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Interview: Im Gespräch mit der französisch-deutschen Filmemacherin Gwenola Heck konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Gaïa“ erfahren, der im Programm des 41. Interfilms Berlin 2025 lief, erfahren, wieviel Zeit in den fünf-minütigen Film geflossen ist, welche Technik sie verwendet und welche Themen sie alle in dem Film aufgreift.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?
Die Idee entstand zu einer Zeit, in der ich mich stark im Klimaschutz engagierte und mich erstmals intensiver mit ökofeministischen Strömungen auseinandersetzte. Dabei ging es mir darum zu beobachten, welche Parallelen es zwischen der Gewalt gegen die Natur und der Gewalt gegen marginalisierte Menschengruppen gibt. In Verbindung mit meinen starken Gefühlen rund um das Thema Schwangerschaft entstand Gaïa als Körperplanet, der das Leben in sich trägt und sich gegen eine Zivilisation wehren muss, mit der sie eigentlich in Symbiose lebt. Als meine älteste Freundin schwanger wurde, hat das viel in mir ausgelöst – darauf musste ich mit diesem Film darauf reagieren.
Dein Film ist nur fünf Minuten lang, aber trotzdem steckt so viel drin. Welche Botschaft ist Dir aber besonders wichtig?
Dass Mensch und Natur sich nicht gegenüberstehen, sondern eine Einheit bilden, ist meiner Ansicht nach eine offensichtliche Botschaft – eine Position, an der ich festhalte. Für mich bleibt jedoch die Frage nach unserer Freiheit in Bezug auf persönliche Entscheidungen offen. Die Entscheidung, ein Kind zu zeugen, ist zutiefst individuell, unterliegt jedoch erheblichem gesellschaftlichem Druck. Dass der Ausdruck „Familie gründen“ häufig synonym mit „Kinder bekommen“ verwendet wird, verdeutlicht bereits, dass alternative Familienformen kaum mitgedacht werden. Meiner Ansicht nach können beispielsweise auch aus tiefgehenden Freundschaften tragfähige Familienmodelle entstehen.
Insgesamt versuche ich zu klären, ob eine Entscheidung gegen die Kinderzeugung in unserer Gesellschaft tatsächlich als freie Entscheidung gelten kann oder in welchem Maße sie möglicherweise eine Gegenreaktion auf etablierte gesellschaftliche Normen darstellt.
Die Animationstechnik ist großartig. Kannst Du mir mehr über die Technik erzählen?
In meinem vorherigen Film habe ich erstmals mit Lasercut-Animation experimentiert und in diesem Projekt darauf aufgebaut. Gemeinsam mit einem Team aus Animator:innen haben wir die Bilder händisch animiert. Anschließend habe ich die Frames mit Hilfe eines Lasercutters aus Papier ausgeschnitten. Danach wurden die einzelnen Frames vor der Kamera eingeleuchtet und ausgetauscht. Das Austauschen von Elementen vor der Kamera wird in dem Fall als Replacement Animation bezeichnet.
Darüber hinaus haben wir Sets aus Pappmaché gebaut, auf denen wir verschiedene experimentelle Animationstechniken angewendet haben. Darunter gehörten In-Camera-Effekte, Animationen durch Licht und andere Formen von Replacement Animationen.
Wie lange habt ihr für die Realisierung gebraucht und wie groß war euer Team?
Ich war insgesamt ein Jahr Vollzeit beschäftigt. Das Kernteam bestand aus meiner Produzentin, der Kamerafrau und Art Director/rechter Hand. Insgesamt haben ca. 30 Menschen an dem Film mitgewirkt.
Was lag Dir beim Voice Over am Herzen? Wer hat es eingesprochen?
Das Voice-over habe ich selbst eingesprochen. Das war ursprünglich nicht geplant, aber als ich begann, Sprecherinnen zu casten, merkte ich, dass bei professionellen Stimmen etwas von dem „Rohen“ fehlte, das ich gesucht habe. Ich wollte, dass Gaïa ihre Geschichte ganz beiläufig erzählt – ohne Aufregung und ohne großen Pathos. Außerdem habe ich das Gefühl, in meiner Muttersprache Französisch subtilere Emotionen transportieren zu können.
Kannst Du mir von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe meine Laufbahn zunächst in technisch geprägten Bereichen der 3D-Animation begonnen. Über die Jahre bin ich jedoch zunehmend in eher künstlerische Gefilde vorgedrungen und habe schließlich im Bereich der 2D-Animation und Experimenteller Animation / Stop-Motion meine Ausdrucksform gefunden. Dabei nutze ich mein technisches Hintergrundwissen gezielt, um künstlerische Prozesse zu erleichtern und zu unterstützen. Außerdem arbeite ich immer wieder im Szenenbild – am liebsten für Stop-Motion, aber auch für Realfilme.
Ich habe im Bereich der Animation die quirligen und herzlichen Persönlichkeiten gefunden, mit denen ich mich umgeben möchte. Außerdem ist es für mich wichtig, mit Menschen zu kollaborieren, von denen ich lernen kann, seien es grundsätzliche Arbeitsweisen, neue Perspektiven oder technische Herangehensweisen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ich entwickle bereits neue Stoffe und bewerbe mich für Förderungen. Dabei hoffe ich weiterhin mit den Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen ich tolle Arbeitsprozesse etabliert habe.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Gaïa“