„Alles in allem“. Eine Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Ausstellungsbericht: Dieses museale Ereignis hat einen echt sperrigen Untertitel. „Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ lautet er. Vielleicht ist das ein Grund, warum man nur allzu leicht diese wahre Perle übersieht. Die Schau wartet noch bis 19.11. darauf, euch zu begeistern. Worum geht’s und was ist daran so toll?

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Ein Grund für die Begeisterung ist diese Location! © SKD, Oliver Killig

Wer im Dresdner Schloss ist, der sucht erst einmal. Denn der Weg zur Schau führt durch den wunderbar restaurierten Hof hinein in die Schlosskapelle. Ein Wegweiser im Schlossfoyer wäre hilfreich, für Schlechtwettertage auch der Hinweis, dass die Kapelle über eine eigene Garderobe verfügt.

Die Schlosskapelle ist durch diese Ausstellung erstmals wieder für die Museumsbesucher zugänglich. Und die Ortswahl hätte nicht glücklicher sein können! Denn nach dem dunklen Kapellenkeller mit Zitate-Wand und etwas langsamem Einstiegsvideo (kann man getrost überspringen) gibt es einen Aufstieg in lichte Höhen.

Dieser Schuster war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster. Karl Marx (von der Zitate-Wand der Ausstellung)

Über die Treppe führt der Weg hinauf zur eigentlichen Ausstellung, und die ist in der hohen hellen Kapelle angesiedelt. Zum Muster des Rippengewölbes der Decke passt die Gestaltung des Fußbodens perfekt, auf dem eine Zeichnung von Böhme abgebildet ist. Der Besucher bekommt zuerst Herrn Böhme vorgestellt. Der lebt von 1575 bis 1624 im Görlitzer Raum, war erst ein Schuster und dann ein Denker, ohne je Gelehrter gewesen zu sein. Wenn das nicht einmalig ist, dann doch extrem selten.

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Ein vorteilhafteres Kupferstich-Porträt von Jacob Böhme. © SKD

Danach vermittelt die Schau Jacob Böhmes Denken anhand einiger Kernthemen. Das könnte eine staubtrockene Angelegenheit sein, hätten die Kuratoren nicht viel Fleiß darauf verwendet, „Alles in allem“ so sinnlich zu gestalten. Hier trifft man auf Kupferstiche und Gemälde, selbst moderne Kunst von Hans Arp und Wassily Kandinsky aus Privatsammlungen konnten die Kuratoren beschaffen. Feine Objekte aus dem Grünen Gewölbe machen das damalige Denken begreifbar. Besonders begeisternd, leider etwas schlecht ausgeleuchtet ist eine aufklappbare Kreisfläche, die mittels Popup-Technik die wichtigsten Kerngedanken Böhmes zusammenfasst.

Ein Audio-Areal und noch etwas Video-Einsatz bringen die historischen Bücher zum Leben. Sogar das Hauptwerk von Jacob Böhmes eigener Hand findet sich. Dass es überlebt hat, ist ein Wunder, denn Böhme hatte zwar Anhänger, aber auch erbitterte Feinde. Seine Werke wurden von Freunden abgeschrieben und fanden so Verbreitung, nur ein einziges Werk wurde zu Böhmes Lebzeiten gedruckt. Auch die Legendenbildung um Böhme nach seinem Tod nimmt die Ausstellung in den Blick. Auf sinnvolles Maß ist der Einsatz von Touchscreens beschränkt und erlaubt es, die Wirkung von Böhme und einiges Wissenswertes der Zeit selbst zu erforschen.

Jacob Böhmes „Philosophische Kugel“ © Bibliotheca Philosophica Hermetica Amsterdam

Wie sieht die Gedankenwelt Böhmes nun aus? Hier trifft die mittelalterliche Zwei-Bücher-Theorie (für die Gelehrten gibt es die Bibel, für die Laien die Natur, um Gott zu erfahren) auf den bei Goethe beliebten Pantheismus (Gott steckt in der Natur), und auch Yin und Yang klingen an. Wer Näheres wissen will, gehe in die Ausstellung oder befrage Google.

Fazit: Wer das nicht sieht, verpasst was. Zum einen den Ort, der perfekt zum Thema passt. Die Inhalte – ein nicht bekannter Denker, der Älteres aufgreift und Neueres vorwegnimmt. Und diese Präsentation, die zeigt, wie sinnlich der Zugang zur Philosophie sein kann. Übrigens: Bis Anfang Dezember gibt es die korrespondierende Ausstellung „Naturmystik in der Spätrenaissance“.

Geschrieben von Katrin Mai

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