Im Staatsschauspiel Dresden: Hexenjagd

Aufführungsbericht: Man nehme einen Text von Arthur Miller, der perfekt zur aktuellen Lage passt. Dazu ein 16 Mann starkes (und wirklich starkes) Schauspielteam und zweieinhalb Stunden Zeit. Was erhält man? Dank der neuen Homepage-Gestaltung des Staatsschauspiels Dresden weiß das wirklich nur, wer sich das Stück ansieht. Oder diese Rezension liest.

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Ganz links: Ursula Hobmair als verleumderische Abigail Williams. In der Mitte die Rückansicht von Torsten Ranft als Richter. © Sebastian Hoppe

Inhalt, grob: Die USA am Ende des 17. Jahrhunderts. Eine Handvoll jugendlicher Mädchen hat nackt im Wald getanzt und noch anderen Zauber betrieben. Der Priester hat halbwegs was gesehen und nun gilt es für die Mädchen, ihren guten Ruf zu wahren. Die Anführerin Abigail bezeichnet kurzerhand die schwarze Tituba als Hexe, welche die Mädchen zu der nächtlichen Aktion gezwungen hätte. Und der Hexenwahn grassiert. Die Verhöre und Prozesse ziehen immer weitere Kreise, die Verhafteten beschuldigen unter der Folter immer mehr Menschen. Zum Schluss sind 72 Unschuldige hingerichtet, einigen steht der Tod unmittelbar bevor, 400 sitzen im Gefängnis. Damit ist die ganze Gegend verödet.

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Arthur Miller © U.S. State Department

Der US-Amerikaner Arthur Miller (1905-2005, bekannt als Pulitzer-Preisträger und Ehemann der Marilyn Monroe) schrieb dieses Stück während der McCarthy-Ära in den 50er Jahren. Damals gab es in den USA eine hysterische Hetze auf Kommunisten, die vor allem den Hollywood-Betrieb erfasste. Unter Repressalien der Antikommunisten litt nicht nur Miller selbst, sondern zum Beispiel auch Charlie Chaplin, dem die Wiedereinreise in die USA verweigert wurde. Bertolt Brecht fühlte sich veranlasst, die USA zu verlassen.

Miller ging es nicht darum, ein Stück Geschichte zu erzählen. Er zeigt die Mechanismen und die Beweggründe auf, welche die Menschenmühle der Hexenprozesse antreibt. Da ist Abigail Williams. Sie hat mehrere gute Gründe für ihre Beschuldigungen und keine Skrupel, ihre Altersgenossinnen zu zwingen, bei ihren Lügen mitzumachen. Da spielt die Angst um den eigenen Hals und Ruf hinein. Vor allem aber die Liebe zu einem verheirateten Mann, dessen Frau sich nun einfach wegdenunzieren lässt. Andere sind scharf auf das Land ihrer Nachbarn, suchen Erklärungen für den Tod ihrer Kinder, sind gierig, neidisch, machtgeil oder geltungssüchtig. So wie der Reverend Parris, der sich anfangs von seiner Gemeinde nicht genügend anerkannt und wertgeschätzt fühlt. Ein paar vernünftige Menschen stellen sich gegen das System, allen voran John Proctor, der Schwarm der Abigail Williams. Kurz und gut: Das Stück bietet viele gute Gelegenheiten für moderne Bezüge.

Doch Regisseur Stephan Rottkamp nutzt sie nicht. Wenn er Tituba mittels Waterboarding zu einem Geständnis bringen will, ist das die einzige augenfällige Verbindung zur Gegenwart. Nicht, dass die Idee neu wäre. Kostüme wie auch das Bühnenbild von Robert Schweer, bestehend aus erdigem Boden und Holzbrettern in wechselnder Anordnung, weisen in die Vergangenheit. Auf Videos wird verzichtet, die hätte es auch nicht gebraucht. Ein bisschen mehr Bewegung auf der Bühne aber schon. Zu oft stehen die Schauspieler nur herum und hören dem zu, der gerade spricht und dabei herumsteht.

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Matthias Reichwald © Sebastian Hoppe

Dabei sind die Rollen bis zu den Nebenfiguren toll besetzt. Albrecht Goette als alter poltriger Freund von John Proctor beweist, dass es für einen großen Schauspieler keine kleinen Rollen gibt. Er macht sie einfach groß. Genauso ist es mit Anna-Katharina Muck als Frau des Reichen, die über dem Tod ihrer Kinder verzweifelt. Es muss doch eine Erklärung, muss doch einen Schuldigen an ihrem Leid geben! Herausragend ist die Leistung von Matthias Reichwald als John Proctor. Und Ursula Hobmair als Abigail Williams vollbringt einen fantastischen Einstand in Dresden. Doch trotz der tollen Leistungen kommt die erste Spielhälfte einfach nicht in Fahrt.

Trotz aller Gefahr und Brisanz, trotz des spannenden Textes bleibt das Stück zäh. Das ändert erst Torsten Ranft als Richter, der in der zweiten Spielhälfte erscheint und Leben auf die Bühne bringt. Der Prozess ist längst zu groß, als dass Abigail und ihre Verleumderfreundinnen noch diskreditiert werden könnten, selbst wenn John Proctor seinen eigenen Ehebruch mit Abigail bekennt und ihre Beschuldigungen als Lügen entlarvt, um ihre eigenen Fehltritte zu verschleiern. Auch die Zweifel an der Richtigkeit des Prozesses mehren sich. Doch es gibt kein Zurück.

Fazit: Stephan Rottkamp inszeniert einen spannenden Stoff auf einfallslose Weise. Da nützt auch ein brillantes Ensemble nicht viel. Der Zuschauer merkt an vielen Stellen, wie viel Potenzial der Regisseur bei diesem Stück verschenkt hat. Das lässt sich auch daran bemerken, dass besonders in der zweiten Spielhälfte die Lacher nicht ausbleiben. Gerade mit Torsten Ranft als einem Genie fürs Komische hätte das ganze Gerichtssystem ins Lächerliche gezogen werden können, als besonders starker Kontrast zu den dramatischen Folgen des Verfahrens für die Betroffenen. Doch auch die Chance bleibt ungenutzt. Die Inszenierung ist nicht Fisch, nicht Fleisch, aber solide. Zum Kennenlernen des Millerschen Dramas eignet sie sich allemal, nicht aber für Denkanstöße oder als Kommentar zu Aktuellem. Als eine der ersten Aufführungen dieser Spielzeit bietet sie genügend Luft nach oben.

Geschrieben von Katrin Mai

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