Volksbühne Berlin: Baumeister Solness

Aufführungsbericht: Eine der letzten Inszenierungen des Altmeisters Frank Castorf ist es. Kultstück wird es genannt. Der Balla-Balla-Baumeister ist laut, bunt und eine pralle Tüte aus Banalitäten. Wer das Drama von Henrik Ibsen vorher nicht kannte, wird nach diesen langen vier Stunden auch nicht schlauer sein.

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Wer jetzt denkt: „Hä?“, weiß schon alles über das Stück. Solness (Marc Hosemann), Hilde (Kathrin Angerer), Hübchenpuppe, Solness‘ Ehefrau Aline (Daniel Zillmann) (c) Thomas Aurin für Volksbühne Berlin

Das Bühnenbild von Bert Neumann ist großartig: Eine gute alte Einbauküche, durch ein Regal getrennt vom stattlichen Wohnzimmer, darüber eine Art Terrasse. So weit, so gut. Sechs Schauspieler bestreiten den ganzen Abend, zwei davon sind als Nebenfiguren nur kurz zu sehen. Marc Hosemann gibt den Titelhelden. Kathrin Angerer als Hilde Wangel läuft ihm den Rang ab, wenn es um Szenenapplaus geht. Denn sie hat schwallartige Monologe, die sie gegen die andauernde Hintergrundmusik anschreit. Überhaupt wird das meiste an Text geschrien, was nicht nur für die Schauspieler anstrengend ist. Dazu kommt mit dem groß gewachsenen und nicht sehr schlanken Daniel Zillmann die Ehefrau Aline. Körperwitze fehlen nicht, sind aber im erträglichen Maß gehalten. Dann gibt es noch Hanna Hilsdorf, die die hübsche und extrem anhängliche Sekretärin Kaja Fosli verkörpert.

Zu Anfang gibt es einen Hauch Handlung. Man lernt alle Figuren kennen und aus dem Küchenschrank entleeren sich Hunderte roter Bälle auf die Bühne. Dorthin fliegt auch der erste Henry Hübchen, der in diversen Ausführungen die gesamte erste Reihe des Parketts besetzt. Damit wären die visuellen Höhepunkte des ersten Teils der Vorstellung beschrieben. Die Hübchen-Puppen sind schön groß, so dass man als kleiner Mensch nicht ganz so viel von der Bühne sieht, aber auch einen guten Sichtschutz hat, wenn die Augen zuklappen (in der ersten Hälfte ein paar Mal).

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Ein Haufen Henry Hübchens, irgendwo zwei ackernde Darsteller, das Publikum ist nicht im Bilde. Das bleibt auch so. (c) Thomas Aurin für Volksbühne Berlin

Im zweiten Teil gibt es einen Henry Hübchen-Berg, schier endlose Schlagereinlagen und das Bühnenbild in Aktion. Baumeister Solness fliegt in die Luft und sorgt für fünf sehenswerte Minuten. Während im ersten Teil noch hie und da ein paar Lacher vom Publikum zu hören sind, ist es in der zweiten Hälfte still. Vor einigen Jahrhunderten hätte man dagegen reichliches Klacken gehört – vom Deckel der Taschenuhren. Zäh wie Kaugummi ist der zweite Teil und nimmt gefühlt kein Ende.

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Frank Castorf (c) Tobias Hase / dpa

Warum ist die Inszenierung in Berlin ausverkauft? Wegen der Flughafenwitze? Den Selbstbezügen und Brecht`schen Verfremdungseffekten, wenn der Baumeister spoilert, dass er am Ende des Stücks stirbt (was er dann aber doch nicht tut)? Vielleicht auch nur, weil alle Kritiker aus unerfindlichen Gründen Castorfs Inszenierung in den Himmel heben. So auch der Rezensent für die Sächsische Zeitung, Rainer Kasselt. Ein Satz lässt die Gallensteine besonders hüpfen: „Denn so, wie er [Castorf, Anm. d. Verf.] Klassiker mit Musik, Tanz, Blödelei, Zitaten und Boulevardelementen verquirlt, schafft er vor allem jungem Publikum neuen Zugang zu alten Texten.“

Lieber Rainer Kasselt: Entweder, ich bin alt, oder Sie schreiben da verquirlten Unsinn. Oder beides. – Man kann natürlich jede Menge Albernheiten aneinanderreihen und Spuren von Ibsen beibehalten. Das ist aber kein neuer Zugang, sondern ein neues Stück. Vom alten Text ist kaum etwas übrig, und wenn doch, geht es im irre langen Rest unter.

Dabei muss man einen Klassiker nicht mit Pokemonkostümen und sonstigem so aufblähen, dass die Dosis an geistigem Gehalt homöopathisch ist. Michael Hartmanns vergangene Inszenierung von Dostojewskis „Idiot“ in Dresden zeigte, wie es besser geht: Man nimmt den Text ernst, holt das Wesentliche heraus und erhält vier Stunden voller Spannung und erhellender Momente. Denn, liebe Theatermacher: Wenn die Jugend bunt zusammengewürfeltes Zeug sehen will, das unterhält, dann geht sie nicht ins Theater. Sondern zu Buzzfeed.

Fazit: Ihr habt vier Stunden Lebenszeit übrig? Verbringt sie sinnvoll, sucht euch was anderes. Wenn ihr Berliner seid, ist die erste Hälfte ganz nett, aber nutzt um Himmels Willen die Pause zur Flucht!

Quellen: Rezension von Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung vom 23.05.2017

Volksbühne Berlin: https://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/baumeister_solness/?id_datum=11755

und Wikipedia.de, um herauszufinden, worum es bei „Baumeister Solness“ tatsächlich geht

Geschrieben von Katrin Mai

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