”Der seidene Faden” (2017)

Poster zum Film "Der seidene Faden"Filmkritik: Mit zwei ‘Golden Globe’- und sechs ‘Oscar’-Nominierungen gehörte “Der seidene Faden” (OT: “Phantom Thread”, UK/USA, 2017) zu den meist erwarteten Filmen der letzten Zeit. Hinzu kam noch die Ankündigung des Schauspielers Daniel Day-Lewis, dass dies sein letzter Film werden solle. Dies steigerte die Erwartungen auf den neuen Film von Paul Thomas Anderson, der uns so großartige Filme wie “Magnolia” (1999) und “Inherent Vice” (2014) beschert hatte, umso mehr. Doch trotz Vorfreude, Detailversessenheit und Anleihen bei einem großen Meister enttäuscht der Spielfilm vor allem mit seiner sperrigen Geschichte.

© Universal Pictures International

Der renommierte Modedesigner Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) führt ein elegantes Leben im London der 50er Jahre. Von Zeit zu Zeit holt er sich für seine Kunst unablässige junge Musen ins Haus, derer er aber immer schnell überdrüssig wird. Seine Schwester Cyril (Lesley Manville) organisiert alles und schmeißt so auch immer die lästig gewordenen Frauen wieder hinaus. Als er Alma (Vicky Krieps) kennenlernt, scheint alles vorherbestimmt zu sein, doch diese will trotz Rausschmiss einfach nicht gehen. Dieser Starrsinn empört den Künstler und reizt ihn doch zugleich. Ist das etwa Liebe?

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Als der amerikanische Regisseur Paul Thomas Anderson (*1970) von seinem Freund Johnny Greenwood, dem Lead-Gitarristen von Radiohead, mal als Beau Brummell bezeichnet wurde, musste er erst einmal herausfinden, wovon er da spricht. So bekam er einen Einstieg in die Welt der Modemacher und war fasziniert von Persönlichkeiten wie Cristóbal Blanciaga (1895-1972), Charles James (1906-1978) und dem modernen Modemacher Alexander McQueen (1969-2010). Schon bald entwickelte sich die Idee, eine Geschichte, welche in den 50er Jahren spielt, über einen Modemacher zu machen. Besetzen wollte er diese Rolle unbedingt mit dem britischen Schauspieler Daniel Day-Lewis (*1957), mit dem er bei “There will be Blood” (2007) bereits erfolgreich zusammengearbeitet hatte und der für diese Rolle sogar einen Oscar erhielt. Diesmal wollte er Day-Lewis unbedingt eine schöne Figur, welche auf Ästhetik und Äußeres achtet, als Rolle geben. Der Schauspieler war sofort dabei, so dass sie ab diesen Zeitpunkt die Geschichte zusammen entwickeln konnten. Die Grundlage für den Film war eine Dreiecksgeschichte, welche Anderson schon länger im Kopf hatte. Dafür besann er sich auf das Vorbild Alfred Hitchcocks, dessen Filme “Rebecca” (1940) und vermutlich auch “Vertigo” (1958) eine große Inspiration für ihn darstellten. Ihm schwebte eine Dark Romance vor, doch leider ist das Resultat eine bemühte Liebesgeschichte zweier Menschen, denen man einfach keine Sympathien entgegenbringen kann. Ihr Verhalten bleibt trotz recht stereotyper Elemente größtenteils unverständlich und verhindert jegliches Einfühlen. Natürlich sind Sympathien nicht zwingend notwendig, um einen Film zu tragen, doch leider macht der Rest – die Welt der Mode – einen zu geringen Anteil aus, um die Zuschauer an der Stange zu halten. Auch die Schicksale aller Personen interessieren immer weniger und so baut der Film konsequent an Spannung ab.

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Gespielt wird das Ganze natürlich hervorragend und das verdient das ganze Lob der recht positiven Kritik. Daniel Day-Lewis (*1957) in seiner angeblich letzten Rolle gibt auch hier wieder alles. Als radikaler Vertreter des Method Acting hat er sich das Schneidern, Drapieren und Maßnehmen beibringen lassen. So entstand nicht nur das Drehbuch über einen längeren Zeitraum, sondern Day-Lewis Fähigkeiten reiften so weit, dass er am Ende eine Kopie eines Balenciaga-Anzugs schuf. So lebt der Schauspieler Day-Lewis die Rolle des Woodcooks in allen Zügen aus und kann einem authentischen Anspruch gerecht werden. Er ist zu dem Modemacher geworden und verkörpert ihn mit viel Härte, besitzt aber genügend Esprit, um die Anziehungskraft ebenfalls deutlich zu machen. Abgerundet wird das Ensemble von den beiden Frauenfiguren. Die britische Schauspielerin Lesley Manville (*1956) spielt die Schwester mit der gleichen Härte und hat sich damit ihre Oscar-Nominierung verdient. Wer dagegen bei den Academy Awards leer ausging ist die luxemburgische Schauspielerin Vicky Krieps (*1983), die man aus Filmen wie “Outside the Box” (2015) und „Colognia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (2015) kennt. Ihre größte Leistung ist im Film nicht sichtbar und wird durch den Umstand verschleiert, dass sie sich in der deutschen Fassung selbst synchronisiert hat, was fast immer zu holprig und unstimmig wirkt. Das Erstaunliche an ihrer Darstellung ist vor allem die Tatsache, dass Anderson sie fast immer über die Entwicklung der Geschichte und die Dynamik der Figuren im Unklaren ließ, so dass ihr Spiel vor allem ein Reagieren war.

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Den einzigen Oscar, den “Der seidene Faden”, dessen englischer Titel “Phantom Thread” wahrlich besser passt (ein psychologisches Phänomen, bei dem man durch Überarbeitung dieselben Handlungen noch nach der Arbeit weiter vollzieht), erhielt Mark Bridges für das ‘Beste Kostümdesign’. Dies sagt viel aus über den Film. Denn wahrlich er ist schön. Er zeigt elegante Häuser, besondere Kleider, schöne Menschen in schönen Kulissen. Man sieht dem Film an, dass sich Anderson und sein Team in das Thema Mode vertieft haben und die Welt der Modeschöpfer mit fast wissenschaftlichen Blick beleuchtet haben. Auch Jonny Greenwood versucht das Schöne mit seiner Musik mehr als nur zu betonen. Mit dem Musiker hat Anderson schon vier Mal zusammengearbeitet, darunter auch für den Dokumentarfilm “Junun” (2015). Für das neueste Projekt schuf Greenwood 18 Stücke, in den er viele Instrumente einbaute und auf viele Klassische Vorbilder wie Brahms, Schubert und Debussy zurückgriff. Doch die Wirkung der Musik, welche ebenfalls für einen Oscar nominiert war, betont die anstrengenden Elemente der Geschichte und wirkt wie eine unablässig dudelnde, sich wiederholende Melodie. Da hätte man dem Bombast der Bilder mit etwas weniger aufdringlicher Musik gut getan.

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Fazit: Einer der heißen Oscarkandidaten in diesem Jahr war der Spielfilm “Der seidene Faden”, der gefüllt ist mit prachtvollen Bildern, einer erstaunlicher Akribie und einem herausragendem Hauptdarsteller. Doch die Geschichte, vor allem die vermeintliche Liebesgeschichte, ist zu störrisch, um Spannung oder gar Sympathien beim Publikum zu erzeugen. Die hochgelobte Musik von Johnny Greenwood trägt dabei zusätzlich mehr zu einem anstrengenden Filmerlebnis bei, als die Schönheit der Bilder zu reflektieren. Trotz intensiver Recherchen und einem guten Ensemble bleibt der Film zu flach und belanglos, um im Gedächtnis zu bleiben. So ist “Der seidene Faden”, die erste Arbeit, welche der talentierte Filmemacher außerhalb Amerikas gedreht hat, leider mehr eine schöne Hülle als ein Film mit Substanz.

Bewertung: 5/10

Kinostart: 1. Februar 2018, DVD-Start: 28. Dezember 2018

Der Trailer zum Film “Der seidene Faden”:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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