Jacques Tardi: Elender Krieg

@ Edition Moderne

Buchkritik: Wenn ein Comicautor in die französische Ehrenlegion aufgenommen werden soll, ist das schon außergewöhnlich. Eine wirkliche Bombe ließ Jacques Tardi platzen, als er die ihm angedachte Ehre rundheraus ablehnte. Doch wer sich Tardis Schaffen anschaut, zum Beispiel den Comic „Elender Krieg“, den wundert diese Reaktion nicht.

Der Große Krieg, das ist für unsere französischen Nachbarn (und auch die Engländer und Italiener) der Erste Weltkrieg. 2008, als die ersten offiziellen Überlegungen zum 100-jährigen Jubiläum des Krieges anfingen, brachte Tardi bereits den ersten Teil von „Elender Krieg“ (frz. Originaltitel: Putain de guerre!) heraus. Er erzählt die Jahre 1914 bis 1916. Der zweite Teil folgte 2009. Der Verlag Edition Moderne packt beide Teile plus einem sehr ausführlichen historischen Anhang von Jean-Pierre Verney zusammen.

Wie bestellt und nicht abgeholt steht er da, der kleine Schlosser aus Paris. Die knallroten Uniformhosen leuchten über dem Grün der Wiese und machen ein leichtes Ziel aus ihm. Doch lange wird die Wiese nicht grün bleiben. Keine einzige Sprechblase bekommt der namenlose Schlosser, obwohl er den Leser durch das ganze Buch begleitet. Jacques Tardi weicht vom klassischen Comicstil ab und macht den jungen Handwerker zum Erzähler. Ganz so, als ob der Opa seinem Enkel vom Krieg erzählen würde.

Die Handlung ist in einzelne Jahre gegliedert. Meist unterbrechen ein oder zwei besondere Szenarien die sonst recht allgemein gehaltenen Betrachtungen zum Thema Krieg. 1914 blickt der Schlosser zurück auf die so oft beschworene Kriegsbegeisterung, die sich nach seinem Empfinden stark in Grenzen hielt. Das erste Feuergefecht wird zum französischen Massensterben sinnlosester Art. Der Leutnant befiehlt pflichtgemäß seinen Soldaten, einen von den Deutschen besetzten Hügel zu erstürmen. Die mähen die Franzosen einfach nieder. Klammheimlich hat sich der Schlosser in ein Gebüsch verzogen, um auszuruhen – und um am Leben zu bleiben. Ein Deutscher setzt sich neben den vermeintlich Toten, um ebenfalls ein Nickerchen zu machen. Noch oft wird der Erzähler an „seinen Fritz“ denken.

In den Jahren erlebt der Erzähler, wie exotisch anmutende Soldaten aus den Kolonien in den vordersten Linien verheizt werden. Wie die vorerst beneideten Piloten den jämmerlichsten Tod finden. Wie ein Kamerad standrechtlich erschossen wird, weil er ein Antikriegslied sang.

Kein Peng oder Bäm für Schüsse oder Explosionen, auch das eine hervorragende Entscheidung. Denn solche Klangandeutungen hätten auf keine Weise den Kriegslärm darzustellen vermocht. Stattdessen bildet Tardi den Hagel aus Geschossen, aufspritzender Erde und umherfliegenden Körperteilen in den Panels ab.

Die verheerenden Auswirkungen auf die Natur stellt Tardi besonders in der Farbgebung nach. Wo am Anfang noch die Farben einer unberührten Natur erstrahlen, herrschen bald nur noch Grau und Braun. Manchmal Rot, klar, woher das kommt.

Lakonisch drückt sich der Erzähler aus, kein Wort zu viel, kein Gejammer. Das hält er so bei den Beschreibungen der Umstände, unter denen die Soldaten diesen Krieg bestreiten, der definitiv nicht ihrer ist – und das wissen sie. Auch, wenn die Gedanken über die Front hinausgehen, zu Politikern und Kriegsgewinnlern, behält er die Knappheit bei. Ein Beispiel für den Stil: „Mit einem Loch im Magen warteten wir auf den Fraß, der uns im günstigsten Fall voller Schlamm vorgesetzt wurde. Das bedeutete, dass die Versorgungstruppe in einem Laufgraben in Deckung gehen musste und den Kübel umkippte.“ Was heißt, dass die Leute den ausgelaufenen Essensbrei in die Kessel zurückschaufelten. Lecker. Aber doch der günstigste Fall, denn gab es keinen Fraß mit Schlamm, gab es nichts. In drei Sätzen umreißt Tardi das ganze Hungern an der Front. Die sehr knappe Sprache macht Phrasen, die öfter auftauchen, zu nervigen Wiederholungen. Doch die sind selten.

          @ Edition Moderne

Tardis Comic endet nicht mit der Waffenruhe. Er fügt eine Galerie von Verstümmelten an. Wie Passfotos zeigen die 18 Bilder verschiedene Gesichtsverletzungen. Danach kommt das Kapitel 1919, in dem Schicksale von Menschen unterschiedlichster Schichten beleuchtet werden: Vom Mädchen, das mit seinen kleinen Geschwistern aus dem Kriegsgebiet flieht, um dann mitsamt der ganzen Wohnung der Tante in die Luft zu fliegen. Vom Soldaten, der bei einem feststeckenden Freund bis zu dessen Tod ausharrt und darüber verrückt wird. Vom toten Militärpfarrer, dessen Verschwinden erst nach Tagen auffällt, der Lazarettschwester, dem Propaganda-Beauftragten, dem Bauern unter Spionageverdacht, der vom Kriegsgericht erschossen wird.

Der Fokus wendet sich dem ehrenden Brimborium zu, den der französische Staat den Verstümmelten und Getöteten zuteilwerden lässt. Bitter ist das alles. Es schließt ab mit einem Bild des Schlossers, der in einem Pariser Café sitzt. Der sieht unversehrt aus, denn der Handstumpf fällt erst auf, wenn man den Text gelesen hat. Schlosser wird er nicht mehr. Immerhin: Seine Frau, die zwischenzeitlich Granaten gefüllt hat, ist nun wieder an ihrem alten Arbeitsplatz und verkauft Blumen.

Gute vierzig Seiten mit sehr interessantem Material, das der Historiker Jean-Pierre Verney zusammengestellt hat, schließen das Buch ab. Es breitet Hintergrundwissen aus, das für die meisten noch Überraschungen bereithalten dürfte. Nur manchmal ist Verneys Ausdruck etwas arg blumig. Ein Beispiel: „… doch die Nägel für das Kreuz des Holzes, an das die Welt geschlagen werden soll, sind bereits verteilt.“ Na, dieser Stil wird vielleicht auch seine Liebhaber finden.

Insgesamt ist es ein wertvolles Buch, dessen Einsatz im Schulunterricht sogar schon vom Verlag vorbereitet wird. Sollte es dort kommen, kann ich den Eltern der Schulkinder nur eins raten: Krallt euch den Comic und lest ihn auch.

Fazit: Jacques Tardi erschafft mit „Elender Krieg“ einen Comic, der schonungslos und ohne Albernheiten, ohne Überzeichnung oder Heldenmacherei vom Ersten Weltkrieg erzählt. In knapper Sprache entfaltet er das ganze Panoptikum des Gemetzels und des Drumherums.

Bewertung: 4,5/5

Geschrieben von Katrin Mai

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