Joseph Heller: „Rembrandt war 47 und sah dem Ruin ins Gesicht“ (1988)

© C. Bertelsmann

Buchkritik: Wer Joseph Heller (1923-1999) kennt, der kennt ihn als Autor des irrwitzigen Romans „Catch-22“ (deutsch: „Der IKS-Haken“, später ebenfalls „Catch-22“). Das Antikriegsbuch wurde verfilmt, auch eine ziemlich lustige amerikanische Ska-Band hat sich danach benannt. Im englischen Sprachgebrauch hat sich „Catch 22“ als geflügeltes Wort für eine eingefahrene, paradoxe Situation eingebürgert.

27 Jahre nach dem Megaerfolg brachte Heller ein Buch heraus, mit dem er sich ins Gebiet der Kunstgeschichte vorwagte. Der Originaltitel lautet „Picture This“ (1988) und dreht sich um Rembrandt, Aristoteles, die Gegenwart und vor allem die Ökonomie. Klingt geil, oder?

Josephy Heller, Miami Bookfair International, 1986

Joseph Heller 1986 (c) MDCArchives

Handlung: Rembrandt malt ein Bild. Nämlich das von Aristoteles. Und verkauft es. Das ist der zentrale Handlungsstrang. Und die Tatsache, dass der gemalte Aristoteles Aristoteles ist. Sobald Rembrandt ihm ein Ohr gemalt hat, kann er hören, er sieht, denkt und erinnert sich. Seinen Schöpfer Rembrandt findet er menschlich nicht toll, ist aber zunehmend begeistert von seinem Können.

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Achtung! Dieser Aristoteles sieht und hört und denkt. Sagt jedenfalls Joseph Heller, der Rembrandt beim Malen und Pleite gehen begleitet. Rembrandt van Rijn: Aristoteles mit der Büste Homers (1653)

Dass Aristoteles zum Leben erwacht und sich erinnert, eröffnet eine neue Ebene. Durch ihn lernen wir seinen Lehrer Platon kennen, und selbst in die Lebensumstände von dessen Lehrer Sokrates erhalten wir Einblick. Aristoteles‘ Schüler Alexander der Große kommt auch zur Sprache, wie überhaupt die ganze damalige Geschichte – Politik plus Ökonomie. Die Kriege damals, die Taktiererei der reichen Politiker auf Kosten der armen Wähler, die sich willig in die Katastrophe lenken ließen. Bis in die älteste griechische Geschichte, zur Lebenszeit von Homer, dessen Büste Aristoteles auf dem Bild betrachtet, folgt der Leser dem Erzähler.

Doch auch in die entgegengesetzte Richtung reicht die Perspektive des Erzählers, indem er den Werdegang des Rembrandt-Bildes verfolgt. Wer Heller kennt, ahnt, dass das alles nicht chronologisch geordnet vorgeht. Der Erwerb des Bildes durch das New Yorker Metropolitan Museum of Modern Art dank reicher Spender blendet zu Rembrandt über, dann kommt etwas Platon, und schwupps sind wir bei Alexander dem Großen (oder so ähnlich). Dabei geht es um Kunst, um Politik und immer wieder um das liebe Geld. Das fehlte schon Sokrates, aber dem war das ziemlich egal. Rembrandt aber steckt mehr als bis zum Hals in Schulden. Das Erbe seines minderjährigen Sohnes Titus hat er schon vollständig „geliehen“ und wird es nicht schaffen, es jemals zurückzuzahlen. Obwohl er Titus um viele Jahre überlebt.

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Unerreichter Geniestreich: Catch-22 von Joseph Heller (c) Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=19732528

Fazit: Man muss weder an Philosophie noch an Kunst oder Geschichte interessiert sein, um dieses Buch genial zu finden. Denn hier geht es auch um die Gesellschaft, die Mechanismen der Politik, Ökonomie und Meinungsbildung. Hochspannend ist das aber leider nicht. Denn wo die Wiederholungen und Rückblenden bei „Catch-22“ nach und nach das traumatische Erlebnis des Protagonisten freilegen, da kommt bei „Rembrandt war 47 und sah dem Ruin ins Gesicht“ einfach noch mal das Gleiche. Auch die chaotischen Zeitsprünge sorgen dafür, dass sich das Buch nicht so flüssig lesen und weniger Spannung aufkommen lässt. So ist es eine wunderbare Lektüre zum Beispiel für den Arbeitsweg, die häppchenweise riesengroßen Spaß macht. Und man trifft den unvergleichlichen bissigen Humor Joseph Hellers wieder, der auch in seinem vielleicht zweitbesten Roman zündet.

Bewertung: 4,5/5

Geschrieben von Katrin Mai

Quelle: die gute alte Wikipedia zum Thema Joseph Heller

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