65. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2022

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17.-23. Oktober 2022 / CineStar, Passage Kinos, Regina Palast, Cinémathèque, Hauptbahnhof Osthalle, JSA Regis-Breitingen, Kinobar Prager Frühling, Museum der bildenden Künste Leipzig, Polnisches Institut, Schauburg, Schaubühne Lindenfels, Zeitgeschichtliches Forum

Festivalbericht: In diesem beinahe sommerlichen Herbst fand die 65. Ausgabe des Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK genannt, in der sächsischen Großstadt Leipzig statt. Eine Woche früher als gewohnt, vom 17. bis 23. Oktober, hatte man die Möglichkeit, in zwölf Spielstätten 255 Filme aus 55 Ländern zu sehen. Zudem waren zahlreiche Filme anschließend auch eine Woche im Stream verfügbar. So konnte man die beiden Wochen mit vielen interessanten, wertvollen aber auch künstlerischen Filmen füllen, von denen 21 Kurz- und Langfilme ausgezeichnet wurden.

Internationaler Wettbewerb

Im Petersbogen Leipzig

Den Hauptpreis, die Goldene Taube, gewann der Dokumentarfilm Anhell69“ von Theo Montoya. Er erzählt von der LGBTQ!+-Gemeinschaft in der kolumbianischen Stadt Medellín. Im Zentrum ihres Lebens stehen das Hier und Jetzt und ein Nicht-Vorausschauen auf die Zukunft. So lichten sich ihre Reihen auch leider durch viele Verluste, so dass sich eine Schwermütigkeit über den Film und über die ganze Stadt legt. Auch dem Gewinner der Silbernen Taube, „A Life Like Any Other“, der desweiteren den Preis der Interreligiösen Jury erhalten hat, liegt Melancholie zugrunde. Die junge Filmemacherin Faustine Cros geht mit Material aus vielen Jahrzehnten der Frage nach, ob ihre Mutter glücklich ist und ob sie das Leben lebt, was sie wollte. Dabei geht sie behutsam vor, traut sich aber auch, die schwierigen Fragen des Mutterseins anzusprechen. Der Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI Preis) ging an einen ebenso autobiographischen Film: „One Mother“ von Mickaël Bandela beschäftigt sich mit Fragen nach dem (richtigen) Muttersein. Doch nicht nur persönliche Stoffe fanden sich im internationalen Programm, sondern auch universelle Geschichten. Zwei Filme blieben dabei eindringlich in Erinnerung. Zum einen der österreichische Film „Matter out of Place“ von Nikolaus Geyrhalter, der sich mit dem weltweit anfallenden Müll und dessen Entsorgung beschäftigt. Zum anderen der Film „Divine Factory“, in dem sich der Regisseur Joseph Mangat in einer der größten Fabriken für religiöse Devotionalien in Philippinen eine Zeit lang einnistete.

Schaubühne

Auch der Kurzfilm war im Internationalen Wettbewerb wieder stark vertreten. Gleich vier Preise wurden unter den 24 Kurzfilmen vergeben. Die mit 3000€ dotierte Goldene Taube als Bester Dokumentarfilm gewann der chinesische Kurzfilm „Will You Look at Me“, in dem ein Sohn seine Mutter mit seiner Homosexualität konfrontiert. Die ebenfalls mit dem gleichen Geldwert dotierte Goldene Taube für den besten Animationsfilm erhielt der lettisch-polnische Kurzfilm „Misaligned“ von Marta Magnuska, die darin stimmungsvoll die Corona-Zeit in der häuslichen Isolation einfängt. Die Silberne Taube für den besten kurzen Dokumentar- oder Animationsfilm einer Nachwuchsregie ging an den koreanischen Film „Persona“ von Sujin Moon, der eindringlich einfängt, was es heißt, in den Sozialen Medien ein anderes Gesicht aufzusetzen. Weitere großartige Animationsfilme befanden sich im Internationalen Programm, u.a. der herzerfrischend ehrliche „Rosemary A.D. (After Dad)“, Der surreale Stop-Motion-Film „Dog-Apartment“ und der herrliche Nonsense-Film „The Debutante“ von Elizabeth Hobbs. Auch für experimentelle Arbeiten ist das Leipziger DOK immer offen. So konnte man auch Filme wie den ebenfalls ausgezeichneten „Sliver Cave“ von Caibei Cai sehen, in dem mysteriöse Animationen mit Free-Jazz-Klängen verschmelzen.

Deutscher Wettbewerb

Cineplex Leipzig

Auch im Deutschen Wettbewerb gab es unter den Lang- und Kurzfilmen viel zu entdecken. Als emotionaler Höhepunkt kann der Film „Blauer Himmel Weiße Wolken“ von Astrid Menzel angesehen werden, die sehr persönlich von der Demenzerkrankung ihrer geliebten Großmutter erzählt und dafür den Young Eyes Film Award erhielt. Auch andere Geschichten speisen sich aus dem persönlichen Erfahrungen der Filmemacher:innen. So auch der Gewinnerfilm der Goldenen Taube,Die toten Vögel sind oben“ von Sönje Storm, welche darin von ihrem Großvater und seiner Leidenschaft für besondere Fotografien von Flora und Fauna berichtet und dafür einen nüchternen sehr sachlichen Dokumentarfilmstil wählte. Ganz anders ist das Portrait über Lothar König geworden. Sein Sohn Tilman König berichtet in seinem Film „König hört auf“ von der Arbeit seines Vaters als Jugendpfarrer und Aktivist in Jena. Dafür erhielt der Film gleich zwei Preise: den Filmpreis Leipziger Ring und den ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness. Einer der Filme, die ebenfalls lange im Gedächtnis bleiben, ist die Dokumentation „Wanderjahre“, welche die Köchin Agnes Karrasch über mehrere Jahre begleitet, in denen sie in Sterne-Restaurant-Küchen in Wien, Barcelona und auf der Färöer-Inseln Erfahrungen sammelt und so herausfindet, was sie für ihre Zukunft will. Auch in dem 45-minütigen Film „Uncanny Me“ von Katharina Pethke geht es um eine Zukunftsfrage. Das Modell Male überlegt, ob sie einen Avatar von sich erstellen lassen will und was das für sie und ihre Arbeit bedeutet. Einer der Höhepunkt des Deutschen Wettbewerbs war die neueste Doku Pepe Danquarts – ein Portrait des eigenwilligen Künstlers Daniel Richter, mit dem er sich unterhält, aber auch beschwingt den Schaffensprozess seiner Kunst verfolgt. 

Im Kurzfilmsektor stachen der Anime-Dok „Biegen und Brechen“ von Falk Schuster und Mike Plitt hervor, der vom Jugendwerkhof Torgau in der DDR berichtet, sowie die Dokumentation „Border Conversations“, die Helferinnen an der polnischen Grenze zu Belarus im Winter 2021 bei ihrer zermürbenden, aber unermüdlichen Arbeit begleitet und zeigt, wie es sich anfühlt gegen Riesen zu kämpfen. Dafür wurde der Regisseur Jonathan Brunner mit der Silbernen Taube ausgezeichnet. 

Wettbewerb um den Publikumspreis

Cineplex Leipzig

Seit dem 63. DOK Leipzig 2020 wird zusätzlich der Publikumspreis verliehen, wobei dieser ebenfalls durch eine Jury vergeben wird. Die Goldene Taube erhielt der Regisseur Maksym Melnyk für seine Dokumentation „Drei Frauen“. In dieser besucht er zusammen mit seinem deutschen Kameramann den kleinen, ukrainischen Ort Stuschyzja an der EU-Grenze und trifft dort auf die drei titelgebenden Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führen. Mit viel Herzlichkeit und Offenheit hat er über einen längeren Zeitraum ihr Leben portraitiert. Kein Wunder also, dass er auch noch den DEFA-Förderpreis erhielt. Der Sieger der Herzen war aber der britische Film „A Bunch of Amateurs“ von Kim Hopkins. Ebenfalls über einen längeren Zeitraum begleitete die Regisseurin den Filmclub ‚Bradford Movie Makers‘ und schuf ein herzensgutes, humorvolles Portrait, sodass man abwechselnd Weinen und Lachen muss. Eindrucksvoll war auch die Langzeitbeobachtung von Ryan Maxey – „One Road to Quartzsite“. Zu dem titelgebenden Ort in Arizona fliehen viele Menschen vor dem Kälteeinbruch im Winter. Maxey wird ein Teil der Gemeinschaft und lässt die Menschen und Bilder für sich sprechen. 

Der russische Animationsfilm „Lada, Ivan’s Sister“ wurde als bester Kurzfilm in diesem Wettbewerb ausgezeichnet und erzählt als bunter Anime-Dok von einer Transition und macht damit gute Laune. Ebenfalls fielen in diesem Programm zwei Stop-Motion-Filme auf. Zum einen der neueste Film von Julia Orlik – „This Will Not Be a Festival Film“, der sehr humorvoll vom kreativen Schaffen berichtet. Der aus Pappe und Zeichnungen entstandene „Slow Light“ erzählt eine Geschichte von Bereuen und Zurückblicken. Amüsanter ist unterdessen der kurzweilige 3D-Film „Anscht“, der bestimmt jede:r Zuschauer:in aus dem Herzen spricht. 

Weitere Reihen, Schwerpunkte und filmische Entdeckungen

Passage Kinos

Neben den Wettbewerbsprogrammen gab es noch viele weitere Programme und Werke zu entdecken. Sei es der Eröffnungsfilm „No Dogs or Italians allowed“ von Alain Ughetto, ein Stop-Motion-Film, der eine bewegte Familiengeschichte erzählt, oder der Dokumentarfilm „Silent Love“, der den MDR-Filmpreis gewonnen hat. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die im konservativen Polen das Sorgerecht für ihren Bruder beantragt und gleichzeitig dort ein neues Leben mit ihrer Lebensgefährtin aufbaut. Auch gab es in diesem Jahr wieder eine Animationsfilmreihe, das DOK Neuland, in der man Virtual Reality Filme sehen konnte, den Kids-Block und Sonderreihen zu ausgewählten Künstlern. So u.a. zu der Filmemacherin Mila Turajlić, die mit drei Dokumentarfilmen u.a. ihrem neuesten Film „Ciné-Guerrillas: Scenes from the Labudović Reels“ anwesend war. Besonders gelungen war aber die Sonderreihe zu Themen rund um den Klimaschutz: ‚Zeit zu handeln‘. Hier konnte man Filme zu vielen verschiedenen Themenschwerpunkte aus den unterschiedlichsten Winkeln der Erde sehen. Der Film „Geographies of Solitude“ entführt die Zuschauer:innen auf eine einsame Insel vor der Küste Kanadas, auf der eine einzelne Frau seit Jahren die Verschmutzung der Meere erfasst. „Delikado“ zeigte die Arbeit einer Gruppe Freiwilliger, die auf der philippinischen Insel Palawan den Regenwald schützen wollen und dadurch immer wieder selbst in Gefahr geraten.

Fazit: Die 65. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2022 bot, wie man es gewohnt ist, eine große Bandbreite an tollen Dokumentationen aus vielen Ländern. Die Wettbewerbsbeiträge waren überraschend, informativ und außergewöhnlich, ebenso wie viele Filme der Sonderreihen. So hatte man stets die Qual der Wahl und wurde nie enttäuscht. Denn das DOK bietet Dokumentarfilme von außergewöhnlich hohem Niveau und ist somit immer wieder eine Entdeckung wert.

Trailer des 65. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2022:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

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Quellen:

Liste alle Filme im Text:

  • „A Bunch of Amateurs“ (OT: „A Bunch of Amateurs“, 2022, UK, Regie: Kim Hopkins)
  • „A Life Like Any Other“ (OT: „Une vie comme une autre“, 2022, Belgien/Frankreich, Regie: Faustine Cros)
  • „Anhell69“ (OT: „Anhell69“, 2022, Kolumbien/Frankreich/Deutschland/Rumänien, Regie: Theo Montoya)
  • „Anscht“ (OT: „Anscht“, 2022, Schweiz, Regie: Matthias Huber)
  • „Biegen und Brechen“ (OT: „Biegen und Brechen“, 2022, Deutschland, Regie: Falk Schuster und Mike Plitt)
  • „Blauer Himmel Weiße Wolken“ (OT: „Blauer Himmel Weiße Wolken“, 2022, Deutschland, Regie: Astrid Menzel)
  • „Border Conversations“ (OT: „Border Conversations“, 2022, Deutschland, Regie: Jonathan Brunner)
  • „Ciné-Guerrillas: Scenes from the Labudović Reels“ (OT: „Ciné-Guerrillas: Scenes from the Labudović Reels“, 2022, Serbien/Frankreich, Regie: Mila Turajlić)
  • „Delikado“ (OT: „Delikado“, 2022, USA/UK/Philippinen/China/Australien, Regie: Kalr Malakunas)
  • „Die toten Vögel sind oben“ (OT: „Die toten Vögel sind oben“, 2022, Deutschland, Regie: Sönje Storm)
  • „Divine Factory“ (OT: „Divine Factory“, 2022, Philippinrn/USA/Taiwan, Regie: Joseph Mangat)
  • „Dog-Apartment“ (OT: „Koerkorter“, 2022, Estland, Regie: Priit Tender)
  • „Drei Frauen“ (OT: „Drei Frauen“, 2022, Deutschland, Regie: Maksym Melnyk)
  • „Geographies of Solitude“ (OT: „Geographies of Solitude“, 2022, Kanada, Regie: Jacquelyn Mills)
  • „König hört auf“ (OT: „König hört auf“, 2022, Deutschland, Regie: Tilman König)
  • „Lada, Ivan’s Sister“ (OT: „Lada, sestra Ivana“, 2021, Frankreich/Russland, Regie: Olesya Shchukina)
  • „Matter out of Place“ (OT: „Matter out of Place“, 2022, Österreich, Regie: Nikolaus Geyrhalter)
  • „Misaligned“ (OT: „Koniunkcja“, 2022, Lettland/Polen, Regie: Marta Magnuska)
  • „No Dogs or Italians allowed“ (OT: „Interdit aux chiens et aux Italiens“, 2022, Frankreich/Italien/Belgien/Schweiz/Portugal, Regie: Alain Ughetto)
  • „One Mother“ (OT: „Une mère“, 2022, Frankreich, Regie: Mickaël Bandela)
  • „One Road to Quartzsite“ (OT: „One Road to Quartzsite“, 2022, USA, Regie: Ryan Maxey)
  • „Persona“ (OT: „Gakjil“, 2022, Südkorea, Regie: Sujin Moon)
  • „Rosemary A.D. (After Dad)“ (OT: „Rosemary A.D. (After Dad)“, 2021, USA, Regie: Ethan Barrett)
  • „Silent Love“ (OT: „Silent Love“, 2022, Deutschland/Polen, Regie: Marek Kozakiewicz)
  • „Sliver Cave“ (OT: „Yin mu“, 2022, China, Regie: Caibei Cai)
  • „Slow Light“ (OT: „Slow Light“, 2022, Polen/Portugal, Regie: Katarzyna Kijek und Przemysław Adamski)
  • „The Debutante“ (OT: „The Debutante“, 2022, UK, Regie: Elizabeth Hobbs)
  • „This Will Not Be a Festival Film“ (OT: „To nie będzie film festiwalowy“, 2022, Polen, Regie: Julia Orlik)
  • „Uncanny Me“ (OT: „Uncanny Me“, 2022, Deutschland, Regie: Katharina Pethke)
  • „Wanderjahre“ (OT: „Wanderjahre“, 2022, Deutschland/Österreich, Regie: Gereon Wetzel und Melanie Liebheit)
  • „Will You Look at Me“ (OT: „当我望向你的时候“, 2022, China, Regie: Shuli Huang)

Liste aller in der Restkammer rezensierten Filme vom 65. DOK Leipzig:

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