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Interview: Im Gespräch mit der italienischen in Estland lebenden Filmemacherin Silvia Lorenzi konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Room Number“ (OT: „Numbrituba“) erfahren, der auf dem 35. Filmfestival Cottbus 2025 seine Weltpremiere feierte, wie sich die Geschichte aus verschiedenen Erlebnissen zusammensetzt, ob es ein Proof-of-Concept für einen Langfilm ist und warum sie sich entschieden hat, nur düstere Themen in diesem Film zu erzählen.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Geschichte zu eurem Kurzfilm entstanden?
Vor vielen Jahren hatte ich einen Liebhaber aus Paris. Als wir uns in Mailand trafen, beschlossen wir, ein paar Stunden in einem Stundenhotel zu verbringen. Dort fantasierten wir darüber, wer wohl in diesem Motel wohnen oder dort vorbeikommen könnte. Als ich nach Hause kam, schrieb ich eine kleine Szene darüber auf. Es war nur die Liebhaberszene. Die verschiedenen Charaktere spiegelten verschiedene Menschen wider, die ich bin oder auf meinem Weg getroffen habe. Als ich die Geschichte wieder aufgriff, um sie in ein Drehbuch umzuwandeln, entwickelte ich die Charaktere weiter. Zur gleichen Zeit beging einer meiner guten Freunde Selbstmord, den ich nur wenige Nächte zuvor getroffen hatte. Ich musste diese Emotionen loswerden und habe sie daher in eine Figur einfließen lassen. In „Room Number“ ist die Figur nicht mental, sondern physisch gefangen; ich wollte das Gefühl, gefangen und unfähig zu sein, sich zu bewegen, visuell darstellen. Jey ist weit weg von zu Hause, möchte aber ihre Familie nicht enttäuschen (ein Gefühl, das mir als jemandem, der viele Jahre im Ausland gelebt hat, sehr vertraut ist), sodass jede Figur entweder einen Teil von mir oder einen Teil von jemandem enthält, den ich in meinem Leben getroffen habe.
Die Tonalität des Films ist eher düster – viele ernste Themen werden angeschnitten. Warum habt ihr euch dagegen entschieden, auch eine leichtere Geschichte zu erzählen?
Vorher war es etwas leichter, aber es gab einige Szenen, die ich streichen musste, weil sie im Kontext nicht funktionierten. Mit dem Cutter haben wir die Geschichte im Grunde fast neu geschrieben. Als ich zur RIFF fuhr, um den Film vorzustellen, traf ich eine Programmiererin aus Venedig. Ich war unsicher, was den Ton des Films anging, und wollte ihn leichter halten, aber ich hatte zusammen mit dem Cutter das Gefühl, dass er in der Struktur nicht funktionierte. Als ich die Programmiererin traf, bestätigte sie unsere Instinkte und riet uns, den Film so zu schneiden und neu zu bearbeiten, wie wir es in Erwägung gezogen hatten. Sie sagte etwas, das ich nie vergessen werde: „Habt keine Angst, eine dunklere Geschichte zu machen. Wenn der Film in diese Richtung gehen muss, dann lasst ihn gehen.“ Als wir den Film neu bearbeiteten, machte er viel mehr Sinn und fühlte sich wie die richtige Richtung an. Es gibt Momente, in denen ein Film ein Eigenleben entwickelt, und das Beste ist, ihn gehen zu lassen, wohin er will.
Ist der Kurzfilm ein Proof of Concept für einen Langfilm? Kannst Du einen Sneak Peak geben, was dort dann noch passieren wird?
Ich würde nicht sagen, dass es ein Proof of Concept ist, aber ich wollte herausfinden, wie man mit einem Folgeskript arbeiten kann. In dem Spielfilm, den ich zu schreiben versuche, habe ich mich wieder einmal mit Zeit und Interaktion auseinandergesetzt. Er spielt an zwei Tagen in Tallinn und zeigt verschiedene Charaktere, die von Menschen inspiriert sind, die ich in diesem Jahr getroffen habe. Gemeinsam verkörpern sie Zerbrechlichkeit, Humor, Melancholie und das Bedürfnis, akzeptiert zu werden, sich zu befreien, zu lieben, zu trauern – und einen Hauch von dunkler Ironie.
Wo und wie lange habt ihr gedreht – was lag euch visuell am Herzen bei der Ausgestaltung der Räume?
Wir haben zehn Tage lang ununterbrochen gedreht und dann später im Juli die Traumsequenz gedreht. Bei der Suche nach Drehorten fanden wir einen Ort, der uns völlige Freiheit gab, sodass wir das gesamte Set umbauen konnten. Ich bin meiner Art Designerin Emma Tilk unglaublich dankbar für ihre Geduld mit zwei Menschen wie mir und Fidelia [Kamerafrau], die beide buchstäblich besessen von Details sind. Ich habe mir sogar Material aus Italien schicken lassen, weil ich in Estland nicht genau das finden konnte, was ich wollte. Wir wollten etwas visuell Auffälliges und sehr Kontrastreiches haben. Sowohl Fidelia als auch ich lieben das asiatische Kino und wir haben uns viele Filme aus Japan, Korea und vor allem Hongkong angesehen, um uns von ihren visuellen Strukturen und der kontrastreichen Beleuchtung inspirieren zu lassen. Für die Traumsequenz wollte ich etwas ganz anderes, und Fidelia schlug vor, ein bestimmtes Objektiv zu verwenden, das sie modifiziert hatte. Es hat sehr viel Spaß gemacht, zu experimentieren. Aber alles, was man im Raum sieht, wurde sorgfältig ausgearbeitet – von den Wänden über die Teppiche bis hin zu einigen Möbeln; wir haben sogar die Gitterstäbe am Fenster entfernt. Es gab noch ein paar andere Dinge, die wir getan haben, um den Look und das Gefühl zu erreichen, das wir für die Aufnahmen wollten, aber ich werde sie nicht verraten – ich möchte nicht zu viel verraten.
Der Film spielt nachts und ihr habt mit wenigen Lichtquellen gearbeitet. Kannst Du mir mehr über die Kamera- und Lichtarbeit erzählen?
Wir haben mit einer ganzen Reihe von Lichtquellen gearbeitet. Wir setzten sowohl praktische als auch kontrastreiche und tiefe Beleuchtungseinstellungen ein. Unsere größte Herausforderung war der Wettlauf mit der Zeit. Wir drehten im Mai in Estland, wenn die Nächte kürzer werden und die Sonne jeden Tag früher aufgeht. Wir mussten schnell arbeiten, um alles zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang einzufangen.
Wie verlief der Casting-Prozess und auf worauf habt ihr euer Augenmerk gelegt?
Ich habe das Casting selbst durchgeführt, mit Hilfe des Produzenten. Ich arbeite seit sechs Jahren als Casting-Direktorin, kenne also ziemlich viele Schauspieler. Ich hatte schon während der Schreibphase eine klare Vorstellung davon, welche Schauspieler ich für die einzelnen Rollen haben wollte, sodass der Casting-Prozess recht kurz war. Nur das Casting von Serena hat länger gedauert. Da sie aus Italien kam, wurde sie von einem Freund empfohlen, aber ich habe auch auf Plattformen gesucht und sie gebeten, mir Material für eine Szene zu schicken. Für die Rolle von Jey haben wir auch Vorsprechen veranstaltet. Ich wusste, dass ich keinen professionellen Schauspieler für diese Rolle finden würde, weil in Estland nicht viele professionelle asiatische Schauspieler leben, aber ich wollte jemanden, der in diesen sanften Zustand schlüpfen kann – minimale Schauspielerei, die hauptsächlich durch die Augen zum Ausdruck kommt. Für Serena wollte ich jemanden, der leicht provokativ ist, mit einer Art unbequemer Intensität. Sie sollte keine Estin sein, und sie zu einer Italienerin zu machen, wurde zu meinem schuldigen Vergnügen – schließlich stellt ihre Figur mich dar. Es hat Spaß gemacht, bei ihr Regie zu führen und gleichzeitig in Erinnerungen zu schwelgen.
Kannst Du mir zu Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe in Mailand Sprache und Literatur studiert. Als ich im Rahmen des Erasmus-Programms nach Estland kam, landete ich am Set eines Freundes für ein kleines Schulprojekt. Es war das erste Mal, dass ich eine Kamera an einem Filmset gesehen habe. Ich habe mich sofort verliebt. An diesem Tag spürte ich, dass es mein Schicksal war. Innerhalb von drei Monaten brach ich mein Studium in Mailand ab und bewarb mich an der Filmschule. Als meine Mutter davon erfuhr, war sie ein wenig schockiert. Ich machte die Aufnahmeprüfung, wurde angenommen, und bald darauf holte mich ein Freund, der in einer Casting-Agentur arbeitete, zu sich. Während ich arbeitete, begann ich, meine eigenen Projekte zu entwickeln.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ja, ich entwickle auch einen Spielfilm in Italien. Wir befinden uns noch in der Phase der Suche nach einer Finanzierung für die Drehbuchentwicklung, und ich arbeite mit zwei anderen Autoren zusammen. Ich bewerbe mich auch für ein neues experimentelles Animationsprojekt und bereite auch dafür Material vor. Außerdem organisiere ich zusammen mit Fidelia eine Reihe von Vorführungen erotischer Filme in estnischen Kinos unter dem Titel „Camera Erotica“.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Room Number“
Interview: In our conversation with Italian filmmaker Silvia Lorenzi, who lives in Estonia, we learned more about her short film „Room Number“ (OT: „Numbrituba“), which celebrated its world premiere at the 35th Cottbus Film Festival 2025, how the story is composed of various experiences, whether it is a proof of concept for a feature film, and why she decided to only address dark themes in this film.
How did the story for your short film come about?
Many years ago, I had a lover from Paris. When we met in Milan, we decided to spend a few hours in an hourly hotel. There, we found ourselves fantasizing about who might be living or passing by the motel. When I went home, I wrote down a small scene about it. It was only the lover scene. Different characters reflected different people I am or have met along the way. When I revisited the story to turn it into a script, I evolved the characters. At that same time, one of my good friends committed suicide, and I had met him just a few nights before. I needed to release some of that emotion, so I incorporated it into a character. In „Room Number“, the character is not stuck mentally but physically; I wanted a visual way to present the feeling of being trapped and unable to move. Jey is far from home but doesn’t want to disappoint her family (very familiar feeling for someone like me who has lived abroad for many years) so each character has either a part of me or a part of someone I met in my life.
The tone of the film is rather dark. It touches on many serious topics. Why did you decide against telling a lighter story?
It was a bit lighter before, but there were some scenes I had to cut because they weren’t working in the context. With the editor, we basically almost rewrote the story. When I went to RIFF for the work-in-progress, I met a programmer from Venice. I was unsure about the tone of the movie and wanted to keep it lighter, but I felt, along with the editor, that it wasn’t working within the structure. When I met the programmer, she confirmed our instincts and advised us to cut and re-edit in the same way we had been considering. She said something I’ll never forget: „Don’t be afraid to make a darker story. If the movie has to go in that direction, let it go.“ When we re-edited the movie, it made much more sense and felt like the right direction. There are moments when a movie takes on a life of its own, and the best thing is to let it go wherever it wants.
The short film is a proof of concept for a feature film. Can you give us a sneak peek of what will happen there?
I wouldn’t say it’s a proof of concept, but I wanted to explore how to work with a corollary script. In the feature I’m trying to write, I once again challenged myself with time and interaction. It takes place over two days in Tallinn, featuring different characters inspired by people I’ve met this year. Together, they embody fragility, humor, melancholy, and the need to be accepted, to break free, to love, to grieve — and a touch of dark irony.
Where and for how long did you shoot? What was important to you visually in terms of the design of the rooms?
We shot continuously for 10 days, and then filmed the dream sequence later in July. During location scouting, we found a place that gave us complete freedom, so we rebuilt the entire set. I am incredibly grateful to my art designer Emma Tilk for her patience in dealing with two people like me and Fidelia, both literally obsessed with details. I even had people sending me materials from Italy because I couldn’t find exactly what I wanted in Estonia. We wanted something visually striking and highly contrasting. Both Fidelia and I are in love with Asian cinema, and we watched many films from Japan, Korea, and especially Hong Kong to draw inspiration from their visual textures and contrasting lighting. For the dream sequence, I wanted something completely different, and Fidelia suggested using a specific lens she had been modifying. It was a lot of fun to experiment. But everything you see in the room was carefully crafted — from the walls to the carpets to some of the furniture; we even removed the bars from the window. There were a few other things we did to achieve the look and feel we wanted for the shots, but I won’t reveal them — I don’t want to spoil too much.
The film takes place at night and you worked with few light sources. Can you tell me more about the camera and lighting work?
We actually worked with quite a few light sources. We used practicals as well as lighting setups designed to create contrast and depth. Our main challenge was racing against time. We shot in May in Estonia, when the nights are getting shorter, so the sun rises earlier each day. We had to work quickly to capture everything between sunset and sunrise.
How did the casting process go and what did you focus on?
I handled the casting myself, with help from the producer. I’ve been working as a casting director for six years, so I know quite a few actors. I already had a clear idea, even during the writing phase, of which actors I wanted for each role, so the casting process was quite small. Only Serena’s casting took longer. Since she was coming from Italy, she was recommended by a friend, but I also searched platforms and asked her to send material based on a scene. For the role of Jey, we also held auditions. I knew I wouldn’t find a professional actor for that role, because there aren’t many professional Asian actors living in Estonia, but I wanted someone who could slip into that mellow state — minimal acting, mostly expressing through the eyes. For Serena, I wanted someone slightly provocative, with a kind of uncomfortable intensity. She wasn’t supposed to be Estonian, and making her Italian ended up being my guilty pleasure — after all, her character is portraying me. It was fun to direct her and take a walk down memory lane at the same time.
Can you tell me about yourself and how you got into film?
I used to study language and literature in Milan. When I came to Estonia for Erasmus, I ended up on a friend’s set for a small school project. It was the first time I had ever seen a camera on a film set. I fell in love instantly. That day I felt it was my destiny. Within three months, I quit my university in Milan and applied to film school. When my mom heard, she was a bit shocked. I went to take the entrance exam, got accepted, and soon after, a friend who had started working in a casting agency brought me in as well. While working, I began developing my own projects.
Are there any new projects planned?
Yes, I am also developing a feature film in Italy. We are still in the phase of looking for funding for script development, and I’m working together with two other writers. I am also applying for a new experimental animation project and preparing materials for that as well. In addition, together with Fidelia, I organize a series of erotic film screenings showcased in Estonian cinemas, called „Camera Erotica“.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Room Number„





