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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur und Drehbuchautor Jannis Alexander Kiefer konnten wir mehr über sein Langfilmdebüt „Another German Tank Story“ erfahren, das seine Premiere in München feierte und danach auf vielen Festivals wie beim 34. Filmfestival Cottbus 2024 und dem 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 zu sehen war. Er erzählt, wie der Kurzfilm „Kollegen“ den Langfilm beeinflusst hat, warum er sich für die dezidiert dörfliche Perspektive entschied und wie er das auch in seiner Bildsprache zum Ausdruck bringt.
Der Film startet am 10. April 2025 in den deutschen Kinos.
Bereits in Deinem Kurzfilm „Kollegen“ hast Du die Idee von einem Filmdreh im ländlichen Deutschland umgesetzt. Ist dabei auch die Idee für Deinen ersten Langfilm entstanden?
Tatsächlich, ja. Bei der Stoffentwicklung zu „Kollegen“ bemerkte ich recht schnell, dass nur ein Bruchteil meiner Ideen dort Platz finden werden. Die konkrete Idee eines Langfilms kam aber erst nach der Fertigstellung des Kurzfilms und mit meinem Master-Studium an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam. Dort kann man sich für ein vom RBB gefördertes Projekt (Leuchtstoff) bewerben und hat so eine Chance einen Langfilm als Abschluss zu realisieren. Befeuert vom Erfolg des Kurzfilms und unserer Zufriedenheit damit, habe ich das Skript zu „Another German Tank Story“ entwickelt. So war der Kurzfilm nie als ‚Calling Card‘ konzeptioniert, aber im Nachhinein hat er geholfen, einige Türen zu öffnen.
Ich finde es wunderbar, dass Du die Geschichte nicht als Culture Clash inszeniert hast, sondern Dich auf die Bewohner:innen des Dorfes konzentriert. Warum hast Du Dich für diese Perspektive entschieden?
Ich bin selbst größtenteils auf dem Bauernhof meiner Familie aufgewachsen und es war von Anfang an klar, dass wir ausschließlich Dorfbewohner:innen in den Fokus rücken und ‚von innen‘ heraus erzählen wollen, so dass die Amerikaner die Fremden sind und wir auf Distanz zu ihnen gehen. Diese Perspektive fehlt mir sehr in der (deutschen) Film- und Serienlandschaft: Provinzgeschichten werden hier selten auf eine angemessene Weise erzählt und wenn doch, dann als Drama. Eine rustikale, aber warmherzige und komödiantische Auseinandersetzung mit einem Dorf-Kosmos wie bei „Braunschlag“ [Anm. d. Red.: österreichische Serie von 2012] fehlt hierzulande leider. Aber mein Film ist ein Beitrag, um das zu ändern!
Wo habt ihr den Film gedreht und über welchen Zeitraum?
Im November 2022 haben wir in fünf Dörfern rund um Berlin circa fünf Wochen lang gedreht. Die Motivsuche war eines der wichtigsten Elemente bei der Produktion, weil wir sehr wenig Geld, aber hohe visuelle Ansprüche hatten. Wir mussten Dörfer finden, die Lust hatten, uns zu unterstützen, denn klar wirbeln wir als Filmteam Staub auf und Geld hatten wir nicht um sie zu überzeugen. Zum Glück gab es auf lokalpolitischer Ebene viele interessierte Menschen, die uns sehr gern geholfen haben. Die Suche hat trotzdem fast ein Jahr gedauert! Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Orte in Brandenburg ich mal mit dem Fahrrad, mal mit dem Auto besucht habe.
Nachdem ihr die Drehorte gefunden hattet, wie viel musste dann noch vom Set-Design angepasst werden?
Natürlich musste einiges angepasst werden, so ist z.B. der Telemann-Brunnen komplett von unserem Szeno-Team gebaut worden. Das Team hat hier sehr großartig gearbeitet, da es auch unglaublich wichtig war, dass es echt aussieht, sonst zerstört es einem sofort die Glaubwürdigkeit des Films. Die meisten Motive haben wir aber versucht, passend vorzufinden. Auch wegen des Geldes: Wir hätten es uns niemals leisten können, alles komplett aufzubauen. Ein paar Dinge entstanden auch in der Postproduktion: Beispielsweise befindet sich die Fabrik nicht direkt hinter der Mauer, sondern ist eigentlich 100 km entfernt.
Mir sind deine statische Kameraarbeit und eine reduzierte Farbpalette aufgefallen. Was lag Dir visuell am Herzen?
Wir wollten unbedingt eine eigene Welt erschaffen, die farblich zeitlos ist und dem November entspricht. So haben wir uns von Laub, der Natur und dem herbstlichen Licht inspirieren lassen. Hinzu kommt auch ein Hauch von analoger Erzählung, die aber nicht aufdringlich ist. Wir haben dafür alte, analoge Linsen genutzt und uns kräftige Farben generell, insbesondere Rot, in den Kostümen, bei den Motiven und in der Szenografie verboten.
Das Statische mag ich sehr gern bei der Kameraarbeit, aber hier verwenden wir es vor allem, um der Ruhe und Langsamkeit des Dorfes visuell zu entsprechen. Die Geschichte zeigt uns, dass es an diesen Orten wenig Bewegung gibt. Die Hektik kommt mit den Amerikanern: Ihre Autos sind schnell, die Dreharbeiten laut, sie reden hektisch und sind stets in Eile. Das steht im Kontrast zu unserem Dorf Wiesenwalde, das ein eigenes Tempo besitzt.
Außerdem haben wir immer gesagt, dass das Dorf mit seinen Legenden und Mythen etwas leicht Märchenhaftes, minimal ‚Surreales‘ haben soll. Dafür war es wichtig, den markanten Stil konsequent vom ersten bis zum letzten Frame durchzuziehen. Dadurch entsteht ein geschlossener Mikrokosmos, nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell.
Dein Cast ist hervorragend – Kannst Du mir bitte mehr zum Casting-Prozess erzählen und nach welchen Kriterien Du die Rollen besetzt hast?
Vielen Dank, das Kompliment gebe ich gerne weiter. Die Frage ist für mich schwer zu beantworten, letztendlich muss beim Casting vieles stimmen – da höre ich auch viel auf mein Bauchgefühl. Man sucht ja vor allem Mitstreiter:innen. Ich möchte mit allen im Cast auf Augenhöhe sprechen können, aber auch gehört werden. Zudem ist es mir wichtig, dass die Schauspielenden ihren Figuren auch etwas hinzufügen, das ich vielleicht selbst noch nicht wusste oder gesehen habe. Da unser Drehbuch recht gut ankam, hatten wir das Glück, dass sich viele tolle Schauspieler:innen dafür begeistern konnten.
Sind schon neue Projekte geplant?
Absolut, ich schreibe an meinem Debüt (AT: „Pölkwitz überleben“), wir haben eine Drehbuchförderung erhalten und wir sind bereits in der dritten Fassung. Gemeinsam mit Tidewater Pictures sind wir gerade mit Partner:innen für den weiteren Fortgang im Austausch.
Außerdem habe ich zwei Serien „anentwickelt“, beide liegen nun bei großen Produktionsfirmen und ich hoffe, dass es hier nun sehr bald weitergeht. Gerade durch den First Steps Award [für „Another German Tank Story“] ist einiges in Bewegung gekommen und ich möchte betont optimistisch sein! Andererseits ist wegen Unklarheiten rund um das Filmförderungsgesetz (FFG), Regierungswechsel usw. auch gerade viel Unsicherheit in der Branche, vor allem beim Umgang mit dem Nachwuchs und „mutigen“ Projekten.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Another German Tank Story“
