Zehn Fragen an Leonhard Hofmann und Riccardo Dejan Jurkovic

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemachern Leonhard Hofmann und Riccardo Dejan Jurkovic konnten wir mehr über ihre Langzeit-Dokumentation „Frank Meyer“ erfahren, die auf dem 57. Hofer Filmtagen 2023 den Granit – Hofer Dokumentarfilmpreis gewann, wie sie Frank kennengelernt haben, warum sie am Projekt über diesen Zeitraum festgehalten haben und wie sich der Film auf vielen Ebenen mit der Zeit verändert hat. 

Das Projekt entstand am Anfang eures Studiums. Wie seid ihr auf Frank Meyer aufmerksam geworden und wie hat er auf das Filmprojekt reagiert? 

Unser Filmprojekt war ursprünglich als Kurzfilm geplant. Der Kontakt zu Frank entstand über einen gemeinsamen Bekannten. Frank zeigte großes Interesse daran, an einem Filmprojekt mitzuwirken, während wir ein dokumentarisches Porträt drehen wollten. Nach einem ersten Austausch hatte Frank sofort interessante Szenenideen. Diese Impulse nahmen wir dankbar auf. In der Montage wollten wir diesen Prozess, dass Frank anfänglich sehr dominant auftritt und uns sogar Regieanweisungen gibt, sichtbar machen. Im Laufe der Zusammenarbeit emanzipierten wir uns jedoch zunehmend und entwickelten einen unabhängigen Blick auf unseren Protagonisten. 

Insgesamt habt ihr Frank über zehn Jahre begleitet. Warum habt ihr euch entschieden, das Projekt immer weiter zu verfolgen? 

Es gab zwei Ereignisse, die uns dazu motiviert haben, weiter zu drehen. Zum einen gab es wenige Monate nach Drehbeginn einen Anruf von Frank, in dem er uns gebeten hat weiter zu drehen, weil seine Nieren versagten. Entscheidender für uns war jedoch der Moment, als Frank sich uns gegenüber zum ersten Mal emotional öffnete. Frank hatte eine traumatische Kindheit erlebt, die letztlich auch dazu geführt hat, dass er sich gegen die Außenwelt gepanzert hat. Das hat uns sehr berührt, da wir bemerkt haben, dass Frank uns näher war, als wir es zunächst vermutet hatten. 

Was war eure ursprüngliche Idee für ein Ende – und wie kam es nun, dass ihr dieses Ende gewählt habt? 

Wir waren bereits weit in der Montage und haben an der Struktur und Dramaturgie gearbeitet. Es fiel uns jedoch schwer, ein Ende zu finden. Deshalb fuhren wir ein weiteres Mal zu Frank. Gemeinsam haben wir einen See besucht, zu dem er immer wieder zurückgekehrt ist, um Tiere zu füttern. An diesem Tag ist etwas Kleines geschehen, das uns tief berührt hat: Frank versucht auf seine ureigene Art, eine Gans mit einer Karotte zu füttern. Doch die Tiere hatten wenig Interesse an seinen Bemühungen. Schließlich setzt er sich auf eine Bank und beobachtet sie einfach nur. Nach einer Weile nähert sich eine Gans von selbst und beginnt, an einer Karotte zu knabbern – In diesem Moment wussten wir sofort, dass wir unser Ende gefunden hatten. 

Frank hat im Umgang mit anderen Lebewesen oft versucht, ihnen seinen Willen aufzudrücken. Doch im Laufe der Dreharbeiten hat er begonnen, loszulassen und Nähe einfach zuzulassen. Das konnten wir an diesem Tag beobachten. 

Wie oft habt ihr gedreht und euch getroffen? Wie weit seid ihr auch von der Familie immer mehr integriert worden? 

Zu Beginn sahen wir uns recht häufig, dann sind die Abstände länger geworden und während der Pandemie hatten wir sogar zwei Jahre Pause, um seine Gesundheit nicht zu gefährden. Über die Zeit hat sich eine Vertrautheit entwickelt. Allerdings haben wir in dieser Zeit einige Leute kommen und gehen sehen, sodass wir im Grunde für ihn die Konstante der letzten zehn Jahre waren. 

Wie viel Material ist über die Zeit entstanden und habt ihr den Film auch selbst geschnitten? Gab es Szenen, die ihr aus Respekt nicht eingebaut habt? 

Frank Meyer

Wie viel Material entstanden ist, bleibt auch für uns ein Geheimnis. Wir haben es nie überprüft. Allerdings ist es weit weniger, als sich bei zehn Jahren vermuten lässt. Es hat ungefähr ein Volumen wie bei anderen Dokumentarfilmen. Nur über einen längeren Zeitraum gestreckt. Nach ein paar Anläufen, haben wir beschlossen den Film selbst zu schneiden. Das war besonders sinnvoll, um das Material intensiv kennenzulernen und die vergangenen Drehjahre aufzuarbeiten. Uns war wichtig mit dem Material respektvoll umzugehen und Frank in den Prozess zu involvieren. Wir wollten keinen Film ‚über‘, sondern in Zusammenarbeit ‚mit‘ unserem Protagonisten machen. 

Habt ihr eine bestimmte visuelle Leitlinie verfolgt? 

Das visuelle Konzept hat sich organisch entwickelt. Zu Beginn haben wir 2012 noch mit einer Mini DV Kamera gedreht, zehn Jahre später verfügten wir über eine Kamera mit 4K Auflösung. Beim Bildformat haben wir uns für 4:3 entschieden, um uns stärker auf Franks Körper zu fokussieren. Gleichzeitig verstärkt dieses Format die Wirkung, dass er oft alleine zu sehen ist und spiegelt so das Thema der Einsamkeit wider. Außerdem haben wir intensiv mit Nahaufnahmen seines Gesichts gearbeitet. Seine Blicke offenbaren eine Verletzlichkeit, die hinter dem Körper verborgen liegt und uns erzählt, wie sehr seine „männliche Performance“ mit dem Menschen dahinter im Konflikt steht. 

Was hat Frank zum finalen Film gesagt? Und wie geht es ihm jetzt? 

Frank Meyer

Uns war wichtig, Frank in den Prozess zu involvieren. Wir haben ihm bereits Rohschnitte gezeigt und dies auch zum Teil unseres Films gemacht. Frank war es wichtig, dass seine ganze Geschichte gezeigt wird. Dazu gehören auch diverse gesundheitliche Rückschläge. Als der Film fertig war, haben wir ein Kino gemietet und eine Privatvorführung gemacht. Wir konnten außerdem ermöglichen, dass Frank zu einem Festival und zur Kinopremiere in der Nähe seines Wohnortes kommen konnte. Leider muss er nach wie vor alle zwei Tage an die Dialyse und kann nicht reisen. Sein Wortschatz ist aufgrund des zweiten Schlaganfalls außerdem bis heute stark eingeschränkt. 

Der Film ist beinahe ein Zwei-Mann-Projekt – gab es bei euch eine klare Aufgabenteilung? 

Wir haben sehr eng zu zweit an diesem Projekt gearbeitet. Beim Dreh hatten wir die Aufteilung, dass Leonhard die Kamera führt und Riccardo die Tonangel hält. Darüber hinaus ist unser Film sehr stark im Schnitt entstanden. Das Material, welches wir über zehn Jahre gedreht haben, wurde intensiv diskutiert und immer wieder neu gedacht. So ist Schritt für Schritt der Film, wie er heute geworden ist, entstanden. Insbesondere in der Sound-Postproduktion und fürs Color Grading hatten wir jedoch Unterstützung, die sehr wichtig für den Film war. 

Sind neue Projekte – allein oder gemeinsam – schon am Start? 

Wir arbeiten aktuell jeweils an neuen Projekten. Riccardo ist gerade dabei, sein Diplom an der Kunsthochschule für Medien in Köln zu absolvieren. Leonhard macht seinen Master in Spielfilmregie an der Filmuniversität Babelsberg. Wir arbeiten beide an Drehbüchern für unser Spielfilmdebüt und drehen außerdem an neuen Dokumentarfilmen. 

Wo und wann hat man die Möglichkeit, euren Film zu sehen? 

Frank Meyer“ ist aktuell auf Kinotour. Die Tour wird bis Herbst 2025 weitergehen und deutschlandweit in Programmkinos zu sehen sein. Die Spieltermine sind gesammelt auf der Website zum Film zu finden. Außerdem gibt es jetzt im Mai ein dreiwöchiges Special auf Kino on Demand. Unser Film wird für einen begrenzten Zeitraum eine Vorpremiere im Stream haben. Im Herbst erscheint „Frank Meyer“ dann regulär auf verschiedenen Plattformen. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Frank Meyer

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