- „The Life of Chuck“ (2024) - 28. Februar 2026
- „Trash“ (2025) - 27. Februar 2026
- Kinostarts 26.02.2026 - 25. Februar 2026
27. Oktober bis 02. November 2025 / Cinestar, Passage Kinos, Schauburg, Cinémathèque Leipzig, UT Connewitz, Kinobar Prager Frühling und Schaubühne Lindenfels
Festivalbericht: In der letzten Oktoberwoche fand bereits zum 68. Mal das Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig, statt. Zum letzten Mal unter der Leitung von Christoph Terhechte, der im Corona-Jahr 2020 die Festivalleitung übernommen hatte, wurden zwar an weniger Spielstätten, aber mit der gleichen Programm- und Reihenvielfalt 252 Lang- und Kurzfilme gezeigt. Eröffnet wurde das Festival mit „Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students“ von Claire Simon, welcher sich darin der Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Ernaux über die Sichtweisen von Jugendlichen annähert.
Internationaler Wettbewerb – Dokumentation
Den Hauptpreis – Goldene Taube im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm – gewann der kroatische Beitrag „Peacemaker“ von Ivan Ramljak, der darin mit Zeitzeugen-Berichten und meist bisher unveröffentlichtem Material das Attentat auf Josip Reihl-Kir, den Polizeichef der Stadt Osijek, aus dem Jahr 1991 dokumentiert und was das für das Land bedeutete. Eine anderen Weg der Aufarbeitung geht die Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige in „Elephants & Squirrels“ (Regie: Gregor Brändli), der mit der Silbernen Taube Langfilm ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Kunst und ihren Recherchen spürt sie Raubgut auf, das sich in der Schweiz befindet und Anfang des letzten Jahrhunderts aus Sri Lanka entwendet wurde. Mit einem Art von Erbe beschäftigt sich auch der spanische Film „A Scary Movie“ von Sergio Oksman, der darin sich und seinen Sohn selbst ins Zentrum der Geschichte stellt und sich ausgehend von einem verlassenen Hotel Gedanken über das Land, die Kultur und auch was man seinen Kindern mitgibt, beschäftigt. Um diese Themen kreist auch die Dokumentation „Clan of the Painted Lady“ von Jennifer Chiu. Die in Kanada aufgewachsene Regisseurin Jennifer Chiu verfolgt ihre Wurzeln der Hakka über Landesgrenzen hinweg und erzählt dabei universell, aber auch auf warmherzige Weise sehr privat, ob die Kultur der Hakkas weiter bestehen kann und wird. Die Ringschnabelmöwen, die fast als ausgestorben galten, haben einen Weg gefunden, um weiter bestehen zu können: Auf einer riesigen Müllhalde vor den Toren Montreals haben sie eine Insel gefunden, wo sie sich kräftig vermehren können. Auf Augenhöhe und fast ausschließlich aus ihrer Perspektive dokumentiert der Filmemacher Serge-Olivier Rondeau in „The Inheritors“ ihre kleine Welt und schuf ein Tierportrait und so nicht den Menschen und dessen Sichtweise ins Zentrum rückt. Bereits zum dritten Mal auf dem DOK zu Gast war der österreichische Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter, dieses Mal hat er „Melt“, einen Film über Schnee, im Gepäck dabei. Dieser bringt das Publikum nach Japan, Österreich, Frankreich und an den Südpol und erzählt im unverkennbaren Stil des Regisseurs von den Veränderungen und dem Leben in und mit Schnee.
Die Goldene Taube Kurzfilm ging an Matilde-Luna Perotti und ihren Doku-Kurzfilm „After the Silence“, der sich dem totgeschwiegenen Thema Missbrauch in der Familie auf künstlerische Weise annähert. In „String Pieces“ von Vatae Kimlee, der die Silberne Taube Kurzfilm für den besten kurzen Dokumentarfilm eines Regietalents im Nachwuchsbereich erhielt, erzählt von der eigenen Einsamkeit und dem Leben der Großeltern am selben Ort mit Hilfe verschiedener Animationstechniken.
Internationaler Wettbewerb – Animation
Auch der Animationsfilm war mit fünf Langfilmen und 23 Kurzfilmen zahlreich auf dem Festival vertreten. Besonders auffällig ist bei der Auswahl oft die Bevorzugung der Mischform des Animadok, bei der reale Geschichten mit animierten Bildern untermalt werden. Zu dieser Kategorie gehört auch der diesjährige Gewinner Goldene Taube Langfilm Animation. Der kanadische Animationsfilm „Endless Cookie” von Seth Scriver und Peter Scriver, der über acht Jahre realisiert wurde, erzählt von zwei Brüdern die Geschichten zu einem Film machen wollen, aber da platzt die Familie, die zahlreichen Verwandten und einfach das ganze Leben immer wieder in die Arbeit hinein. So wird kurzerhand dieses Chaos mit fantastischen und bunten Bildern als Animationsfilm realisiert. Nach der Sichtung des humorvollen Film fühlt man sich beinah wie ein Teil der Familie. Weniger Verbindung findet man zu dem Werk „The Great History of Western Philosophy“ der verstorbenen Filmemacherin Aria Covamonas, die mit verkopften Collagen ihre Weltsicht und den Blick auf die Philosophie zum Leben erweckt. Auch der kanadische Animationsfilm „Death does not Exist“, der eine Geschichte von Widerstand erzählt, driftet in philosophische Betrachtungen ab und fordert das Publikum zum Mitdenken und Interpretieren auf.
Besonders unter den Animations-Kurzfilmen gab es viele herausragende Arbeiten und es wurden auch drei Kurzfilme davon mit einem Preis bedacht. Den Hauptpreis – die Goldene Taube Kurzfilm Animation – ging an den schwungvollen „Paradaïz” von Matea Radic. Zwei Partnerpreise gingen an die Arbeiten „Once in a Body” von María Cristina Pérez (mephisto 97.6 Preis) und „Clot“ von Levi Stoops (Gedanken-Aufschluss Animationsfilm). Der erste Film der kanadischen Filmemacherin erzählt von einer jungen Frau, die so stark mit ihrem eigenen Körper hadert, dass sie beinahe ihr Leben zerstört, und verwendet dafür prägnante, handgezeichnete Bilder. Levi Stoops beschäftigt sich auch mit dem Körper seines Protagonisten, auf dem sich eine ganze Menschheitsgeschichte abspielt, als dieser erkrankt. In „How a River is Born“ wird ebenfalls ein Körper zu einer ganzen Landschaft, nur entsteht diese bei Luma Flôres durch Verlangen. Auch der Körper der Hauptfigur des belgischen Kurzfilms „Murmuration“ von Janneke Swinkels und Tim Frijsinger erzählt von einer Wandlung und fängt in gelungenen Stop-Motion-Bildern den Alltag in einem Altenheim ein. Auch bei drei weiteren Filmen spielt eine gewisse Körperlichkeit eine Rolle. In „God is Shy“, der kurz danach auf dem 41. Interfilm Berlin 2025 ausgezeichnet wurde, erzählt der Regisseur Jocelyn Charles einen gelungenen Horrorfilm, in dem Gott Menschen als Gefäß missbraucht. Auch der Körper des Vaters der Protagonistin in „Floating“ von Jelena Milunović scheint nicht mehr ihm selbst zu gehören: Durch eine mentale Krankheit verwandelt er sich in einen Ballon, der über den anderen schwebt. Der Held in „Amarelo Banana“ fristet ein unaufgeregtes Dasein, bis er in einen benachbarten, fremden Kosmos eindringt und mit einer Gruppe eins werden kann.
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm
Im Deutschen Wettbewerb wurde der Film „Active Vocabulary“ von Yulia Lokshina mit der Goldenen Taube Langfilm ausgezeichnet. Es erzählt die Geschichte einer ukrainischen Lehrerin, die flüchten musste und in Berlin mit ihrer Schulklasse durch Nachstellung der Ereignisse diese reflektiert. Der film.land.sachsen-Preis für Filmkultur im ländlichen Raum, der jetzt zum zweiten Mal verliehen wurde, ging an den Diskurs-Film „Intersection – Alles ist politisch“ von Karoline Rößler, in der sie sechs Menschen zusammenkommen lässt, die darüber sprechen, was sich politisch und gesellschaftlich verändern muss, wenn man ein offenes und tolerantes Deutschland haben möchte. Auch um gesellschaftliche und vor allem strukturelle Veränderungen geht es in der Dokumentation „Weißer Rauch über schwarze Pumpe“. Darin vereinen sich Aufnahmen aus dem Jahr 1991, nachdem das Gaskombinat in dem Ort Schwarze Pumpe geschlossen wurde und viele vor einer ungewissen Zukunft standen, mit Aufnahmen aus der Gegenwart. So entstand ein gelungenes Portrait des ländlichen Osten über eine Zeitspanne von drei Jahrzehnten. Die beiden Dokumentationen „Nonna“ von Vincent Graf und „Holler for Service“ von Ole Elfenkaemper und Kathrin Seward konzentrieren sich dagegen ganz auf ihre Hauptfigur. Im zweiten Film lernen wir Kellie kennen, die in einem kleinen Ort im ländlichen Südwesten Georgias (USA) einen Hardware-Shop betreibt. In „Nonna“ blicken wir durch die Augen des Enkels auf seine Großmutter, die in Süditalien allein in einem großen Haus lebt und vor der Frage steht, ob das so bleiben soll. Auch der Gewinner der Goldenen Taube Kurzfilm -„Boma a Bopa“ von Jana Rothe – ist ein Portrait der eigenen Großeltern und schafft es damit das Publikum zu berühren.
Publikumswettbewerb & Doc Alliance Award
Seit fünf Jahren gibt es den Publikumswettbewerb auf dem DOK Leipzig. Die dort gezeigten Filme werden von einer Jury bestehend aus Filmfans aus der Region bewertet. Die Goldene Taube im Publikumswettbewerb ging an die iranische Dokumentation „Cutting Through Rocks“ von Sara Khaki und Mohammadreza Eyni. Sie begleiten darin Sera, die als erste Frau Gemeindevorsteherin ihrer Kommune wird und damit sind Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Der Blick abseits des Mainstreams eines Landes lohnt sich dabei oft. So begleitet die ukrainische Dokumentation „Queens of Joy“ von Olga Gibelinda eine Gruppe Transvestiten, die auch Kriegszeiten ihre Botschaft von Offenheit und Liebe verbreiten. Der tschechische Film „Better go Mad in the Wild“ von Miro Remo konzentriert sich auf ein ungewöhnliches Brüderpaar, das abseits andere Menschen beinahe ein Eremitenleben führt und mit seiner Energie und Lebensfreude ansteckend auf das Publikum wirkt. Auch war in vielen Wettbewerben ein Blick auf die USA vertreten. Die Regisseurin Suzannah Herbert schuf mit „Natchez“ gleich das Portrait eines ganzen Ortes. Die im US-Bundesstaat Mississippi gelegene Kleinstadt, die auf den ersten Blick berühmt ist durch ihre Villen aus der Antebellum-Ära, offenbart auf den zweiten Blick tief verwurzelten Rassismus. Wie gehen die Stadt und die Menschen mit ihrem Erbe um? Durch den Blick von Touristenführer:innen spürt der Film diese Frage nach. Im Doc Alliance Award Programm lief „Flophouse America“. In der Dokumentation erleben wir eine Kindheit, die geprägt ist von der Beengtheit der Wohnung und der Drogensucht der Mutter. Durch die unmittelbare Nähe der Kamera ist das Publikum ungeschönt und hautnah dabei.
Young Eyes & Kids DOK
Mittlerweile seit zehn Jahren gibt es das ‚Young Eyes‘-Programm auf dem DOK Leipzig. Das bietet ein kleines, aber feines Programm bereits für jugendliche Zuschauer:innen an. Den Young Eyes Film Award erhielt der belgische Dokumentarfilm „Fantastique“, in dem die Regisseurin Marjolijn Prins eine junge Akrobatikerin in Guinea auf ihrem Weg begleitet und dabei Gegenwind bekommt. Auch der jungen Mary Anning im gleichnamigen Animationsfilm von Marcel Barelli, der auch noch mit dem Kurzfilm „EX-tract“ zum sechsten Artensterben auf dem Festival vertreten war, werden einige Steine in den Weg gelegt. Basierend auf der historischen Persönlichkeit, die als erste Paläontologin in die Geschichte eingegangen ist, erzählt der Regisseur eine sympathische Coming-of-Age-Geschichte, die sich bereits für ein jüngeres Publikum eignet. Auf spielerische Art nähern sich auch die Filmemacher Mwita Mataro und Helmut Karner in ihrer Dokumentation „Austroschwarz“ dem Thema Rassismus an. Zum einen begleiten wir Mwita Mataro bei seinem alltäglichen Leben: Er berichtet von Erfahrungen, aber erleben wir auch mit Hilfe eines Animationsfilmsets, wie er mit Kindern diese Themen auf andere Weise erötert. Im Kurzfilmprogrammen für Kinder gab es viele Filme, die sich mit Heimatlosigkeit, Flucht und Neuanfängen beschäftigten u.a. die Kinderbuchverfilmung „Capybaras“, der polnische Animationsfilm „Writing Home“ von Eva Matejovičová über ein Borkenkäfermädchen, das einen Weg zurück sucht, und die beiden Animationsfilme „Volles Nest“ und „Books are made out Trees“.
Weitere Programmreihen
Die vier Wettbewerbe in diesem Jahr wurden durch viele, auch schon lange etablierte Filmreihen ergänzt. So konnte man im Panorama – Mittel- und Osteuropa u.a. die sympathische Dokumentation „Signs of Mr. Plum“ von Urszula Morga und Bartosz Mikołajczyk über den Grafikdesigner Karol Śliwka sehen. Auch gab es zwei Hommage-Reihen. Die eine widmete sich der amerikanischen Filmemacherin Lee Anne Schmitt, welche seit über 20 Jahren die Gesellschaft der USA mit Filmen wie „The Wash“ (2005), „The Last Buffalo Hunt“ (2011) und ihrem aktuellen Film „Evidence“ (2025) portraitiert. Darüber hinaus gab es vielfältige Animations-Kurzfilm-Programme u.a. zu den Künstlerinnen Niki Lindroth von Bahr und Réka Bucsi sowie eine Animationsfilm-Nacht rund um den Video-Synthesizer.
So war auch die 68. Ausgabe trotz Kürzungen, die vor allem dadurch spürbar waren, dass es von den Filmen oft weniger Vorstellungen gab und auch bestimmte Kinos nicht mehr dabei waren, ein durch und durch sehenswertes Festival. Mit seiner gelungenen Mischung aus Dokumentationen, Animationen und Hybridformen und zahlreichen Veranstaltungen war es ein abwechslungsreiches und wertiges Festival, mit dem sich Christoph Terhechte als Festivalleiter verabschiedete.
Weitere Preise:
-
- ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness und DEFA-Förderpreis
„The Woman Who Poked the Leopard“ (UG/ZA/Deutschland/USA, Regie: Patience Nitumwesiga) - MDR-Filmpreis
„Welded Together“ (Frankreich/Niederlande/Belgien, Regie: Anastasiya Miroshnichenko) - Preis der Interreligiösen Jury
„The Thing to Be Done“ (OT: „Ono što treba činiti“, Kroatien, RS, SI, Regie: Srđan Kovačević) - Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI Preis)
„The Red Moon Eclipse“ (OT: „L’éclipse de la lune rouge“, Belgien, Regie: Caroline Guimbal) - Gedanken-Aufschluss-Preis Dokumentarfilm
„Sedimente“ (Schweiz/Deutschland, Regie: Laura Coppens) - Filmpreis Leipziger Ring
„A Simple Soldier“ (Ukraine/USA/UK, Regie: Artem Ryzhykov und Juan Camilo Cruz)
- ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness und DEFA-Förderpreis
Trailer des 68. DOK Leipzig 2025:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Fotografien von Michael Kaltenecker
Quellen:
- Website des DOK Leipzig
- Wikipedia-Artikel über das DOK Leipzig