Sieben Fragen an Malu Janssen

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der niederländischen Regisseurin Malu Janssen konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Barlebas“ erfahren, der im ‚Shock Block‘ des 25. Landshuter Kurzfilmfestival 2025 lief, warum sie die historische Geschichte über Gesang erzählt, was ihr bei der Inszenierung am Herzen lag und dass sie die Hauptrolle mit einer Sängerin, die noch keine Schauspielerfahrung hatte, besetzte. 

The original english language interview is also available.

Wie ist Idee zu diesem Drama entstanden?

Ich hatte schon immer ein Interesse an diesem besonderen Teil der Geschichte. Geschichten über angebliche Hexen und ihre Verfolgung haben mich seit meiner Kindheit fasziniert. Als ich herausfand, dass die Region, in der ich geboren und aufgewachsen bin, im Jahr 1595 Schauplatz einer großen Hexenjagd war, bei der viele Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, war das mein letzter Anstoß, diese Geschichten filmisch festzuhalten. Ich habe meine Recherchen über die tatsächlichen Ereignisse und sogar einige Dialoge in das Drehbuch eingearbeitet.

Der Wunsch des Menschen, dem unerklärlichen Leid einen Sinn zu geben, ist, glaube ich, zu allen Zeiten vorhanden. Das Bedürfnis, einen Sündenbock zu finden, um all das Unglück und die harten Zeiten zu erklären, zieht sich daher wie ein roter Faden durch unsere Geschichte. Damals waren es die Frauen in den Dörfern, die für das Sterben des Viehs, Missernten oder kranke Kinder zum Sündenbock gemacht wurden. Die echte Angst, die die Menschen damals vor schwarzer Magie und dem Teufel hatten, hat viele unschuldige Opfer gefordert.

Die erhaltenen Gerichtsakten aus der Vergangenheit zeugen von einem unverhohlenen Frauenhass. Der Begriff „Hexe“ wird auch heute noch, z. B. in den Niederlanden in der Politik, verwendet, um starke, freimütige Frauen zu diskreditieren. Die Tatsache, dass die Stellung und die Rechte der Frauen heute weltweit wieder zunehmend unter Druck geraten, hat mich dazu veranlasst, diesen Film als ein Fenster in die Geschichte, aber auch als Spiegel der Gegenwart zu drehen.  

Warum hast Du Dich dafür entschieden, viel über Gesang, der zusammen mit den Alltagsgeräuschen Musik erzeugt,  zu transportieren? Wer hat die Musik komponiert?

Die Stimmen der Frauen scheinen aus der Geschichte und der Art und Weise, wie sie uns vermittelt wird, fast ausgelöscht. Mit diesem Film wollte ich den Frauen, die Opfer der Hexenverfolgung waren, ihre Stimme und ihre Macht zurückgeben. In dem Film sind ihre Stimmen ein Mittel des Widerstands und der Solidarität. Vom gemeinsamen Singen kann so viel Kraft ausgehen. Das hat auch die singende Revolution in den baltischen Ländern gezeigt. Es ist eine sanfte, aber starke Kraft. Ich wollte keinen ‚traditionellen‘ Musikfilm machen. Ich wollte, dass sich der Rhythmus und die Melodie aus der Welt der Protagonistin selbst entwickeln und sich langsam bis zum Höhepunkt der eigentlichen Musik aufbauen, so dass man die Musik als Teil der Person Heylken und ihrer Wahrnehmung der Welt spüren kann.

Ich arbeitete bereits an dem Drehbuch, als ich Pitou kennenlernte. Sie ist eine niederländische Sängerin und Musikerin, die ich sehr bewundere. Ich mochte schon damals ihre Musik, und als ich sie persönlich traf, war ich mir sofort sicher, dass sie auch die Hauptfigur spielen sollte. Obwohl sie keine Schauspielerin ist, hat sie die Herausforderung für dieses Projekt angenommen und auch die Musik für den Film komponiert, wofür ich ihr sehr dankbar bin.

Hast Du auch nach musikalischem Talent die Schauspieler:innen ausgewählt?

Ich war nicht unbedingt auf der Suche nach perfekten Gesangsstimmen für den Film. Natürlich spielt Pitous schöne Stimme eine große Rolle, aber das Gefühl und die Unvollkommenheit der Stimmen waren ebenso wichtig. Deshalb wollten wir auch alle Stimmen am Set und nicht in der Postproduktion aufnehmen. Bei der Suche nach dem Mädchen für die Rolle der Griet, dem jungen Mädchen, das den Widerstand der Frauen weiterführt, spielte der Gesang eine größere Rolle, denn sie musste solo singen. Das war also auch Teil des Castings.

Bemerkenswerterweise habe ich Pitou die Hauptrolle angeboten, ohne sie jemals spielen gesehen zu haben. Aber irgendwie war ich mir sicher, dass sie die Richtige dafür ist.

Dein Film ist in Schwarz-Weiß gedreht – wieso hast Du Dich dafür entschieden? Was lag Dir darüber hinaus noch visuell am Herzen?

Ich wollte den Sinn für Rhythmus nicht nur in alltäglichen Klängen, sondern auch in Bildern suchen. Die Abstraktion von Schwarz und Weiß lässt auch mehr Rhythmus zu. Außerdem konnte ich so die Wiederholungen der Geschichte, die Anschuldigungen der Hexerei, visuell unterbringen. Der fotografische Charakter unterstreicht das Gefühl, zurückzublicken. Außerdem mag ich Schwarz-Weiß-Filme einfach sehr gerne. Sie verleihen dem Bild irgendwie eine größere Konzentration.

Wo habt ihr gedreht? Wie viele Drehtage hattet ihr?

Alle Außenaufnahmen wurden in der Strabrechtse Heide gedreht. Das ist ein Naturschutzgebiet, in dem die Verfolgungen tatsächlich stattgefunden haben und das ich wie meine Westentasche kenne, weil ich dort aufgewachsen bin. Ein großer Teil meiner Familie aus den umliegenden Dörfern war an dem Film beteiligt, zum Beispiel als Statisten oder als Helfer bei den Genehmigungen. Wir haben im Sint Jans Kathedraal in ’s-Hertogenbosch gedreht, das passte in die Zeit, und die anderen Innenaufnahmen wurden in einem Freilichtmuseum mit Häusern und Hütten aus dieser Zeit gedreht. Insgesamt hatten wir vier Drehtage.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Das ist etwas, in das ich hineingewachsen bin. Ich habe immer viele Bücher gelesen, bin viel ins Theater gegangen und hatte viel Spaß an der Schauspielerei und an gemeinsamen Aufführungen mit Freunden. Ich dachte immer, dass ich die Schauspielerei zu meinem Beruf machen wollte. Als ich in der letzten Runde von der Schauspielschule abgelehnt wurde, war mein Feedback, dass sie mich mehr als Macher denn als Darsteller sehen. Und sie hatten Recht, aber damals hatte ich nicht das Selbstvertrauen dafür. Ich habe eine Zeit lang Theater- und Filmwissenschaften studiert, aber nur zu analysieren, statt selbst etwas zu machen, machte mich sehr unglücklich. Dort habe ich allerdings gelernt, dass Film für mich ein noch interessanteres Medium ist als Theater, und von meinem Ersparten habe ich angefangen, meinen ersten Film zu drehen. Eine chaotische Produktion, die nie fertig wurde und nie das Licht der Welt erblickte, die mir aber klar machte, dass Filmemachen das ist, was ich machen will. Danach habe ich an der Niederländischen Filmakademie Spielfilmregie studiert und seitdem Kurzfilme geschrieben und inszeniert.

Sind bereits neue Projekte geplant? Und wird Musik dabei auch eine zentrale Rolle spielen?

Ich befinde mich in der Endphase der Entwicklung meines Spielfilmdebüts „We Are Light“. Der Film basiert lose auf dem gleichnamigen Roman von Gerda Blees. In dem Film geht es um Gruppendynamik und den Verlust der eigenen Autonomie in einer Gruppe. Aus dem Bedürfnis nach Verbundenheit heraus beschließt eine spirituell lebende Gruppe, auf Nahrung zu verzichten, um von Licht zu leben – mit weitreichenden Folgen.

Für mich ist Musik immer ein wesentlicher Teil der Filmsprache, die ich benutze, um die Geschichte und das Thema auf eine indirekte Weise zu vermitteln. Auch in diesem Film wird die Musik sehr präsent sein. Das gemeinsame Singen gehört zur täglichen Routine der Gruppe. Durch das Singen suchen sie die ultimative Harmonie.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Barlebas


Interview: In our conversation with Dutch director Malu Janssen, we found out more about her short film „Barlebas„, which screened in the ‚Shock Block‘ of the 25th Landshut Short Film Festival 2025, why she told the historical story about singing, what was important to her in the production and that she cast the lead role with a singer who had no previous acting experience.

How did the idea for this drama come about?

I have always had an interest in this particular part of history. Stories about alleged witches and their persecution have fascinated me since childhood. When I found out that the region where I was born and grew up was the site of a major witch hunt in 1595, in which many women were burned at the stake, it was my final push toward capturing these stories in a cinematic way. I incorporated my research of the actual events, and even some dialogue into the script.

Man’s desire to make sense of inexplicable suffering is, I think, of all times. The need of finding a scapegoat to explain all the misfortune and hard times therefore runs like a thread through our history. Back then, it was the women of villages who were scapegoated for the dying of cattle, crop failure or sick children. The genuine fear that people at that time felt about black magic and the devil made many innocent victims.

The preserved court records of the past speak of an undisguised hatred of women. The term „witch“ is used even now, in the Netherlands for example in politics, to discredit strong, outspoken women. The fact that women’s position and rights are now world wide under increasing pressure again, made me want to make this film as a window into history, but reflective of the present.  

Why did you decide to convey a lot of the story through singing, which creates music together with everyday sounds? Who composed the music? 

Women’s voices seem almost erased from history and the way it is taught to us. With this film, I wanted to give the women who were victims of the persecution of witches their voices and their power back. In the film, their voices are a means of resistance and solidarity. So much power can emanate from singing together. As the Singing Revolution in the Baltic countries has also shown. It is a gentle but powerful force. I didn’t want to make a ‚traditional‘ musical film. I wanted the rhythm and melody to build up from the protagonist world itself, slowly building to its climax of actual music so you could feel the music as a part of who Heylken is and how she perceives the world.

I was already working on the script when I met Pitou. She is a Dutch singer and musician that I really admire. I already loved her music and when I met her in person I was immediately sure that she should play the main character as well. Although she is not an actress, she dared to take up the challenge for this project and also composed the music for the film, which I am very grateful for.

Did you also choose the actors based on their musical talent?

I wasn’t necessarily looking for perfect singing voices for the film. Of course Pitou’s beautiful voice plays a big part, but the emotion and imperfection of the voices was equally important. That’s why we also wanted to record all the vocals on set and not in post. In the search for the girl to play the role of Griet, the young girl who continues the women’s resistance, singing did play a bigger role, as she had to sing solo. That was therefore also part of the casting.

Remarkably, I offered Pitou the main role without ever seeing her act. But somehow I was sure she was right for it.

Your film is shot in black and white – why did you choose this? What else was important to you visually?

I wanted to look for the sense of rhythm not only in everyday sounds but also in images. The abstraction of black and white also allows for more rhythm. It also allowed me to visually accommodate the repetitiveness of history, the accusations of witchcraft. The photographic nature emphasises the sense of looking back. Also, I just really like black and white films. Somehow it gives an enhanced concentration in the image.

Where did you shoot? How many days of shooting did you have?

All the exteriors were shot at the Strabrechtse Heide. This is a nature reserve where the persecutions actually took place and which I know like the back of my hand because I grew up there. Much of my family from the surrounding villages were involved in the film, as extras or to help with permits, for example. We filmed in the Sint Jans Kathedraal in ‘s-Hertogenbosch, which suited the time period, and the other interiors were filmed in an open-air museum with houses and huts from that era. In total, we had four filming days.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking?

It’s something I’ve grown into. I always read a lot of books, went to the theatre a lot and had a lot of fun in acting and making performances together with friends. I used to think I wanted to make acting my profession. When I was rejected from drama school in the last round, my feedback was that they saw me more as a maker than a performer. And they were right, but at the time I didn’t have the self-assurance for that. I did theatre and film studies for some time, but just analysing instead of making things myself made me very unhappy. I did however learn there that film was an even more interesting medium to me than theatre, and from my savings I started making my first film. A chaotic production that never got finished and never saw the light of day, but which made me know that filmmaking is what I want to do. I then studied directing fiction at the Netherlands Film Academy and have been writing and directing short films ever since.

Are there any new projects planned? And will music play a central role in them?

I am in the late stages of development of my feature debut We Are Light. The film is loosely based on the novel of the same name by Gerda Blees. The film is about group dynamics and losing your autonomy in them. Out of a need for connection, a spiritual living group decides to let go of food to live on light, with far-reaching consequences.

To me music is always an essential part of the film language I use to convey the story and theme in a more indirect way. Also in this film music will be very present. Singing together is a part of the daily routine of the group. Through singing they seek ultimate harmony.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Barlebas

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