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Filmkritik: Der französische Spielfilm „Mit Liebe und Chansons“ des kanadischen Regisseurs Ken Scott, der bisher mit seinen Filmen „Starbuck“ (2011) und „Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft“ (2013), die beide die gleiche Geschichte erzählen, aufgefallen ist, ist eine Adaption des autobiographischen Romans „Ma mère, Dieu et Sylvie Vartan“ (2021) von Roland Perez und erzählt von der Durchsetzungskraft einer Mutter und einem Sohn, der anfänglich nicht laufen kann.
Die resolute Esther (Leïla Bekhti) bringt in den 1960er Jahren in Paris ihr sechstes Kind zur Welt. Doch leider wird Roland mit einer Fehlbildung am Fuß geboren, sodass er sein ganzes Leben lang nicht von alleine laufen können wird. Doch Esther kann das nicht akzeptieren und sucht nach einer Heilung für ihren Sohn, erst bei vielen Ärzten, dann bei Gott und schließlich bei einer Heilerin, die ihm dann wirklich helfen kann. Doch dafür muss Roland (Naim Naji), der mittlerweile eigentlich zur Schule gehen müsste, eine Zeit lang unbeweglich bleiben. Dabei hilft ihm die Liebe zu den Chansons von Sylvie Vartan, die er dann als Erwachsener (Jonathan Cohen) auch in der Realität treffen darf. Auch als Erwachsener, er ist mittlerweile ein erfolgreicher Anwalt, sind ihm die Nähe und die stetigen Meinungsäußerungen seiner Mutter gewiss. Vielleicht kann sich das nur ändern, wenn er endlich heiratet.
Gabriel Hyvernaud, Leïla Bekhti, Naël Rabia, Nina Bouffier, Milo Machado-Graner
Der französische Rechtsanwalt, Radio- und Fernsehmoderator Roland Perez schrieb 2021 einen Roman über seine frühere Gehbehinderung, die Liebe und den Willen seiner Mutter und wie sie ihn auch als Mann geformt hat. Dabei kommt das Buch und so auch der Film nicht umhin, mit viel Liebe und Wärme auf alle Figuren zu blicken. Ken Scott, der zusammen mit Roland Perez das Drehbuch geschrieben hat, adaptiert den 224-seitigen Stoff in seinen 102-minütigen Spielfilm und trennt den Film in zwei Abschnitte. Im ersten sehen wir vor allem Esther bei ihrem Bemühen Roland heilen zu lassen. Dabei erleben wir das turbulente Familienleben mit sechs Kindern und dem jüngsten Kind, das sich bis zu seinem achten Lebensjahr nur kriechend und rutschend durch die Gegend bewegen konnte. Wir begleiten Esther bei all den Arztbesuchen, bei ihren Gebeten und wie sie sich mit dem Jugendamt anlegt. Im zweiten Teil des Films erleben wir den erwachsenen Roland, der weiterhin unter dem Einfluss der Mutter steht. Dabei kommt es immer wieder zu Fremdschäm-Momenten, wo man sich wünscht, dass er eigenständiger wäre. Die größte Kritik an dem Film kann man ihm neben einer gewissen sentimentalen Art vor allem in der Verklärung der Mutterfigur vorwerfen. Natürlich verdankt Roland ihr seine Gesundheit, doch zeigt dieser Willen auch eine enorme Sturheit. Eine Zeitlang ist man wie das Jugendamt davon überzeugt, dass sie ihrem Sohn definitiv Schaden zufügt. Auch als er bereits erwachsen ist, lässt sie ihn nicht in Ruhe und meint immer die richtige Antwort zu haben. Der Film will uns nun erzählen, dass dies schon richtig ist, aber es ist anstrengend zu sehen, wie dieser Sohn klein gehalten wird und selbst nicht weiß, wie sich eigene Entscheidungen anfühlen. Dadurch kann der Film auch weniger berühren, als er gerne möchte.
Optisch gelingt es der französischen Dramödie, die Zuschauer:innen in die 60er Jahre in Frankreich zu entführen. Das Interieur, die Farben, die Kleidung und das Lebensgefühl dieser Zeit werden wunderbar eingefangen. Auch das warme Licht trägt viel zur Stimmung bei, dass dieses Familienleben in einem glücklichen Licht erstrahlen lässt. Dazu kommt die Musik allen voran die Chansons der Sängerin Sylvie Vartan (*1944), die sich auch selbt verkörpert, die hier ebenfalls viel zur Wohlfühlatmosphäre beitragen. Der Film lebt von seinem positiven Familienzusammenhalt, deren Mitglieder über die Jahre hinweg von talentierten Jung-Darsteller:innen verkörpert werden. Bei der Wahl der Mutter, besetzt mit Leïla Bekhti (bekannt durch u.a. „Nur wir drei gemeinsam“ (2016)) entschied man sich, eine Darstellerin für alle Lebensalter zu verwenden. Sie spielt diese verschiedene Jahrzehnte gut, auch wenn die Altersmaske nicht hundertprozentig überzeugen kann. Als erwachsener Roland wurde eher für Komödien bekannte Jonathan Cohen („Budapest“ (2018)) besetzt, der es wenig schafft Sympathien aufzubauen, da er die ganze Zeit wirkt, als ob er aus Versehen in ein Dramödie geraten ist, so dass in der zweiten Hälfte des Films ein gewisses Gefühl von Länge entsteht. Das Bedürfnis, den realen Figuren gerecht zu werden, merkt man dem Film an. Dadurch gibt es keine wahre Auseinandersetzung mit dem toxischen Mutter-Sohn-Verhältnis, was weit über ein gesundes Verhältnis hinausgeht. Stattdessen wird zu viel Wert auf das Fühlen gelegt, das auch durch den kitschigen Score von Nicolas Errèra noch unterstrichen wird. Gelungen dagegen ist der Einsatz der Chansons, die es so auch verdientermaßen in den deutschen Titel geschafft haben.
Iliana Belkhadra, Naïm Naji, Gabriel Hyvernaud, Lionel Dray, Naël Rabia, Nina Bouffier
Fazit: Der französische Spielfilm „Mit Liebe und Chansons“ von Ken Scott ist eine Buchadaption nach einer wahren Begebenheit. Dabei legt er viel Wert darauf, den realen Personen gerecht zu werden, arbeitet viel mit warmen Farben und Licht und verwandelt das Familienleben so in eine Idylle. Eventuell fragwürdige Entscheidungen und Handlungen werden dabei gänzlich außer Acht gelassen, so dass hier zwar ein solider, ansehnlicher Film entstand, der aber zu vorsichtig mit seiner Vorlage umgeht, um einen eigenständigen Weg zu gehen.
Bewertung: 6/10
Kinostart: 27. November 2025
Trailer zum Film „Mit Liebe und Chansons“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Eintrag des Films „Mit Liebe und Chansons“ beim Verleiher Neue Visionen
- Michael Müller, ‚Boxoffice Frankreich: „Mit Liebe und Chansons“ klettert auf Platz 1‘, the-spot-mediafilm.com, 2025
- Wikipedia-Artikel über den Film „Once Upon My Mother“ (englisch)
- Aurore Engelen, ‚Review: Once Upon My Mother‘, cineuropa.org, 2025


