Sieben Fragen an Lau Charles

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der mexikanischen Regisseurin und Drehbuchautorin konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Casa Chica“ erfahren, der im ‚Berlinale Shorts‘-Programm der 75. Berlinale 2025 lief, wie viel ihrer eigenen Kindheitsgeschichte darin steckt, wie sie visuell die zwei Perspektiven eingefangen haben und wie es war mit den Jungschauspieler:innen zu arbeiten.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?

Der Begriff casa chica (kleines Haus) bezieht sich auf eine Form des Konkubinats in der mexikanischen Gesellschaft, bei der einige verheiratete Männer eine Zweitfamilie – Frau und Kinder – getrennt von ihrer Hauptfamilie, der casa grande (großes Haus), unterhalten. Dies ist meine Geschichte.

Ich wusste immer, dass ich eine Halbschwester hatte, eine Gleichaltrige, die fast meinen Namen trug. Ich hatte immer das Gefühl, dass es noch jemanden wie mich gab – jemanden, dem mein Vater einen Gutenachtkuss geben konnte.

Während der Pandemie begab ich mich auf eine Reise der dokumentarischen und bildlichen Recherche. In Gesprächen mit meiner Mutter und meinem Bruder versuchte ich, die bruchstückhaften Erinnerungen an diese Parallelfamilie zu rekonstruieren, die mich so lange beschäftigt hatte. Als die Welt zum Stillstand kam, wurde eine kleine Kamera zum perfekten Werkzeug, um in die Vergangenheit zu blicken.

Jedes Mitglied meiner Familie erinnerte sich auf völlig unterschiedliche Weise an den Schmerz jener Zeit. Ich hielt an den bruchstückhaften Erinnerungen eines sechsjährigen Mädchens fest; meine Mutter erleichterte ihre Erlebnisse durch die Linse der Kämpfe einer alleinerziehenden Mutter. Was mich jedoch am meisten beeindruckte, war die Geschichte meines Bruders: ein elfjähriger Junge, der zu meinem Beschützer wurde, aber unweigerlich zu einem zerbrechlichen und vorzeitig belasteten Erwachsenen heran wuchs.

Die Erkenntnis, dass sich „unsere Geschichte“ aus so unterschiedlichen Perspektiven zusammensetzt, wurde zum Rückgrat von „Casa Chica“. Im Kern ist es eine Hommage an meinen intimsten Komplizen: den Jungen, der tausend Schlachten schlug, damit ich weiterspielen konnte – meinen großen Bruder.

Die zwei Perspektiven sind eine großartige Idee – was war euch dabei auch visuell wichtig?

Ich danke dir! Von dem Moment an, als ich mit dem Schreiben des Drehbuchs begann, wusste ich, dass ich mit dem Erzählen aus zwei verschiedenen Perspektiven experimentieren wollte. Das ist ein Anliegen, das mich schon lange begleitet, und es wurde sogar noch präsenter, als ich meinen Dokumentarfilm „Invisible“ drehte, wo ich mit meiner Mutter und meinem Bruder über gemeinsame Familienwunden sprach, und es wurde sehr deutlich, dass unsere Erinnerungen völlig unterschiedlich sind.

Da das Herzstück des Kurzfilms in diesen gegensätzlichen Perspektiven liegt, wurde die visuelle Herangehensweise stark von meiner Zusammenarbeit mit Ángel Jara Taboada, meinem Kameramann, geprägt. Wir haben lange darüber diskutiert, wie die Kamera Valentinas Charakter begleiten sollte – mit Betonung auf Textur, Zeitfragmenten und ihrem etwas losgelösten Blickwinkel. Bei Quique wollten wir, dass die Kamera freier ist, dass sich die Zeit dehnt und der Rahmen sich öffnet, damit der Zuschauer die entscheidenden erzählerischen Elemente erfassen kann.

Ich spreche zwar hauptsächlich über meine Zusammenarbeit mit Ángel, weil sich die Frage auf das Visuelle bezieht, aber ich muss sagen, dass alle kreativen Abteilungen zum Aufbau beider Erzählwelten beigetragen haben. Es war mir ein großes Anliegen, eine rohe, natürliche, fast dokumentarische Atmosphäre zu schaffen – eine Art ästhetische Brücke zur Erinnerung.

Warum zeigst Du am Ende des Films ein eigenes Familienportrait?

Als ich den ersten Entwurf des Drehbuchs schrieb, bewegte mich der Gedanke, dass das endgültige Bild eine Erinnerung an meine Familie sein würde – wir drei saßen zusammengerollt auf einer Couch und schauten meinen Lieblingsfilm aus der Kindheit. Später hatte ich das Gefühl, dass ich diesen Moment, in dem die Zeit stillsteht, meiner echten Familie schenken wollte, um ihn durch die Magie des Kinos einzufangen. Ich weiß, das klingt vielleicht sentimental, aber es war unglaublich bewegend, sich diesen Sprung von der Fiktion zur Realität vorzustellen.

Auch für sie wurde es zu einer bedeutsamen Erfahrung. In gewisser Weise war es meine Art, anzuerkennen, dass, obwohl dies meine Version der Geschichte ist, meine Familie bei mir ist – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie war es, mit den Kindern zu arbeiten? Ihr habt einige kreative Idee eingebracht, um diese zum Spielen zu animieren, oder?

Ich liebe die Arbeit mit Kindern – sie sind für mich die besten Lehrmeister. Zusammen mit Meraqui Pradis, meiner Casting-Direktorin und Schauspieltrainerin, führen wir seit zehn Jahren ein Projekt namens „Pininos“ (was frei übersetzt „erste Schritte“ bedeutet) durch, das sich der Erforschung der Schauspielerei im Kindesalter für audiovisuelle Medien widmet. Ich glaube daran, dass man Kinder mit Respekt, Würde und Liebe behandeln sollte – und dass man anerkennen sollte, dass sie kreativ arbeiten und echte Mitarbeiter sind.

Für diesen Film habe ich mir erlaubt, ein flexibles Drehbuch zu schreiben. Ich wusste, was in jeder Szene im Hinblick auf die dramaturgischen Ziele passieren musste, aber ich ließ viel Raum für Improvisation und Spiel. Ich habe auch ein speziell illustriertes Drehbuch nur für die Kinder erstellt – ein kleines Buch, das die gesamte Geschichte anhand von Zeichnungen erzählt, die als emotionale Anhaltspunkte für die Reise der einzelnen Figuren dienen. Wir haben es gemeinsam mit ihren Eltern gelesen, und es wurde zu einer wunderschönen Erfahrung. Ich habe bei der Arbeit mit ihnen so viel gelernt.

Haben die Kinder den fertigen Film schon gesehen? Wie haben sie reagiert – die Geschichte so zu sehen?

Ja, sie haben ihn dieses Jahr gesehen. Es war ein sehr emotionaler Moment. Für Mauro (Quique) und Katy (Valentina) war es ihre erste Erfahrung mit einem audiovisuellen Projekt. Für Kala (Valeria) war es nicht das erste Mal, aber sie sagte, es sei trotzdem etwas Besonderes gewesen.

Es war wirklich schön, ihre Reaktionen zu beobachten – vor allem zu hören, wie sehr die Geschichte sie berührt hat. Sie sagten, dass es manchmal schmerzhaft war, aber sie waren stolz. Diesen Stolz in ihnen zu sehen, bedeutete mir alles.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ja, natürlich! Seit ich ein kleines Mädchen war, wollte ich Schriftstellerin werden. Ich liebte das Lesen, aber noch mehr liebte ich es, Geschichten zu erfinden – Welten zu erschaffen, sich Charaktere auszudenken und sie in kleinen Notizbüchern niederzuschreiben. Ich stamme aus einer Familie ohne direkten Bezug zur Kunst, und wir hatten nicht die Mittel für kulturelle Aktivitäten, aber meine Mutter schuf ein Zuhause voller Freiheit und Fantasie. Mein Bruder, der später Musiker wurde, hatte ebenfalls einen großen Einfluss – er ebnete uns beiden irgendwie den Weg.

Lau Charles, Regisseurin von „Casa chica“

Schließlich fand ich eine High School, die auf Kunst spezialisiert war. Es war schwierig, dort hineinzukommen, aber ich habe alles gegeben und wurde angenommen. Dort studierte ich Theater, und es wurde mir klar, dass ich nicht auf der Bühne stand, sondern die Figuren hinter den Kulissen, auf dem Papier, am liebsten gestaltete – haha.

Durch eine Fügung des Schicksals (und weil Kunst für mich schon immer sehr wichtig war), studierte ich anschließend Bildende Kunst an der La Esmeralda, der nationalen Schule für Bildende Kunst in Mexiko. Ich spezialisierte mich auf Malerei und Video, und die Malerei ist nach wie vor ein wichtiger Teil meiner kreativen Praxis.

Auf halber Strecke meines Studiums entdeckte ich das wahre Potenzial von Kurzfilmen, dank Sarah Minter – einer unglaublichen mexikanischen Videokünstlerin, die mir eine ganz neue Welt des Erzählens eröffnete. Schließlich beschloss ich, mich am Centro de Capacitación Cinematográfica (CCC) für ein Filmstudium zu bewerben. Es war eine schwierige Entscheidung – ich hatte bereits vier Jahre an der Universität verbracht, und die Filmschule bedeutete weitere sieben Jahre. Aber ich habe den Schritt gewagt. Meine Freunde haben mich ermutigt, und meine Familie stand wie immer an meiner Seite.

Rückblickend war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Das Filmemachen prägt mich. Es bewegt mich. Und ich kann mir mein Leben nicht vorstellen, wenn ich nicht durch diese Linse schaffe.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja! Ich schreibe gerade an meinem ersten Spielfilm und bin unglaublich aufgeregt darüber. Dank des Weges, den „Casa Chica“ ebnet, erscheint es mir mehr und mehr möglich, das Projekt zusammen mit demselben großartigen Team zu entwickeln, das diesen Kurzfilm zum Leben erweckt hat. Es wird ein langer Weg werden – ich bin jetzt in der Schreibphase und arbeite an kreativer Recherche, Charakterentwicklung, Labors und Interviews. Aber ich bin begeistert, dass es jetzt losgeht. 

Daneben unterrichte ich weiterhin, male und arbeite als Schauspielcoach, um andere Regisseure in ihrem Prozess zu unterstützen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Casa Chica


Interview: In our conversation with the Mexican director and screenwriter, we learned more about her short film „Casa Chica„, which screened in the ‚Berlinale Shorts‚ program of the 75th Berlinale 2025, how much of her own childhood story is in it, how they visually captured the two perspectives and what it was like to work with the young actors.

How did the idea for your short film come about?

The term casa chica (small house) refers to a form of concubinage in Mexican society, where some married men maintain a secondary family—a wife and children—separate from their primary family, known as the casa grande (big house). This is my story.

I always knew I had a half-sister, someone my age who almost shared my name. There was always a lingering sense that someone else like me existed—someone my father might kiss goodnight.

During the pandemic, I embarked on a journey of documentary and pictorial research. Through conversations with my mother and brother, I sought to reconstruct the fragmented memories of that parallel family that had occupied my thoughts for so long. As the world came to a standstill, a small camera became the perfect tool to peer into the past.

Each member of my family remembered the pain of that period in fundamentally different ways. I held onto the fragmented memories of a 6-year-old girl; my mother relieved her experiences through the lens of a single mother’s struggles. But what struck me most was my brother’s story: an 11-year-old boy who became my guardian and protector, yet inevitably grew into a fragile and prematurely burdened adult.

Realizing that „our story“ was composed of such diverse perspectives became the backbone of „Casa Chica“. It is, at its core, a tribute to my most intimate accomplice: the boy who fought a thousand battles so I could keep playing — my big brother.

The two perspectives are a great idea – what was important to you visually?

Thank you! From the moment I started writing the script, I knew I wanted to experiment with storytelling through two different perspectives. It’s a concern that has been with me for a long time, and it became even more present while filming my documentary Invisible, where I spoke with my mother and brother about shared family wounds, and it became very clear that our memories were completely different.

Since the heart of the short film lies in these contrasting perspectives, the visual approach was deeply shaped by my collaboration with Ángel Jara Taboada, my cinematographer. We discussed at length how the camera would accompany Valentina’s character — emphasizing texture, fragmented time, and her somewhat disconnected point of view. With Quique, we wanted the camera to be freer, allowing time to stretch and the frame to open up so the viewer could grasp crucial narrative elements.

While I’m talking mostly about my collaboration with Ángel because the question is about visuals, I have to say all creative departments contributed to building both narrative worlds. I cared deeply about creating a raw, natural, almost documentary-like feel — a kind of aesthetic bridge to memory.

Why do you show your own family portrait at the end of the movie?

When I wrote the first draft of the script, I was moved by the idea that the final image would be a memory of my family — the three of us curled up on a couch, watching my favorite childhood movie. Later, I felt like I wanted to gift that suspended moment in time to my real family, to capture it through the magic of cinema. I know it might sound sentimental, but it was incredibly moving to imagine that jump from fiction to reality.

It also became a meaningful experience for them. In a way, it was my way of acknowledging that even though this is my version of the story, my family is right there with me — quite literally.

What was it like working with the children? You came up with some creative ideas to get them to play, didn’t you?

I love working with children — they are, to me, the greatest teachers. Together with Meraqui Pradis, my casting director and acting coach, we’ve been running a project for ten years called „Pininos“ (which loosely translates to „first steps“) dedicated to exploring acting in childhood for audiovisual media. I believe in treating kids with respect, dignity, and love — acknowledging that they are doing creative work and are true collaborators.

For this film, I allowed myself to write a flexible script. I knew what needed to happen in each scene in terms of dramatic objectives, but I left plenty of space for improvisation and play. I also created a special illustrated script just for them — a little book that told the entire story using drawings that served as emotional cues for each character’s journey. We read it together with their parents, and it turned into a beautiful experience. I learned so much from working with them.

Have the children already seen the finished movie? How did they react to seeing the story like this?

Yes, they watched it this year. It was a deeply emotional moment. For Mauro (Quique) and Katy (Valentina), it was their first experience in an audiovisual project. For Kala (Valeria), it wasn’t her first, but she still said this one felt special.

Watching their reactions was truly beautiful — especially hearing them express how the story touched them. They said it was painful at times, but they were proud. Seeing that pride in them meant everything to me.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking?

Of course! Ever since I was a little girl, I wanted to be a writer. I loved reading, but what I loved even more was inventing stories — building worlds, imagining characters, and writing them down in little notebooks. I come from a family with no direct ties to the arts, and we didn’t have the means for cultural activities, but my mom created a home full of freedom and imagination. My brother, who later became a musician, was also a big influence — he somehow carved a path for both of us.

Eventually, I found a high school specialized in the arts. It was tough to get in, but I gave it everything and was accepted. There, I studied theater, and it became clear that what I enjoyed most was not being on stage, but shaping the characters behind the scenes, on paper — haha.

By a twist of fate (and because art has always felt essential to me), I went on to study Visual Arts at La Esmeralda, the national fine arts school in Mexico. I specialized in painting and video, and painting remains a vital part of my creative practice.

It was halfway through my degree that I discovered the true potential of short films, thanks to Sarah Minter — an incredible Mexican video artist who opened up a whole new world of storytelling for me. Eventually, I decided to apply to the Centro de Capacitación Cinematográfica (CCC) to study film. It was a difficult choice — I had already spent four years in university, and film school meant another seven. But I took the leap. My friends encouraged me, and my family, as always, stood by my side.

Looking back, it was one of the best decisions of my life. Filmmaking shapes who I am. It moves me. And I can’t imagine my life without creating through that lens.

Are there any new projects planned?

Yes! I’m currently writing my first feature film, and I’m incredibly excited about it. Thanks to the path „Casa Chica“ is paving, it feels more and more possible to develop the project alongside the same amazing team that brought this short to life.

It’s going to be a long road — I’m in the writing phase now and working on creative research, character development, labs, and interviews. But I’m thrilled that it’s in motion.

Alongside that, I continue teaching, painting, and working as an acting coach, supporting other directors’ processes.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Casa Chica

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