Sieben Fragen an Tim Ellrich

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Tim Ellrich konnten wir mehr über seinen Abschlussfilm und ersten langen Spielfilm „Im Haus meiner Eltern“ erfahren, wie die Geschichte von seiner eigenen Familiengeschichte inspiriert wurde, wie es möglich war, sich trotzdem filmisch abzugrenzen und warum sie sich dafür entschieden haben, den Film in Schwarz-Weiß zu halten.  

Wie ist die Idee zu Deinem Abschlussfilm entstanden?

Jenny Schily und Manfred Zapatka

Die Idee für den Film hatte ich schon lange mit mir herumgetragen. Die Ausgangssituation des Films basiert zu großen Teilen auf meiner eigenen Familie und genau wie im Film hatte ich einen schizophrenen Onkel der Zeit seines Lebens bei meinem Großeltern gelebt hat. Während meines Aufwachsens war er also immer bei meinen Großeltern und ich konnte miterleben, wie er sich langsam immer weiter zurückgezogen hatte und wie sich meine Familie dazu verhielt. Als Kind stellst du die Situation nicht wirklich in Frage aber mit der Zeit wird einem klar, dass das nicht ganz „normal“ ist. Deswegen wusste ich immer, dass ich irgendwann darüber einen Film machen muss. Dass es jetzt mein Abschlussfilm und erster langer Spielfilm ist, war dann selbst für mich überraschend. Aber es ist ja auch oft so, dass man im ersten Spielfilm auch seine eigene Herkunft verarbeitet, um sich für die zukünftigen Filme davon auch ein Stück weit zu emanzipieren. 

Vorher hast Du bereits den Dokumentarfilm „Mein Vietnam“ realisiert. Wie war es, hier fiktional zu arbeiten? Und wie weit schwappt das Dokumentarische in diesen Film über?

Ich hatte ja auch schon davor fiktionale Kurzfilme gemacht, also war dieser Dokumentarfilm sozusagen eine Art Ausnahme. Aber ich habe trotzdem sehr viel von der dokumentarischen Arbeit lernen können und mitgenommen. Vor allem, dass man seine eigenen Ansichten am Anfang erstmal über Bord wirft und zuerst genau beobachtet und zuhört, um zu verstehen, was eigentlich hinter all dem steht. Bei „Im Haus meiner Eltern“ hatte sich das dann angeboten, weil ich hier ja auch sehr persönlich und ausgehend von der Realität gearbeitet habe. Ich wollte dabei der echten Situation und der Dynamik innerhalb meiner Familie gerecht werden. Deswegen habe ich mit allen meinen Familienmitgliedern immer wieder über die Situation gesprochen, viele Notizen gemacht, Eindrücke filmisch festgehalten und auch sonst viel Kontakt zu anderen Angehörigen von psychisch Erkrankten gesucht. So ist dann langsam ein klarer Einblick in die Situation entstanden und ich konnte die Geschichte auch ein Stück weit von der meiner Familie emanzipieren. Es war mir nämlich wichtig, nicht einfach nur einen Film über meine Familie zu machen, sondern von etwas Persönlichem zu erzählen, was aber auch viele andere Menschen betrifft und sie sich damit identifizieren können.

Warum hast Du Dich für Schwarz-Weiß entschieden? Welche anderen visuellen Aspekte waren Dir wichtig?

Jenny Schily

Diese Entscheidung kam erst im Schnitt. Wir haben einfach gemerkt, dass durch die Reduktion und Wegnahme der Farbe ein ganz besonderer Sog in der Geschichte entsteht. Diese Reduktion hat die Gesichter der Familienmitglieder und deren Emotionen einfach deutlich mehr ins Zentrum gesetzt und den Fokus des Films klar auf das Wesentliche gerichtet. Das ist ja immer das Anstrengende und Schöne am Filmemachen: Dass sich so ein Film in unterschiedlichen Phasen immer wieder neu finden kann, wenn man es denn zulässt. Das ist manchmal auch sehr anstrengend, aber hier war es genau die richtige Entscheidung.

Ein weiteres visuelles Mittel, das uns genauso im Schnitt kam, war die Idee, Sven in den Einstellungen immer wieder anzuschneiden und ihn somit selten komplett zu zeigen. Das war mir deshalb so wichtig, weil es dem Gefühl, das ich mit meinem eigenen Onkel hatte, sehr nah kam. Das Gefühl, ihn nie wirklich erkennen zu können und auch oft die Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er bleibt im Film genauso wie für meine Familie jemand Fremdes und das ist auch die große Tragik daran.

Auch auf Musik verzichtest Du komplett – wie kam es zu dieser Entscheidung?

Das stimmt, und das war mir von Anfang an wichtig. Wenn man die Musik wegnimmt, wird nämlich alles andere deutlich mehr in den Fokus gesetzt. Svens Atmen und seine Schritte bekommen dann selbst etwas Musikalisches und der Film setzt diese Stille ins Zentrum. Dazu wollte ich die Zuschauenden auch nicht mit Musik emotional beeinflussen. Mir war wichtig, dass der Zuschauende selbst für sich entscheidet, was er in jeder Szene fühlt oder eben auch nicht fühlt. Ich bin selbst auch ein großer Freund von Filmemachern wie Michael Haneke und Robert Bresson, die Musik in ihren Filmen auch immer nur diegetisch benutzt haben.

Nach welchen Kriterien hast Du Deinen Cast ausgesucht und zusammengestellt?

Jenny Schily

Das war eine besonders große Herausforderung, weil ich ja immer meine eigene Familie als Vorlage hatte. Es war da nicht so leicht, sich davon zu befreien, weil man diese Menschen ja ein Leben lang kennt. Wir hatten aber das große Glück mit der Casterin Ulrike Müller zusammenzuarbeiten, die mich in dem Prozess begleitet hat und zu vielen der Schauspieler:innen den Erstkontakt hergestellt hat. Ich finde, gerade Jenny Schily brilliert in der Rolle, die auf meiner Mutter basiert, auch wenn sie optisch erstmal sehr unterschiedlich zu meiner Mutter erscheint. Für die Rolle des schizophrenen Bruders wollten wir dagegen immer einen Laien besetzen, um eine ganz andere Authentizität zu erreichen. So haben wir ein Streetcasting begonnen und Jens Brock auf einer Parkbank sitzend angetroffen. Wir haben ihn gefragt, ob er zum Casting kommen mag, er ist gekommen und dann war eigentlich direkt klar: Er ist die perfekte Besetzung für meinen Onkel.

Dein Film erzählt von deiner eigenen Familie. Wie hat sie den Film aufgenommen?

Manfred Zapatka und Jenny Schily

Meine Familie hat den Film positiv aufgenommen. Natürlich ist es schwer nochmal einen Film zu sehen, wo man mit der Geschichte eines Familienmitglieds konfrontiert wird, das in der Zwischenzeit leider verstorben ist. Aber ich habe meine Familie immer in den Entstehungsprozess involviert und gerade meine Großeltern hatten mir ermöglicht, in ihrem Haus zu drehen, also dort, wo mein Onkel wirklich gelebt hatte. Ich bin da natürlich sehr dankbar, dass mich jeder von Ihnen unterstützt hat. Vor allem auch meine Mutter, die mir diesen großen Einblick in ihr Leben gegeben hat, das ja das Zentrum meiner Geschichte ist. Das ist in keiner Weise verständlich und zeigt nur den Mut aller Beteiligten.

Wie geht es jetzt nach dem Abschluss bei Dir weiter?

Wir sind mitten im Verwertungsprozess von „Im Haus meiner Eltern“, der jetzt auch Ende April seine Asien-Premiere im Hauptwettbewerb des Beijing International Film Festival feiert. Das heißt, damit bin ich jetzt auch noch beschäftigt, weil wir natürlich bei einem Abschlussfilm auch viele unterschiedliche Rollen übernehmen müssen. Sonst schreibe ich gerade an zwei sehr unterschiedlichen Stoffideen und werde bald etwas Neues bei der Förderung einreichen. Ich würde jetzt gern den Blick nach innen lenken und etwas erzählen, was mehr mich selbst, meine Generation und die heutigen Themen betrifft. Ich habe aber das Gefühl, dass jetzt erst das richtige Filmemachen anfängt und ich meine eigene filmische Sprache noch klarer entwickeln muss. Aber ich bin guter Dinge und ich glaube weiterhin an die Kraft des Films und des Kinos.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Im Haus meiner Eltern

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