also die Autoszene, bei der wir „Bolognese“ von Buntspecht in die Nacht hinein singen. Gleich als Erstes die Nachtszene auf der Autobahn ohne zusätzliches Licht zu drehen, war wirklich eine Herausforderung! Wir haben dann immer die beleuchteten Tunnel abgewartet, und sobald wir reingefahren sind, die Kamera eingeschaltet, losgesungen und gehofft, dass dabei etwas herauskommt, das wir verwenden können. Insgesamt haben wir eine Woche gedreht und sind in der Woche über Venedig nach Rimini gefahren. Unsere heilige Maria Albrici haben wir in einem kleinen Dorf im Inneren des Landes, nicht weit von Rimini, vorher mit Hilfe von Google Maps gescoutet. Und auch die Bucht, bei der Theresa Albrici vor einigen Jahrhunderten ins Meer menstruiert haben soll, lag nicht weit von Rimini an der italienischen Adriaküste.

Ich mochte die Kameraarbeit, bei der jeweils eine andere die Kamera führte. Was war euch visuell wichtig?

Ein Anliegen war uns, ein realistisches Bild von Freundinnen auf einem gemeinsamen Roadtrip zu erzählen. Es ging uns darum, uns ungeschönt zu zeigen: schwitzend, ungeschminkt und mitten im Gedränge des von Tourist*innen überfüllten Venedigs. Wir wollten also bewusst weg vom Kitsch des Roadmovie-Genres und haben die Schönheit der Bilder in eher unkonventionellen Motiven gesucht: Eine Szene, die es leider nicht mehr in den Film geschafft hat, ist, wie Benita sich auf der Raststätte an der Autobahn einen Pickel am Rücken ausdrückt. Ein anderes Beispiel ist die Szene, bei der Hannah und Runa in Venedig im Bett aufwachen. Benita hat uns am Vorabend vorgewarnt, dass sie uns am nächsten Morgen mit der Kamera in der Hand wecken wird. So wie wir im Film aufwachen, wachen wir wirklich auf – so sieht Aufwachen realistisch aus und nicht, wie man es meist in Filmen sieht, mit perfektem Make-up und schön gerichteter Frisur. Das hat für uns nichts mit der Realität zu tun, und dem wollten wir etwas entgegensetzen.

Könnt ihr mir noch kurz mehr zu euch erzählen und wie ihr zum Film gekommen seid? Sind neue Projekte – alleine oder gemeinsam – bereits geplant?

Kennengelernt haben wir uns 2017 während unseres Schauspielstudiums in Wien. 2020 haben wir das erste Mal zu dritt gearbeitet und eine Performance zum Thema Feminismus entwickelt. Mit der Performance haben wir zwei Preise an der Uni gewonnen, und spätestens da war klar: Wir wollen weiter zusammenarbeiten. Nach zwei Stückentwicklungen, die wir in Wien zusammen mit der wunderbaren Regisseurin Fritzi Wartenberg realisiert und aufgeführt haben, waren wir 2023 gemeinsam auf der Diagonale und haben uns zahlreiche Filme angeschaut. Wir dachten uns: Hey, warum nicht mal gemeinsam einen Film drehen?

Uns dreien war es schon immer ein großes Anliegen, auch unsere ganz persönliche Sicht auf Dinge zu erzählen und unsere eigenen Geschichten zu zeigen. Auch sind wir als Schauspielerinnen etwas genervt von Castings, in denen es immer wieder um Äußerlichkeiten und Stereotype geht. Dem wollten wir etwas entgegensetzen und haben uns überlegt, was uns bei Anfragen, die wir bekommen, eigentlich fehlt und was wir stattdessen gern erzählen würden. Eine riesige Chance haben wir in dem Thema Freundinnenschaft gesehen, das ja auch der Klebstoff unserer guten Zusammenarbeit ist.

Zum Thema Solidarität unter Frauen* und Konkurrenzdruck wollten wir ursprünglich eine Stückentwicklung machen, doch die Realisierung war aufgrund fehlender Fördergelder und des intensiven Zeitaufwands schwierig. „Blutsschwestern“ war unser erster Versuch, unsere Anliegen und unseren humoristischen Erzählstil in den Film zu übertragen – das Ritual der Blutsschwesternschaft steht, ähnlich wie das der Blutsbrüderschaft, für die Verbundenheit und Solidarität unter Freundinnen, nur dass wir uns dafür nicht extra in den Finger schneiden müssen.

Nach unserem ersten Filmprojekt haben wir große Lust aufs Filmemachen bekommen und planen darum bereits einen neuen Kurzfilm, den wir im Sommer in Schweden drehen möchten. Da stehen wir mit den Vorbereitungen gerade noch am Anfang. Fest steht, dass wir alle wieder Lust haben, die klassischen Trennlinien zwischen den Departements (Kamera, Regie, Drehbuch & Cast) aufzulösen und uns und unserem Erzählstil weiterhin treu zu bleiben.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Blutsschwestern

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