Sieben Fragen an Emilia Zieser

Doreen Kaltenecker
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Roozbeh Gezerseh

Interview: Im Gespräch mit Emilia Zieser konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Fructus Fliegus“ erfahren, der im Programm des 41. interfilm Berlin 2025 zu sehen war, nach welchen Ideen sie die Landschaft formte, ob alles analog entstanden ist und wie es nach ihrem Abschluss an der Universität weitergehen wird. 

Wie ist die Idee zu Deinem surrealen Film entstanden?

Ich hatte schon ein paar Jahre vorher die Idee, das Gehirn als eine surreale Landschaft darzustellen. Damals hatte ich eine sogenannte Augenmigräne, bei der vorübergehend Sehstörungen auf einem Auge auftreten. Das ist gar nichts Gefährliches, aber natürlich habe ich damals alles darüber gegoogelt. Die wissenschaftliche Sprache, mit der Teile des Gehirns beschrieben wurden, von denen ich noch nie gehört hatte, klang für mich eher wie die Beschreibung eines fremden Planeten. Da kam ich auf die Idee, dass es lustig wäre, einen Stop-Motion-Film in einer Gehirnwelt spielen zu lassen. Die Augenmigräne habe ich übrigens nicht mehr, vielleicht bin ich sie ja durch den Film losgeworden!

Kannst Du den Zuschauenden eine kleine Interpretationshilfe geben?

Mir ging es hauptsächlich darum, eine Welt zu bauen, in die man als Publikum gerne eintaucht und der Figur eine Weile folgt. Dabei habe ich versucht, eine Art innere Logik aufrechtzuerhalten – zum Beispiel kann die Figur in dieser Welt fliegen, aber nur, wenn sie Flügel anzieht. Und wenn sie einen Weg rein findet, muss es auch einen Ausgang geben. Das kann eine so komische Welt plötzlich ganz plausibel wirken lassen. Natürlich gab es ein paar inhaltliche Ausgangspunkte, aber bei einem fünfminütigen Kurzfilm ist es schwierig etwas zu verraten, ohne sofort den ganzen Film zu spoilern! Deswegen lasse ich das Publikum gerne ihren eigenen Weg dadurch finden.

Kannst Du mir mehr zu den Rahmenbedingungen erzählen: Wie viel Zeit hattest Du und wie groß war Dein Team?

Der Film ist mein Abschlussprojekt an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Entsprechend hatte ich ziemlich viel Zeit und auch Zugang zu Kameratechnik und einem Studio. Unser Kernteam bestand aus unserem Sound Designer Mischa Kissin, der Sprecherin Viktoria Schreiber, und mir. Dazu kamen dann alle Lehrenden und Studierenden, die den Film unterstützten und viel Rat und Input gegeben haben. Solche Dinge, die sich schwer in Credits zusammenfassen lassen.

Insgesamt ist der Film über etwa drei Jahre entstanden. Das klingt erstmal ewig, lief aber natürlich parallel zu anderen Projekten und dem Rest des Studiums. Ich habe in dieser Zeit unglaublich viel über Stop-Motion-Animation, Postproduktion und den Mut zum Experimentieren gelernt. Dafür bin ich der Filmuni sehr dankbar!

Dieses Mal hast Du nicht mit 2D-Zeichnungen gearbeitet, sondern mit 3D-Modellen. Ich möchte gerne mehr über die Animationen selbst erfahren. 

Stimmt, vorher habe ich hauptsächlich mit 2D-Animation gearbeitet. Für diesen Film wusste ich aber von Anfang an, dass er in einer haptischen, dreidimensionalen Welt spielen soll – entweder als digitale 3D-Animation oder ganz analog. Und weil ich die Chance nutzen wollte, während des Studiums Zugriff auf Technik und Studios zu haben, habe ich mich für Stop-Motion entschieden. Der ganze Film ist analog entstanden, nur im Nachhinein haben wir kleine Fehler und Rigs rausretuschiert. Die Figuren bestehen aus Silikon mit einem Drahtskelett, und ihre Köpfe sind aus Knete gemacht, um die Mundbewegungen zu formen. Sie sind mit der klassischen Stop-Motion-Technik animiert: Foto machen, Figur ein kleines bisschen bewegen, nächstes Foto, und so weiter. Man muss dabei auch immer wieder testen, welcher Weg am besten funktioniert. Am Ende des Films gibt es zum Beispiel eine Szene mit Wasser. Ich habe lange nach dem richtigen Material gesucht, um eine große Welle zu animieren, und am Ende hat das Haargel am besten funktioniert. Das Studio hat noch wochenlang danach gerochen… aber genau das macht an Stop-Motion-Animation so viel Spaß: es gibt nie nur den einen richtigen „professionellen“ Weg. Es ist ein sehr spielerisches Arbeiten.

Du erschaffst eine surreale Landschaft mit rätselhaften Elementen – gibt es dabei popkulturelle oder künstlerische Einflüsse, auf die Du referenzierst?

Auf jeden Fall. Ich war sehr von Kunst und Popkultur inspiriert. Für jede „Welt“ im Film hatte ich ein eigenes Pinterest-Board mit Gemälden, Fotografien und Filmstills. Für die Landschaften waren zum Beispiel die Gemälde von Georgia O’Keeffe eine große Inspiration, besonders ihre Bilder amerikanischer Canyons. Die haben auch etwas sehr körperliches, wie innere Landschaften. Auch das Drehbuch des Films hat sich aus diesen visuellen Einflüssen entwickelt – immer wenn ich inhaltlich nicht weiter gekommen bin, habe ich so lange durch Referenzen geklickt, bis ich etwas gefunden habe, das mich wirklich begeistert. Und wenn dann wieder die Begeisterung dabei ist, lässt es sich viel leichter weiter arbeiten.

Auch die Musik und der Sound sind wichtig für den Film. Kannst Du mir noch ein bisschen mehr dazu sagen?

Sounddesign, Musik und Mischung stammen von Mischa Kissin. Wir waren schon im Austausch, während ich noch animiert habe, weil es ohne Sound schwer ist, Rhythmus und Länge eines Shots richtig einzuschätzen. Als Musikplatzhalter lief lange ein Stück aus „Twin Peaks: The Return“. Als wir dann wirklich mit dem Sound anfangen konnten, war das für mich der schönste Teil, weil Animation durch Sound erst anfing zu leben. Anders als beim Realfilm gibt es hier ja keinen Originalton vom Set, das heißt, alles entsteht aus dem Nichts. Mischa hat dafür eine eigene Klangwelt gebaut, die den Film enorm trägt. Dabei habe ich auch gemerkt, dass es beim Sound – genau wie bei der Animation – nie nur einen „richtigen“ Weg gibt. Wir haben zum Beispiel lange darüber nachgedacht, welchen Sound das Gemälde in der ersten Szene machen soll, wenn es zurechtgerückt wird. Dann haben wir uns absichtlich für ein minimal zu lautes, quietschendes Geräusch entschieden, und ich muss immer noch bei jedem Screening darüber lachen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja! 2024 habe ich mit meiner Kollegin Giulia Falciani zusammen das Animationsstudio „Studio Fazi“ gegründet, das sich auf Animation für ein erwachsenes Publikum und innovative Formate spezialisiert hat. Vor kurzem durften wir zum Beispiel eine Animationssequenz für die dritte Folge der RTL+ Serie „Euphorie“ animieren. Gerade entwickeln wir auch mehrere eigene Projekte, darunter ein Virtual-Reality-Projekt, das Stop-Motion, 3D-Animation und 360-Grad-Film miteinander verbindet. Die spielerische Arbeit geht also weiter!

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Fructus Fliegus

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