Sechs Fragen an Sinan Taner

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Interview mit dem schweizer Filmemacher Sinan Taner konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „1:10“ erfahren, der im Wettbewerb des 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 seine Premiere feierte, wie die Geschichte auf einer eigenen Kindheitserinnerung beruht und viel über das Miteinander von Menschen erzählt und warum er sich für die ungewöhnliche Vogelperspektive der Kamera entschieden hat.

Die Geschichte des Films basiert ja auf einer eigenen Erfahrung. Kannst Du mir mehr dazu erzählen?

Die Geschichte „1:10“ basiert auf einem absurden Ereignis, das ich in meiner Kindheit erlebt habe. Damals wurde mein Vater von einem Mann angegriffen, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Der Grund dafür war ein harmloser Streit zwischen mir und einem Klassenkameraden. Der Streit zwischen den beiden Vätern endete in Morddrohungen. Dieses Ereignis, das sich vor über 15 Jahren abspielte, ist mir sehr im Gedächtnis geblieben. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Idee, einen Film darüber zu drehen, denn diese Geschichte verband mehrere Themen, die ich untersuchen wollte: Ich wollte bestimmte Männlichkeitskonstruktionen hinterfragen, das Verhalten von Menschen in öffentlichen Situationen untersuchen und die Migrationsthematik aus der Perspektive einer zweiten Generation von Einwanderer:innen zeigen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die zwei Kulturen vereint – meine Mutter ist Schweizerin, mein Vater Türke. Diese multikulturelle Erfahrung hat mich schon früh dazu angeregt, über Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Strukturen nachzudenken. Der Film ist von meinen eigenen Erlebnissen und Beobachtungen geprägt, besonders der Frage, wie man als Kind mit unterschiedlichen kulturellen Erwartungen und den Konflikten zwischen verschiedenen Weltanschauungen umgeht. Ich glaube, als Kind spürt man sehr stark, wenn sich jemand anders verhält als andere und man ist sehr sensibel dafür. Besonders bei seinen eigenen Eltern. Man schämt sich für die Eltern und will sie doch verteidigen, wenn sie ausgeschlossen oder angegriffen werden. Mit dieser Geschichte wollte ich die kulturellen Prägungen einer Gesellschaft hinterfragen, ohne mit dem Finger auf bestimmte Personen zu zeigen, sondern mich auf die Gesamtheit und ihre eigene Dynamik konzentrieren.

In Deinem kurzen Film stecken viele Schwächen des menschlichen Miteinander. Was lag Dir besonders am Herzen?

Den Gedankengang eines Vaters, der meint, seinen Sohn verteidigen zu können, indem er den Vater des anderen Sohnes angreift, erscheint mir absurd und tragisch zugleich. Durch eine Persiflage dieser Männlichkeitskonstruktion, wollte ich die Lächerlichkeit eines solchen Weltbildes verdeutlichen. Dies hat für mich zugleich auch die Frage aufgeworfen: „Wer ist hier eigentlich erwachsen?“ Der Film vergleicht und kontrastiert vor allem die Gruppendynamik von Kindern mit jener von Erwachsenen. In meiner Wahrnehmung unterscheiden sich die Interaktionsformen und die Art der Kommunikation von Kindern verglichen mit Erwachsenen zwar stark, aber die Verhaltensmuster und die damit verbundenen Ziele, liegen im Kern oft nahe beieinander. Ich wollte Ursache und Wirkung von Gewalt aufzeigen und wie kleine Handlungen in einem komplexen sozialen Gefüge widerhallen. Diese einzelnen Handlungen sollten sich in Kettenreaktionen fortentwickeln und zu grösseren Verbindungen führen. Wichtig war mir auch zu zeigen, dass Schwächen zum menschlichen Zusammenleben dazu gehören. So sollte man das Versagen der Figuren nachvollziehen können, ohne nur darüber zu urteilen. Zu jeder Figur sollte man in einem Dilemma stehen, das sich fern ab von Kategorien Gut oder Böse befindet. Besonders wichtig bei der Besetzung der Erwachsenenfiguren war mir, dass sie die Tragik und Absurdität gewisser ihrer Handlungen nachvollziehen können, ohne dass sie in eine einseitige Darstellung verfallen.

In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden?

Der Film entstand als Diplomfilm im Rahmen des Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste.

Nach welchen Kriterien hast du Deine Rollen besetzt?

Da die Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert, hatte ich für gewisse Figuren sehr klare Vorstellungen im Kopf. So habe ich zunächst die Beteiligten des Vorfalls, insbesondere meinen Vater, stark in den Schreibprozess einbezogen. Dazu habe ich längere Gespräche mit ihm geführt und diese aufgezeichnet, um im Dialog möglichst nahe an das echte Ereignis heranzukommen. Später habe ich mich mit dem Schauspieler, der meinen Vater spielt und meinem Vater getroffen. Für mich war es sehr wichtig, dass der Schauspieler meinen Vater kennenlernt, um aus dieser Grundlage eine Figur zu entwickeln. Der aufwändigste und zugleich auch spannendste Teil des Castings waren die Besetzungen der Kinderrollen. Besonders für den Jungen, der mich selbst als 10-Jährigen spielt, hatte ich eine klare Vorstellung. Dazu haben wir über 30 Jungen im Grundschulalter gecastet. Anhand der Streitszene zwischen den beiden Jungen haben wir verschiedene Dynamiken und Konstellationen erprobt. Dieser Prozess war für mich eine sehr wichtige Erfahrung und zugleich auch Vorbereitung für den Dreh mit den Kindern. 

Die Hauptfigur des Kurzfilms ist keine spezifische Figur, sondern das Kollektiv. Zentral für die Geschichte waren deshalb die zahlreichen Menschen, die sich im „Mikrokosmos Sporttag“ bewegen. Viele Statist:innen sollten dem Film ein Gefühl von Öffentlichkeit geben. So waren am Ende insgesamt über 250 Personen als Statist:innen auf dem Set. Da der Film im Rahmen des Filmstudiums in Zürich entstanden ist und wir deshalb limitierte Mittel hatten, sind wir mehreren Tagen an öffentliche Plätze in Zürich gegangen und haben Familien für den Dreh angefragt. Aus diesen Begegnungen haben sich wiederum viele kleine Geschichten und Nebenrollen entwickelt, was sehr inspirierend für den Schreib- und Drehprozess war. 

Großartig ist Dein Kameraarbeit – kannst Du mir mehr zum visuellen Konzept erzählen?

Schon während des Schreibprozesses war die Kameraführung aus der Vogelperspektive ein zentrales Gestaltungselement. Mit ihr wollte ich Wimmelbilder erschaffen, in denen die Figuren ihren individuellen Aufgaben und Problemen nachgehen, dabei jedoch den übergeordneten Zusammenhang der Geschichte nicht erkennen. Dieser sollte den Zuschauenden vorbehalten bleiben, um die Absurdität und oft auch Sinnlosigkeit der Ereignisse zu unterstreichen. Ich wollte die Auswirkungen von bestimmten Handlungen einzelner Personen auf die gesamte Gesellschaft verdeutlichen. Aus einer kollektiven Überforderung sollte ein fehlendes Verständnis für die Perspektiven anderer entstehen. 

Immer wieder zoomen wir an einzelne Figuren heran, um diese näher zu verfolgen, gehen aber wieder von ihnen weg. So entsteht ein Spiel von Nähe und Distanz und damit ein „Miteinander und Gegeneinander“ innerhalb der Gesellschaft. Hier ging es mir darum, das Wechselspiel zwischen Individuum und Kollektiv und ihre gegenseitige Beeinflussung zu betonen. Das symbolisiert auch der Titel „1:10“. Die Zahl „10“ repräsentiert das Kollektiv, die Gesellschaft als Ganzes, während „1“ für das Individuum steht, das seinen Platz in diesem Gefüge sucht. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich bin zurzeit in der Postproduktion eines langen Dokumentarfilms über verschiedene Personen in einem Alterszentrum, die wir über vier Jahre bis zu ihrem Tod begleitet haben. Ähnlich wie in „1:10“ befasst sich der Film mit Themen rund um Identität, soziale Konstrukte und Konflikte in einem Mikrokosmos. Neben den offensichtlichen Themen wie dem Umgang mit dem Verlust von geistigen und körperlichen Fähigkeiten, hat mich besonders die Frage interessiert, wie ältere Menschen in der komplexen sozialen Struktur Alterszentrum miteinander interagieren und wie Identität und Zugehörigkeit dabei eine Rolle spielen. Zwei weitere Kurzfilme befinden sich ebenfalls in der Postproduktion. Neben filmischen Arbeiten mache ich im Duo „Ara“ Musik. Das Ziel ist es, Musik eng mit Experimentalfilm zu verbinden und an Konzerten mit filmischen Visuals eine etwas andere Konzerterfahrung zu schaffen. Langfristig habe ich begonnen an einem Spielfilmprojekt zu schreiben, das sich mit verschiedenen gesellschaftlichen Zukunftsvisionen auseinandersetzt.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „1:10

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