Christoph Hein: Glückskind mit Vater

@Suhrkamp Verlag

Halbe Rezension: Ein alter Mann erzählt seine Lebensgeschichte. Was nach absoluter Ödnis klingt, wird bei Christoph Hein zum mitreißenden Geschichtserlebnis. Gestern erschien der Roman. Auf der Internetseite des MDR Figaro liest ihn der Schauspieler Ulrich Matthes. Bis Ende nächster Woche kommt jeden Tag ein neues Stück dazu. Noch sind alle abrufbar und werden zum Schluss insgesamt knapp sieben Stunden Unterhaltung bieten.

Konstantin Boggosch heißt eigentlich Müller. Dass er den Namen des Vaters ablegte, das hat die Mutter nicht deshalb veranlasst, weil es Müllers wie Sand am Meer gibt. Nicht wegen der Beliebigkeit. Im Gegenteil wäre der Familienname Müller in dem kleinen Heimatstädtchen bekannt und eindeutig. Müller, das ist gleichbedeutend mit Kriegsverbrecher.

Christoph Hein gehört zu den großartigsten Erzählern unserer Zeit. @picture-alliance

Denn der Vater war erst reicher Industrieller, dann noch reicherer Nazi. Auch wenn die Westverwandtschaft am nationalsozialistischen Engagement zweifelt. So oder so: Konstantin, der seinen Vater nie kennenlernte, ist immer mit dem Ruch seines Vater behaftet. In der Kleinstadt sowieso. Dort darf er keine höhere Schule besuchen, auch wenn er der Streber schlechthin ist. Kinder von Nazis und Industriellen und erst recht von Nazi-Industriellen haben in der DDR nichts zu lachen. Wie anders wäre es im Westen!

So haut Konstantin mit gerade mal 14 Jahren ab. Nicht einfach zur abweisenden Westverwandtschaft. Sondern nach Marseille. In einer wunderbaren und absolut unwahrscheinlichen Wendung fasst Konstantin in Frankreich Fuß. Unterstützung erhält er von ehemaligen Resistance-Mitgliedern. Aber natürlich: Konstantins Vater hat längst seine Spuren in Marseille und im Resistance-Freundeskreis hinterlassen.

Als sich die DDR-Grenze schließt, huscht Konstantin hinüber in die DDR. Auch wenn er nicht weiß, ob sein französischer Schulabschluss dort anerkannt wird. Auch wenn er befürchten muss, als Republikflüchtling ins Gefängnis gesteckt zu werden. Er will seine Mutter nicht im Stich lassen.

Ulrich Matthes liest den Roman vor. @Argon Verlag

Wie das Ganze weitergeht, werden die nächsten Tage zeigen. Anstoß für die ganze Erzählung ist in der geschickt geflochtenen Rahmengeschichte eine Mitteilung des Finanzamts. Es geht um die Zahlung der Kirchensteuer. Aber wenn es bei Hein die Bürokratie ist, welche die Erinnerung wachruft, ist das etwas ganz anderes als die langatmige Gedächtnisentleerung aufgrund von Gebäck, wie bei Marcel Proust. Dezente Anspielungen auf verbotene Sexabenteuer beim dekadenten Adel können ja so anöden. Christoph Hein erzählt von deutsch-deutscher Geschichte, wie sie auf den Bildungskanälen im Fernsehen Dauerschleifen läuft. Ein Entwicklungsroman, wie die deutsche Literatur ihn seit Jahrhunderten im Angebot hat. Doch dieser entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Es sind manchmal die krassesten Unwahrscheinlichkeiten, die Konstantin Boggosch durchlebt. Aber in ihnen wird die Geschichte lebendig, die bis in unsere heutige Gesellschaft hinein wirkt.

Also: hören! Und wer zu spät kommt: Lesen!

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

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