„Another German Tank Story“ (2024)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der deutsche Spielfilm „Another German Tank Story“, das bereits auf vielen Festivals wie in Cottbus oder Saarbrücken zu Gast war und nun in den Kinos startet, ist das Langfilm-Debüt des Regisseurs und Drehbuchautors Jannis Alexander Kiefer, der bisher mit seinen Kurzfilmen wie „Comments“ (2018) auf sich aufmerksam machte. 

Das beschauliche Dorf Wiesenwalde liegt in Brandenburg und hier kennt jeder jeden. So leben sie alle ihr eher zurückgezogenes Leben, bis die Bürgermeisterin Susanne (Meike Droste) beschließt, ein amerikanisches Filmteam am Rand des Dorfes ihren NS-Spielfilm drehen zu lassen. So gibt es auf einmal wieder mehr Bewegung im Dorf. Nicht nur ist der Gasthof von Jenny (Gisa Flake) wieder gut besucht, sondern beim Filmdreh werden Statist:innen genauso gesucht wie Hilfsarbeiter:innen. Susannes bisher eher träger Sohn Tobi (Johannes Scheidweiler) übernimmt einen Job als Fahrer, obwohl er keine Erfahrungen damit hat. Wolfi (Alexander Schuster), der Sohn der örtlichen Ladenbesitzer, fühlt sich in seiner Statisten-NS-Uniform auf einmal gesehen und findet Anschluss bei Rosi (Monika Lennartz), der ältesten Bewohnerin des Ortes, die versucht, ein Geheimnis zu verschleiern.

Der deutsche Filmemacher Jannis Alexander Kiefer hat bereits mit seinen Kurzfilmen auf sich aufmerksam gemacht. In seinem letzten Kurzfilm „Kollegen“ (2020) hat er schon einmal von zwei Handwerkern vom Land berichtet, die auf einmal für einen amerikanischen Filmdreh arbeiteten. Mit Humor und auch einem authentischen Blick auf die heutige Gesellschaft erzählt er dort in 14 Minuten von einem Culture-Clash im Kleinen. Dabei konzentriert er sich aber vor auf die beiden Arbeiter:innen. Auch in seinem Langfilmdebüt bleibt er dieser Perspektive treu. Die Zuschauenden bleiben stets bei den Dorfbewohner:innen, erleben, wie diese die Zeit wahrnehmen und wie das ihr Leben durcheinander wirbelt. Das Hollywood-Filmteam erscheint dabei nur als Randfiguren, man sieht diese kaum, es gibt nur wenige Dialoge mit ihnen und auch das Filmset wird nie in Szene gesetzt. Allein, wenn sie in Kontakt mit den Dorfbeweohner:innen kommen, erhält das Filmteam (nur wenig) Screentime. Der Dreh dient vor allem dazu, die Menschen vor Ort, ihr Leben und ihre Sorgen kennenzulernen. So werden hier viele ernste Themen wie die abgehängten Ortschaften des Ostens, sowie schlechte Arbeits- und Zukunftschancen der Menschen und der Jugend vor Ort erzählt. Der Wunsch, mit dem Tourismus, der damit einhergeht, Land- und Ortschaften zu beleben und notwendige Veränderungen einzuführen werden hier ebenso angesprochen, wie auch der schwierige Umgang mit der NS-Vergangenheit, der Verlust eines geliebten Menschen und wie man sich aus unglücklichen Situationen befreien kann. 

Das Episodenhafte der vielen Geschichten wird inszenatorisch sehr gut verbunden. So kreuzen sich die Wege der Protagonist:innen nicht nur erzählerisch, sondern auch immer wieder visuell. Der Film arbeitet dabei mit einem wiedererkennbaren, cineastischen Stil mit festen Kamerapositionen, wiederkehrenden Bildausschnitten und einer herbstlichen Farbpalette. Dabei überwiegen aber die gedämpften Töne, die das Festgefahrene dieses Dorfes aufgreift. Wunderbar ist aber die differenzierte Figurenzeichnung. Es gibt hier keine Abziehbilder, auch wenn der ein oder andere Typus bekannten Sichtweisen entspricht. Kiefer gibt seinen vielen Figuren Raum zu atmen und das wunderbare Ensemble u.a. mit Maike Droste und Gisa Flake schafft es, alle Figuren so zu beleben, dass man ihre Lebensgeschichte spürt: das, was sie durchgemacht haben oder was ihnen im Leben fehlt. Durch das Filmteam setzen bei vielen Einwohnern Entwicklungen und Erkenntnisse ein, die sie mit sich selbst beschäftigen lassen. Durch diese Tiefe bekommt der Film trotz einer leichtfüßigen Bildsprache eine schwere Gewichtung, so dass die maßgebliche Stimmung des Films melancholisch ist. Kiefer ist ein stimmiges Bild eines fiktiven Ortes gelungen, den er aus fünf Dörfern in Brandenburg zusammengebaut hat und das viel von den Sorgen und Nöten dieser Ortschaften erzählt. Es ist alles sehr ansprechend inszeniert, mit einem feinen Humor versehen und liefert so ein differenziertes Bild einer Region. Dafür wurde der Film u.a. mit dem Deutsche Nachwuchspreis ‚First Steps Award‘ ausgezeichnet.

Fazit: „Another German Tank Story“ ist der erste Langfilm des Filmemachers Jannis Alexander Kiefer, der darin von einem brandenburgischen Dorf erzählt, das plötzlich Schwung und Veränderung erfährt, als ein amerikanisches Filmteam dort dreht. Kiefer erzählt aber keine Culture-Clash-Komödie, sondern nutzt die Chance, um von einem Dorf, dessen Bewohner:innen und vielen Themen, die dazu gehören, zu erzählen. Stimmig inszeniert, mit Humor und Melancholie durchwebt, gelang ihm ein gelungener Blick auf die Provinz. 

Bewertung: 8/10

Kinostart am 10. April 2025

Trailer zum Film „Another German Tank Story“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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